Tham Krabok - Hoffnung für Drogensüchtige
Ein Bericht über ein Entziehungsprogramm für Drogensüchtige
Wer sich näher mit Thailand beschäftigt, wird alsbald merken, dass das Land des Lächelns auch ein Land der Tränen ist. Wie auch in unserer Gesellschaft, wird ebenso die thailändische Gesellschaft jeden Tag über die Medien mit den sozialen Problemen im Lande direkt konfrontiert.
Eines dieser Probleme ist der weltweite Missbrauch von Drogen. Wenn auch insbesondere der Opiumanbau durch aufklärende Regierungsmaßnahmen und zahlreiche Projekte immer mehr abgebaut werden konnte, und die meisten Opiumbauern neue Erwerbsquellen nutzen, konnte man, trotz mahnender Aufklärungen, die Gefahr des steigenden Drogenmissbrauchs, neuerdings mehr durch Drogentabletten, nicht bannen, leider auch nicht bei uns! Neben den staatlichen Hilfsprojekten und Antidrogenprogrammen, gibt es auch seit 1959 einen Ort der Hoffnung für viele Süchtige: Wat Tham Krabok.
Das buddhistische Kloster Wat Tham Krabok liegt rund 130 km nördlich von Bangkok, zwischen den Städten Saraburi und Phraputthabat Richtung Lopburi und hat seine eigene Geschichte. Alles fing an mit neun Tudongs, asketische Wandermönche des Himayana-Buddhismus, die sich 1957 in eine Höhle (tham) nahe des heutigen Tempels zurückgezogen hatten. Dort beschäftigten sie sich ausschließlich mit der Meditation, die sie durch pflanzliche Drogen steigern wollten. Daher wurde Tham Krabok früher auch als Höhlenkloster der Opium-Pfeife genannt. Die Mönche übersetzen aber Tham Krabok mit Höhle der Lehre. Zufällig fanden die Mönche auch ein Mittel zur Bekämpfung der Opiumsucht. Als dann 1959 die ersten schweren Gerichtsurteile der Neuzeit gegen Opiumsüchtige gesprochen wurde, fanden diese in der inzwischen auf 30 Menschen angewachsenen Mönchsgemeinde die einzige Hilfe.
Am Anfang half man einzelnen Opiumsüchtigen, von der Sucht loszuwerden. Darunter war auch ein Sohn einer wohlhabenden Thailänderin. Als ihr Sohn von der Sucht befreit werden konnte, war sie den Mönchen so dankbar, das sie ihnen ihren Landbesitz vererbte, allerdings unter der Bedingung, da sie auch weiterhin Drogensüchtige annehmen und helfen sollten.
Zu dieser Zeit war alles noch im Versuchsstadium, und es dauerte noch drei weitere Jahre, bis die Mönche die Drogenbekämpfung auf pflanzlicher Basis so weit perfektioniert hatten, dass staatliche Stellen Interesse daran bekamen. Den größten Anteil an der Entwicklung hatte die heute hoch verehrte Nonne Luang Paw Yaai. Die Regierung unterstützte dieses wichtige Projekt, indem sie den Mönchen ein weiteres Stück Land und finanzielle Unterstützung gaben, um den heutigen Tempelkomplex errichten bzw. erweitern zu können. Die für die Drogenbekämpfung zuständige "Central Security Division" arbeitet seitdem mit den Mönchen gemeinsam und schickt regelmäßig Drogenkranke zu den Mönchen nach Tham Krabok.
Die bisherige offizielle Bilanz aller bisherigen Behandlungen der letzten 40 Jahre ist äußerst beeindruckend, vergleicht man dies mit den Zahlen in Deutschland, wo der Drogenmissbrauch leider auch noch zu verharmlost wird: Von den ungefähr bisher 100.000 Behandelten sind rund 70% als geheilt entlassen wurden, ca. 25% wurden rückfällig, und etwa 5 % gelten als unheilbar und eine Behandlung konnte für die Todgeweihten nicht weitergeführt werden.
