Das Rätsel des Seidenkönigs
Jim Thompson hatte Erfolg in Bangkok – und verschwand spurlos
Von Peter Münder
Ein wahrhaft exotisches Gebäude, mit kostbaren Möbeln und seltenen asiatischen Kunstschätzen voll gestopft – für jeden Bang-kok-Touristen gehört Jim Thompsons auf Stelzen gebautes Teakhaus zu den besonders attraktiven Sehenswürdigkeiten. Nicht zuletzt, weil ausgerechnet in dem Haus eines Amerikaners authentische Thai-Architektur und asiatische Lebensart anschaulich dargestellt wird. In dem Gebäude, heute Museum, lebte der ungewöhnliche Amerikaner aus Delaware, der Thailand zu seiner zweiten Heimat machte und die in den 50er Jahren brachliegende Seidenindustrie zu neuem Leben erweckte. Wer Näheres über diesen mysteriösen Mann erfahren will, erhält allerdings nur einen Handzettel mit dem lapidaren Hinweis auf das rätselhafte Verschwinden des Unternehmers am Ostersonntag 1967.
Die Legende vom verschwundenen „Seidenkönig“ Jim Thompson beschäftigt bis heute Geheimdienstler und Journalisten, Drehbuchschreiber und Asienkenner.
Nach einem Picknick mit Freunden in den Cameron Highlands in Malaysia soll er noch einen Spaziergang gemacht haben – seitdem ist er spurlos verschwunden. Wochenlange Suchaktionen mit Soldaten, Hubschraubern und Suchhunden blieben ebenso ergebnislos wie die „Visionen“ von Hellsehern, die ihn vor ihrem geistigen Auge in Kambodscha, China oder Hongkong gesehen haben wollten.
Nach sieben Jahren wurde Thompson 1974 offiziell für tot erklärt. Weder im Dschungel noch im „Moonlight“-Gästehaus von Thompsons Freunden, dem chinesischen Ehepaar Ling, gab es konkrete Indizien, die diesen mysteriösen Fall hätten aufklären können. Rätselhaft auch: Der starke Raucher hatte das Haus ohne seine Zigaretten verlassen und ohne die Tabletten, die er regelmäßig einnehmen musste. Sein Jak-kett, in dem noch sein Pass steckte, hatte der damals 61-Jährige auf einem Stuhl liegen lassen.
Bei den Jim Thompson-Symposien, die der Foreign Correspondents Club in Bangkok veranstaltet, kommen die Vertreter der unterschiedlichsten Versionen über den verschwundenen Seidenkönig zu Wort. „Ich glaube, die CIA hatte da irgendwie mitgemischt“, sagt etwa die Amerikanerin Maxine North, die mit Thompson befreundet war und in Bangkok eine Mineralwasserfabrik besitzt. „Die CIA wusste genau, dass Thompson am nächsten Tag in Singapur beim US-Botschafter einen wichtigen Kontaktmann treffen wollte – die CIA hat dafür gesorgt, dass Thompson rechtzeitig verschwand. Aus-serdem kann es doch kein Zufall sein, dass Thompsons Schwester, die intensiv nach dem Verbleib ihres Bruders forschte, unter merkwürdigen, immer noch ungeklärten Um-ständen ums Leben kam.“
Thompsons damaliger Hausarzt, der in Bangkok lebende Däne Einar Ammundsen, schließt einen Selbstmord des lebenslustigen Amerikaners kategorisch aus: „Jim war ein ausgesprochen optimistischer Typ. Wahrscheinlich ist er im Dschungel in eine der berüchtigten Tigerfallen geraten.“
Jim Thompson war Architekt in New York und Kunstsammler, er absolvierte die Elite-Universität Princeton und wurde im August 1945 als Geheimagent nach Thailand geschickt. Mit einem Sonderkomman-do sollte er die japanischen Besatzer in Burma und Thailand vertreiben.
