Nam-tschai: Der Saft, der aus den Herzen fliesst
Nächstenliebe als Nahrung für die Seele der Menschen
Von Khun Daeng
Bei Redewendungen in der thailändischen Sprache spielt das Wort „Nam“ (Wasser) eine grosse Rolle. Thailand war ein „Wasserland”, in dem das Verkehrswesen hauptsächlich durch die Wasserwege bestimmt war – so spricht man auch vom „Venedig in Fernost“.
Die Häuser standen auf Pfählen, das ganze Leben spielte sich auf dem Wasser ab. Da die Thais mit dem Wasser lebten, entstanden aus dem Wort „Nam“ verschiedene Sprichwörter und Redensarten.
Eine ist sogar unter Ausländer ziemlich bekannt: „Nam-tschai“. (Beim Zusammenfügen von mehreren Silben wird das Wort „Nam“ nun kurz gesprochen.) Aus Unwissenheit wird dieser Ausdruck von vielen Deutschen wörtlich mit „Wasserherz“ übersetzt, was von dem eigentlichen Sinn jedoch sehr abschweift.
In den Wörterbüchern interpretiert man diesen abstrakten Begriff mit: Sympathie, Herzlichkeit, Gefälligkeit ohne Erwartung von Vergütung, Freundschaft oder Freigebigkeit, was auch alles stimmt. Mit dem Herzensaft ist die Nächstenliebe gemeint – und diese Liebe ist eine wichtige Nahrung für die Menschenseele.
Neben diesem „Nam-tschai“ oder Herzensaft gibt es noch den verwandten Ausdruck „Chuen-tschai” (köstlich erfrischend im Herzen), den man im Deutschen mit „erfreut” oder „entzückt” ausdrücken würde.
Und dies fängt schon bei der Begegnung an. Egal, ob man sich kennt oder nicht: ein gegenseitiges Anlächeln ist in diesem Land üblich. Die Gesichter strahlen eine Sanftmut und Wärme aus – ein Anbieten der Freundschaft.
Für Ausländer noch auffälliger ist – dass die Thais, besonders in den ländlichen Regionen, untereinander kaum das Begrüssungswort „Sawadee“ benutzen, stattdessen aber fragen: „Kin khaw rue yang?“, das soviel wie „Hast du schon gegessen?” bedeutet. Einfach aus der Absicht, den Ankömmling mit Speise zu versorgen, falls er noch keine Mahlzeit gehabt hat. Dieser Brauch stammt aus den früheren Zeiten, als es noch keine Handelstrassen mit Läden gab, weder Schubkarren mit Speisen, Restaurants oder Nudelgeschäfte.
Hungrige Leute, die von der Arbeit auf dem Feld zurückkamen, egal, ob bekannt oder unbekannt, wurden mit Essen bewirtet. Fast vor jedem Wohnhaus stand immer ein Fass, gefüllt mit sauberem Trinkwasser, daneben eine Schöpfkelle aus einer Kokosnussschale gebastelt, mit der man seinen Durst löschen konnte. Bei wohlhabenden Leuten baute man sogar vor dem Hauseingang einen kleinen Pavillion, damit sich jeder dort von der anstrengende Hitze ausruhen konnten.
Obwohl die Lebenshaltungskosten in Thailand heute sehr hoch sind, hat sich das „Nam-tschai” der Thais nicht viel geändert. So kamen im Dezember letzten Jahres aus dem Frauengefängnis in Lardyao (Bangkok) Hilfsbeiträge für die Tsunami-Opfer: 6.000 Leichenbeutel, die von 773 inhaftierten Frauen kostenlos genäht worden waren. Zusätzlich sammelten sie noch 321.329 Baht, eine gewaltige Summe, ihr Lohn, den sie sich bei ihrer täglichen Arbeit im Gefängnis verdient hatten.
Aus dem Saft von Menschenherzen entwickelte sich auch eine Volkskultur: „Service Mind”. Thais sind der Meinung, dass das Einander-Dienen, ganz besonders, wenn es freiwillig aus dem Herzen kommt, ein Wertgefühl im Leben gibt, welches die seelische Gesundheit aufrechterhält. Maschinenleistungen sollten nicht einen grossen Teil des Alltagslebens in Anspruch nehmen, denn unbewusst könnte sich das Seelenleben verhärten. Statt eine Lebensqualität zu erreichen, gerät man in die Einsamkeit.
Täglich sieht man in den Medien, wie die Thais sehr fein verzierte Jasmingirlanden (Puangmalai) den königlichen Familienmitgliedern anbieten. Um eine solche prunkvolle Blumengirlanden anzufertigen, braucht es sehr viel Geduld und geschickte Hände, aber vor allem einen grossen Zeitaufwand. Die frischen Blütenblätter aus verschiedenen Blumensorten werden einzeln abgetrennt und Stück für Stück in die Kordel (aus Rinde von einen Bananenbaum) eingefädelt, kunstvoll mit Farben abwechseln aneinandergereiht.
Für den Westler erscheint dies vielleicht als eine Zeitverschwendung, für Thais ist Dankbarkeitserweisung sehr wichtig, denn ohne die Liebe zur Thaimonarchie wäre der Zusammenhalt des Landes nicht möglich.
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