Bisher bekam die Mönchsgemeinde nur eine größere Anerkennung, nämlich 1975 den Magsaysay-Preis, so genannt nach dem damaligen Präsident der Philippinen, den man als Auszeichnung für besondere Verdienste bezeichnen kann. Diese Anerkennung kann gar nicht genug ausdrücken, inwieweit die Heilungsmöglichkeiten in Thailand fortgeschritten sind, was auch internationale Dokumentationsfilme unterstrichen. Mag noch die Ursache des Drogenkonsums nicht genügend bekämpft worden sein, so ist es doch sehr eindrucksvoll, dass es solche Heilungserfolge wahrscheinlich nur in Thailand gibt, diese aber wiederum noch zu wenig beachtet werden.
Die Behandlungsmethode in Tham Krabok wird von der Mehrzahl der Kranken als die Hölle des Lebens bezeichnet. Alle, die sich hier gegen Drogensucht oder Alkoholsucht behandeln lassen möchten, kommen fast ausschließlich freiwillig. Männer wie Frauen und erschreckend viele Jugendliche, gerade mal 15-18 Jahre alt, darunter auch Ausländer aus Europa, Australien und den USA, kommen dann nach Tham Krabok oder werden gebracht. Der Anteil der ausländischen Süchtigen beträgt rund 25%. Niemand ahnt wahrscheinlich, dass allen eine mindestens zweiwöchige Hölle des Lebens tatsächlich auch bevorsteht. Bis zu 500 Süchtige können hier höchstens monatlich behandelt werden. Damit stößt das Kloster aber auch an seine maximale Aufnahmekapazität, so dass es schon seit langem auch Wartelisten gibt.
Vor Beginn der maximal 7tätigen Behandlung werden alle zunächst registriert. Danach muss jeder sein Hab und Gut abgeben und die einheitliche Kleidung, rote Shorts und weiße Hemden (weiß = Zeichen der Reinheit), anziehen. Dann erhält jeder Patient einen neuen Sanskrit-Namen, den hier gilt die Philosophie, das man seinen alten Namen mit der Einnahme von Drogen geschändet hat, und nur ein neuer Name einen Neuanfang unterstütze. Ein Mönch weist jedem seine Schlafmatte zu, wobei die Räume für Männer und Frauen natürlich getrennt sind. Es folgt eine kurze Information über die Geschichte des Tempels und der Behandlungsmethode. Gemeinsam wird dann mit einem Opfer der Beistand Buddhas erfleht. Erst am Schluss der Behandlung bekommen sie ihr Hab und Gut wieder und dürfen wieder ihren ursprünglichen Namen annehmen.
Schon am ersten Abend muss jeder Patient ein Gläschen Pflanzentinktur und dazu einen größeren Kübel Wasser trinken. Es dauert nur fünf Minuten, dann beginnt das, was alle als das Austreten des Teufels aus dem Körper bezeichnen. In langen Reihen knien sie im Tempelhof, und während sie in schweren Krämpfen geschüttelt werden, übergeben sie sich ständig und speien in großen Fontänen die Tinktur wieder aus. Für jeden Patienten bedeutet dies höchste körperliche Anstrengung und ein hoher Grad an Angst, da der ganze Körper unkontrolliert zu bersten scheint. Das Gift der Drogen soll, bildlich betrachtet, so aus jeder Pore des Körpers ausgeschwemmt werden. Begleitet wird dies unter der sehr strengen Aufsicht der Mönche. Ärztliches Personal steht im Hintergrund zur Unterstützung, sollte ein Patient die Behandlung körperlich nicht alleine schaffen. Auch kommt regelmäßig ein Arzt zur Kontrolle.
Am zweiten Tag kann es bei einigen Behandelten zu hysterischen Zusammenbrüchen und manchmal auch zu Fluchtversuchen kommen, denn die Behandlungsmethode wird ohne Mitleid streng weitergeführt. Die Kosterregeln sind streng, an die sich jeder Einzelne halten muss. Schon sehr früh müssen die Patienten aufstehen, bekommen dann Kräutertabletten, die den Entzuges lindern sollen, und anschließend frühstückt man zusammen. Die Hauptmahlzeiten, Mittags und Abends, bestehen in der Regel nur aus gesunder vegetarischer Kost mit Klebereis und Wasser zum Trinken. Alle Mahlzeiten müssen von den Patienten oder deren Angehörige selber bezahlt werden, während die Behandlung und Unterkunft im Kloster weiterhin kostenlos ist.
