Für thailändische Studenten ist Deutschland eine Herausforderung
Stipendien-Empfänger aus dem ländlichen Thailand, die überwiegend aus armen Familien stammen, überwinden nur langsam die Hindernisse, die ihnen das Leben und Studieren im Ausland in den Weg legt. Die meisten von ihnen hatten vorher noch nie in einem Flugzeug gesessen und schon gar nicht im Ausland gelebt. Als erstes überkommt sie Heimweh, und viele von ihnen weinen - und das nicht nur einmal. Doch sie müssen sich überwinden, um diese einmalige Chance ihres Lebens wahrzunehmen.
Nicht aufgebenEinige studieren in der deutschen Hauptstadt Berlin aufgrund eines Stipendiums, das ihnen ein Programm der thailändischen Regierung mit dem Namen ODOS bietet. ODOS heisst „One District, One Scholarship“. „Es war mein Traum, hierher zu kommen. Es ist nicht einfach, ein Stipendium für ein Studium im Ausland zu bekommen“, erklärt die 19 Jahre alte Namfon Sornboonchoo aus Buri Ram. „Die Leute zu Hause würden mich beschimpfen, wenn ich vor einem erfolgreichen Abschluss aufgäbe und zurückkäme.“ Namfon gesteht, dass sie tatsächlich schon mit diesem Gedanken gespielt hat. Doch ihre Mutter in Thailand forderte sie auf, durchzuhalten und sich auf ihr Studium zu konzentrieren, das schliesslich die Grundlage für eine bessere Zukunft bedeute.
Daraufhin entschied Namfon, dass in Berlin ja doch nicht alles dunkel und verhängnisvoll sei. „Mein Leben hier ist besser als es in Thailand wäre. Ich habe mehr Geld und Freiheit und vor allem mehr Kontakte mit der Aussenwelt, wodurch sich mein Horizont erweitert.“ Sie fügt hinzu, dass es ihr sehr wehgetan habe, als sie in verschiedenen Websites auf Vermutungen stiess, dass zahlreiche der ODOS-Stipendiaten für ein Studium im Ausland nicht genügend qualifiziert seien.
Das Regierungsprogramm war ins Leben gerufen worden, um es in jedem Distrikt einem begabten Kind aus einkommensschwacher Familie zu ermöglichen, im Ausland zu studieren. In Thailand kursieren jedoch Gerüchte die behaupten, einige dieser Kinder wurden nur aufgrund der guten Beziehungen ihrer Eltern ausgewählt. Zweifel wurden auch laut, wieviele dieser Studenten, die aus ländlichen Gemeinden stammen, die sprachlichen und kulturellen Barrieren würden überwinden können, die im Ausland auf sie warten.
Die Kritik wurde noch intensiver, nachdem Natchanon Mekee, eine 17 Jahre alte Studentin aus Kamphaeng Phet, die in Mannheim studierte, sich durch den Sprung aus einem Krankenhausfenster das Leben genommen hatte. Als Ursache wurden Heimweh und übermässiger Stress angenommen. Doch die meisten thailändischen Studenten in Deutschland haben sich entschieden, ihr Studium zu beenden, obwohl auch sie von Zeit zu Zeit mit emotionellen Problemen zu kämpfen haben.
Angst vor Versagen„Ich bin froh darüber, dass ich diese Möglichkeit bekommen habe, und nun muss ich das Beste daraus machen“, sagt Suriya Thaweesri aus Surin. „Wenn ich versage, muss ich mit leeren Händen nach Hause zurückkehren. Doch wenn wir den Abschluss schaffen, haben wir bewiesen, dass auch wir es können.“ Manche dieser Studenten wurden sogar als „Lotterie-Stipendiaten“ abgestempelt, weil das Geld für dieses Regierungsprogramm von der Staatlichen Lotteriegesellschaft GLO stammt. Es war Premierminister Thaksin Shinawatra selbst, der dieses ODOS-Programm ins Leben rief, um es talentierten, aber unterprivilegierten Schülern zu ermöglichen, im Ausland zu studieren. Die Stipendien werden aus den Einnahmen einer Speziallotterie finanziert.
Die ersten Empfänger dieser staatlichen Unterstützung studieren nun fast ein Jahr im Ausland. Und trotz der anfänglichen Schwierigkeiten hat diese Zeit den meisten gereicht, um sich an das Leben in einer fremden Umwelt zu gewöhnen. Für Manorom Tidsungnern, eine Studentin aus Nakhon Ratchasima, ist das Leben in Berlin weitaus angenehmer als in Bangkok. „Ich war in meinem Leben nur zweimal in Bangkok“, erklärt sie. „Bangkok ist chaotisch, und die Busfahrer rasen wie die Verrückten. Hier in Berlin ist der öffentliche Verkehr systematisch und sicher.“ Es ist ihr nur noch nicht ganz gelungen, sich ihren westlichen Klassenkameraden anzupassen. Die streunen abends in den Bars herum, die nicht ihre Szene sind und wo sie sich nicht wohlfühlt. „Während des ersten Monats habe ich jeden Tag geheult“, gesteht sie. „In der Klasse konnte ich kein Deutsch verstehen. Ich fühlte mich unter Druck und wollte zurück nach Hause. Aber letztendlich bin ich doch geblieben.“
Auch Namfon kämpft noch mit den sprachlichen und kulturellen Unterschieden, weil ihr Deutsch noch nicht fliessend ist. Deshalb schliesst sie sich in der Freizeit eher Studenten aus anderen asiatischen Ländern an. Überhaupt scheint das Meistern der deutschen Sprache für viele der thailändischen Studenten unerreichbar zu bleiben. Daher fallen sie oft in harmlose Ausflüchte zurück. „Wenn ich keine Fragen stelle oder mich ungefragt melde, nimmt der Lehrer an, ich habe alles gut verstanden - das habe ich festgestellt“, erklärt Manorom. „Doch tatsächlich habe ich es nicht verstanden.“ Jirawan hingegen hilft sich mit einem Mix aus englischen und deutschen Worten. Sie befürchtet, dass sich ihr Deutsch nur auf Kosten des von ihr ganz gut beherrschten Englisch verbessern könnte.
Die thailändischen Stipendiaten in Deutschland lernen die Landessprache am örtlichen Goethe-Institut. Das ist Teil eines zweijährigen Vorbereitungsprogramms, in dem sie die Qualifikation für ein späteres Studium an deutschen Universitäten erwerben sollen. Das zweite Jahr verbringen sie in einer sogenannten Vorklasse einer Universität. Alle diese Studenten besitzen ein Visum für zwei Jahre, das dann verlängert wird, wenn sie mit dem regulären Studium an einer deutschen Universität beginnen können. Sie erhalten ein monatliches Stipendium von 410 Euro, was ungefähr 20.580 Baht entspricht. Diese Summe soll ihre monatlichen Ausgaben decken. „Wir machen hier nicht High-Life, wie es manche Leute in Thailand vermuten“, sagt Manorom. „Wir essen nicht im Restaurant, sondern kochen selbst in unseren Unterkünften.“ Sie macht auch keine Einkaufsbummel. Andere behaupten, sie sei geizig und habe soviel gespart, dass sie sogar Geld an ihre Eltern in Thailand schicken kann.
Basierend auf ihren eigenen Erfahrungen als Wegbereiter für folgende Kontingente raten die jetzigen Studenten der thailändischen Regierung, die Gewinner bei der jährlichen Stipendienvergabe rechtzeitig bekanntzugeben, damit diese ihre Sprachkenntnisse noch etwas aufmöbeln und für die auf sie zukommenden Hürden Kräfte sammeln können.
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