Dass Thompson sich beim Osterspazier-gang im Dschungel verirrte und in eine Tigerfalle fiel, halten Experten schon deswegen für unwahrscheinlich, weil er für seinen Einsatz in Burma eine Spezialausbildung mit Survivalkurs beim Office of Strategic Services (OSS), dem Vorläufer der CIA, absolviert hatte. Ausgerechnet dieser Überle-bensexperte sollte sich nun beim Spaziergang in der Nähe eines Golfplatzes verirrt haben?
William Warren, Autor einer großen Thomp-son-Biografie, kann auch nicht weiterhelfen. Der Amerikaner war Englischdozent an der Chulalongkorn Universität in Bangkok. „Ich habe Thompson als äußerst kultivierten und gebildeten Kunstkenner und Gastgeber illustrer Gesellschaften gekannt“, erklärt Warren. „Senator Fulbright und Prä-sident Sukarno, Barbara Hutton und Truman Capote, Cecil Beaton und Joseph Allsop – die meisten Persönlichkeiten, die damals Bangkok besuchten, waren bei ihm zu Gast.“
Der Fall Thompson ist auch eine einmalige Erfolgsgeschichte. 1952 stand Jim noch mit einigen Bahnen kostbarer Seide über dem Arm auf der Terrasse des legendären Oriental Hotel, das damals noch von mehr Ratten als Gästen frequentiert wurde. Der Seidenmann bot den wenigen Touristen, die sich nach Thailand verirrt hatten, seine exotischen Stoffproben an. Da thailändische Seide zu dieser Zeit fast un-bekannt war und Thompson mit neuen, haltbaren Färbeverfahren und geschmackvollen Mustern Seide besonders attraktiv gemacht hatte, avancierte er schnell zum populären „Seidenkönig“. Sein Erfolgsgeheim-nis beruhte nicht nur auf seinem erlesenen Geschmack und den faszinierenden Mustern, die er selbst entwarf. Thompson hatte auch erkannt, dass die Thai sich nur widerwillig der Monotonie einer auto-matisierten Fabrikproduktion unterwerfen würden.
Die Seidenproduktion war traditionell in den Händen weniger Familien und die ließ Thompson in deren Strukturen weiterarbeiten. Seine philanthropischen Neigungen hat-ten Thompson außerdem dazu bewogen, in seinem Testament die Gründung einer Stiftung für wohltätige Zwecke festzulegen.
Die Thompson-Story lieferte bald den Stoff, aus dem üblicherweise Drehbuchschreiber und Klatschreporter Honig saugen. Und auch, weil die thailändische Königin Sirikit, Liebling der Regenbogenpresse, zu Thompsons Kunden gehörte.
An eine Lösung des Falles Thompson ist immer noch nicht zu denken. Der vor zwei Jahren in Hollywood preisgekrönte Doku-mentarfilm der amerikanischen Asien-Expertin Hope Anderson „Jim Thomson, Silk King", zeigt zwar wunderbare exotische Episoden und faszinierende Originalaufnahmen vom Seidenmann an der Pier des Oriental Hotel, doch was damals beim Osterspaziergang in den Cameron Highlands passierte, kann auch dieser einstündige Streifen nicht klären. Selbst Thompson-Biograf Warren, der sich gern über einige der abstruseren Legenden mokiert, stochert hilflos im Nebel diffuser Spekulationen: „Ent-weder ist er aus politischen Gründen gekidnappt worden, oder er hat sich das Leben genommen – vielleicht hatte er auch einen Unfall“, orakelt Warren.
Die letztere Variante, Thompson sei von einem malaysischen Lastwagen überfahren worden, dessen Lenker den Leichnam verschwinden ließ, erscheint aus heutiger Sicht noch als die wahrscheinlichste.
Dennoch: Sie lebt weiter, die Legende vom exotischen Seidenkönig, und sie wird wohl noch für etliche Dekaden Spürnasen, Klatschkolumnisten und Drehbuchautoren beschäftigen. |