Geschichten vom Tapsong-Highway
Beobachtungen und Erlebnisse eines Farang in Thailand
...Um nach Deutschland kommen zu können, brauchte Thawee erst einmal einen Paß. So etwas hatte sie noch nie zuvor besessen. Also fuhr sie mit ein paar Freundinnen nach Bangkok, um den Paß beim Ministerium for Foreign Affairs zu beantragen. Ein paar Tage später saß ich dann mit ihr zusammen im Bus, auf dem Weg nach Bangkok, um den Paß abzuholen und ein Flugticket zu buchen. Am späteren Abend waren wir zurück und nach dem Abendessen ging ich gestreßt zu Bett. Ich muß wohl gerade eingeschlafen sein, da klopfte es ganz hartnäckig an der Tür meines Hotelzimmers. Thawee stand draußen davor und wartete ungeduldig darauf, daß ich sie hereinließ, denn sie hätte mir etwas wichtiges mitzuteilen.
Am folgenden Morgen, so eröffnete sie mir, wolle sie ihre persönlichen Sachen zu ihren Eltern bringen, da sie ja nun für drei Monate nach Deutschland ginge und sowohl Wohnung als auch Arbeitsstelle gekündigt habe. Ich müsse da natürlich mitkommen. Das ginge nicht anders und sie bestand eindringlich darauf.
Im festen Glauben, diese Exkursion, der ich mit deutlich gemischten Gefühlen entgegensah, am folgenden Morgen noch bei einem gemütlichen Frühstück im Hotel meinen Freunden mitteilen zu können, schlief ich schließlich ein, nachdem Thawee wieder gegangen war um ihre restlichen Sachen zu packen. Doch - wie heißt das Sprichwort noch? Erstens kommt es anders als man zweitens denkt - oder so ähnlich. War es wirklich ein Traum? Waren es nur meine im Halbschlaf umherschweifenden Gedanken auf das, was mich am kommenden Tag erwartete, die mich nicht richtig zur Ruhe gekommen lassen hatten und mich nun abrupt und recht unsanft aus dem bißchen Schlaf rissen, der mir noch geblieben war. Jedenfalls hatte es recht laut geklopft. Egal ob Traum, Phantasie oder Realität. Mit verschlafenen Augen ging ich zur Tür und machte sie auf. Vor der Tür stand meine Freundin Thawee. Also war es doch die Wirklichkeit gewesen, die sich da so lautstark gemeldet und mir die wohlverdiente Ruhe nicht mehr gegönnt hatte. Sie machte mir begreiflich, daß es an der Zeit sei loszufahren. Das Auto wartete nämlich schon unten vor dem Hotel auf uns. Ein verschlafener Blick auf meine Armbanduhr - ich wollte meinen Augen kaum trauen - zeigte mir, daß 3.30 Uhr in der Nacht wohl doch noch nicht der richtige Zeitpunkt wäre ein Frühstück im Hotel zu bekommen - geschweige denn meine vier Kumpels über das zu informieren, was nun bei mir als nächstes auf der Tagesordnung stand. Und so begann es dann, was ich damals als das größte Abenteuer meines Lebens betrachtete.
Rein ins Auto und los. Kaum um die nächste Ecke gebogen, hielt der Fahrer vor einer Bar, die noch geöffnet hatte. Wenigstens bekam ich hier noch auf die Schnelle einen Kaffee, der mich so halbwegs wieder wach machte. Und hier hatten auch noch ein paar Freundinnen von Thawee auf uns gewartet, die mitfahren wollten. So saßen wir dann kurz darauf wieder im Auto. Wir, das waren der Fahrer, Thawee, fünf ihrer Freundinnen und ich. Jetzt ging es endgültig los und wir fuhren von Pattaya aus mit mir unbekanntem Ziel in die stockdunkle Nacht.
Erst als wir nach längerer Fahrt Rayong erreichten, fing die Morgendämmerung an und es wurde langsam aber stetig wieder hell, so daß ich die Umgebung mit einigen Blicken bei rasanter Fahrt beobachten konnte. Von Rayong aus ging es weiter in östliche Richtung, nach Chantaburi, und dort auf die Nationalstraße 317 nach Norden. Die Nationalstraße mit der Nummer 317 war die Straße, die ich nach dem Tapsong-Highway in Zukunft am meisten von allen Straßen Thailands befahren würde. Doch das ahnte ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht.
Wir waren schon einige Stunden unterwegs und meine Gefühle wurden immer gemischter - deutlich im negativen Sinne. Ich fühlte mich recht unbehaglich. Wohin verschleppte man mich bloß? Schließlich wurde die Gegend etwas bergiger und an einer Stelle stieg die Straße für zentralthailändische Verhältnisse recht steil an. Es ging ins Soi-Dao-Hochland. Oben angekommen gab es einen Zwangstop. Ein Armeeposten, der jedes Fahrzeug kontrollierte. Waren wir doch hier schon fast im Grenzgebiet zu Kambodscha, wo damals noch die Rote Khmer eine mörderische und brutale Diktatur ausübte. Doch das mit der Nähe zu Kambodscha war mir damals glücklicherweise nicht bewußt, sonst wäre sicherlich eine Art von mittelgroßer Panik in mir aufgekommen.