Es muss nicht jeden Tag das Pflanzenextrakt eingenommen werden, regelmäßig werden jetzt auch Dampfbäder aus einer ähnlichen Pflanzentinktur genommen. Auftretende Fieberanfälle und Muskelkrämpfe gehören jetzt zur harten Tagesordnung, die durch kalte Duschbäder etwas gelindert werden. Bei sehr geschwächten Patienten wird aber auch ein Stärkungsmittel verabreicht. Die Patienten dürfen auch untereinander nur wenige Kontakte pflegen, was damit begründet wird, das jeder einzelne Patient sich mit sich selbst und seine Problemen auseinandersetzen soll.
Doch nicht nur der medizinische Gesichtspunkt wird berücksichtigt, sondern parallel dazu läuft ein mehrtätiges Psycho-Programm. Hierzu gehört Meditation, Gebete und Opferung ebenso, wie auch die Diskussionen über die sozialen Hintergründe des Drogenkonsums jedes Einzelnen in Gruppen- und in Einzelgesprächen. Diskutiert wird auch das zukünftige Leben ohne Drogen in der Gesellschaft. Diese wichtige Beratung hat einen hohen Stellenwert in der gesamten Behandlung. Leichte Arbeitsprogramme, dazu gehört die Arbeit auf dem Feld oder handwerkliche Arbeiten, um die Einrichtungen des Klosters instand zu halten, sollen jeden Patienten nicht nur beschäftigen, sondern auch etwas von seiner verlorenen psychischen und physischen Kraft wiedergeben.
Es kommt nicht selten vor, dass viele Patienten nach der Behandlungsdauer noch im Tempel bleiben wollen, einzelne für immer. Den meisten wird dies auch gestattet, bis zu einen Monat im Kloster bleiben zu können, da alle Kosten, die entstehen, durch Spendengelder und staatlicher Hilfe beglichen werden. Während dieser Rehabilitation, wo keine weiteren medizinischen Indikationen vorgenommen werden, kann sich jeder Patient auch umschulen lassen. Neue landwirtschaftliche Techniken, Kunsthandwerke, aufklärende Hygiene-Programme und andere mögliche Verdienstmöglichkeiten stehen für alle, insbesondere für Frauen, im Vordergrund. Vielen konnten so schon Kenntnisse beigebracht werden, die vorher nicht bekannt waren und zukünftig eine sichere Erwerbsquelle werden. Vor der Entlassung wird jeder noch einmal mit seinem Drogenproblem und die daraus entstandenen Probleme konfrontiert. Die meisten stehen zum ersten mal mit den Füßen auf den Boden und können sich selber versorgen.
Die Mönche erklären die Heilungserfolge so: Die Behandlungsmethode an sich und das Pflanzenextrakt sei zur Zeit das Mittel schlechthin. Dennoch beruhen fast 70 % der Heilungserfolge auf der religiös-psychologischen Behandlungen, etwa 30 % auf dem Pflanzenextrakt. Die Grundlage des Extraktes sind rund 100 Pflanzenarten. Die Herstellung selber muss nach einer bestimmten Rezeptur erfolgen. Fast 80 % der benötigten Kräuter und Pflanzenarten gedeihen bereits in unmittelbarer Nähe des Tempels, der Rest kommt aus ganz Thailand und Indien.
Heute leben auf dem großen Areal des Klosters mit seine vielen Gebäuden und Einrichtungen etwa 19.000 Menschen, davon allein etwa 14.000 Einwohner, die der ethnischen Minderheit der Hmong angehören sowie viele Laienanhänger. Bei den Hmong handelt es sich um ein Bergvolk, das jahrelang Opium anbaute und selber auch Opium konsumierte. Im Kloster selber leben 100 Mönchen und 20 Nonnen. Das Kloster versorgt sich selbstständig und verfügt über eine eigene Stromversorgung, eine eigene Wasseraufbereitung, ein eigenes Krankenhaus und sogar über einen kleinen Betrieb für Kleidung. Aufgrund des schwierigen Umfeld von Drogensüchtigen, gibt hier auch eine eigene Justizeinrichtung.

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