Vom Armeeposten aus dauerte es noch fast eine Stunde rasante Fahrt, bis unser Fahrer die Fahrt abrupt verlangsamte und nach rechts, nach Osten, in eine Art holperigen, von Schlaglöchern übersäten Feldweg einbog und den Toyota-Minibus in maximal Schrittempo darüber hinweg steuerte. Thawee, für die alle Straßen in Ermangelung besserer Englischkenntnisse ein Highway waren, und sei es nur ein Trampelpfad, machte mir begreiflich, daß dies der Highway nach Tapsong, ihrem Heimatort wo ihre Eltern lebten, sei, und daß wir jetzt bald am Ziel unserer Fahrt wären.
Wir waren also auf dem "Highway" nach Tapsong. Damit war ein Name geboren: "Tapsong-Highway". Und diese Bezeichnung hat die Straße bis heute für uns beibehalten - auch, wenn sich das Bild der Straße und der Ort Tapsong im Laufe der Zeit deutlich verbessert und weiterentwickelt haben.
Wir waren also von der Nationalstraße 317 auf diesen Feldweg eingebogen, der an jenem Tag diesen schicksalhaften Namen erhielt, den ich in Zukunft nie mehr vergessen sollte. Ein Weg, der damals in einem Zustand war, daß man ihn in Deutschland allenfalls, wenn überhaupt, als Wirtschaftsweg in der Landwirtschaft genutzt hätte, damit die Bauern mit ihren Traktoren auf die Felder kommen um sie zu bewirtschaften. Hier aber war es die offensichtlich einzige Zugangsstraße von der Nationalstraße 317 zum kleinen Ort Tapsong, wo Thawees Eltern und Geschwister lebten.
Unser Minibus quälte sich über den steinigen Tapsong-Highway, vorbei an Feldern und Gelände wild wuchernder Vegetation. Schlimmer kann es ja nicht mehr werden, was die Straßenverhältnisse anbelangt, dachte ich bei mir und sollte mich damit gründlich geirrt haben. Nach einigen Kilometern unserer Schlagloch-Ralley gestikulierten die Thaifrauen wie wild und deuteten dem Fahrer unseres Fahrzeuges an nach links abzubiegen. Ungläubig starrte ich aus dem Fenster nach vorne - sah ich doch absolut nicht das geringste, das auch nur entfernt nach einem Weg, geschweige denn nach einer Straße aussah.
Schlußendlich bog unser Fahrer doch ab und ich konnte unter großen Mühen eine Art Trampelpfad ausmachen, neben dem ganz schwach eine zweite Spur zu erahnen war, die darauf hindeutete, daß hier schon einmal in ferner Vergangenheit ein Traktor oder ähnliches gefahren sein könnte. Dieser Pfad war natürlich noch holperiger als der Tapsong-Highway. - Wums, wir hatten erst wenige Meter zurückgelegt, dafür aber schon mindestens ein Dutzendmal mit dem Wagen aufgesetzt. So ging es etwa 500 Meter weit, bis linker Hand eine einfache, kleine Holzhütte stand. Die wenigen Meter vom Trampelpfad zur Hütte lenkte unser Chauffeur den Minibus über eine Wildgras ähnliche Vegetation.
War bisher kaum ein Mensch zu sehen gewesen, war unser Fahrzeug im Augenblick von einer ganzen Menschentraube umringt, die ich auf mindestens drei Dutzend Personen schätzte. Wissen wohl nur die Götter, wo die alle auf einmal so plötzlich hergekommen waren. Und mittendrin in dieser Menschenansammlung stand ein schon etwas älterer Herr. Der hatte einen sechsschüssigen Trommelrevolver im Hosenbund stecken. "Ja Axel, das war's dann wohl", dachte ich bei mir. "Jetzt wirst du abgemurkst und ausgeraubt. Hier verliert sich deine Spur, hier findet dich niemand mehr." War es das? War hier alles zu Ende? Schon fingen die Bilder meines Lebens an, vor meinem geistigen Auge abzulaufen, als ich durch Thawee jäh aus diesen negativen Gedanken gerissen wurde.
Ausgerechnet den Revolvermann stellte sie mir als ihren Vater vor. Mein Herz, das zuvor schon in die Hose gerutscht war, fiel jetzt jäh bis in die Schuhe. Ein großes Palaver, von dem ich natürlich absolut kein einziges Wort verstand, begann in einer Lautstärke, daß ich glaubte, gleich gäbe es Mord und Totschlag. Erst viel später wurde mir bewußt, daß dies bei den Thais eine übliche Lautstärke einer ganz normalen Unterhaltung sein kann, an die ich mich auch beim besten Willen bis heute noch nicht gewöhnen konnte.
Schließlich bugsierte man mich in die Hütte von Thawees Eltern, die aus einem einzigen großen Raum bestand, der notdürftig durch einen kleinen Schrank, ein paar Brettern und einzelnen Deckenresten in zwei kleinere Räume unterteilt war. Die eine Hälfte war nach vorne offen und ging in eine Art Veranda über. Die Kopfhöhe war so niedrig, daß ich nur in gebückter Haltung darin gehen konnte.
Hier nun, in dieser Hütte, eröffnete Thawee ihren Eltern, daß sie für drei Monate, das war damals noch ohne Visum möglich, mit mir nach Deutschland gehen würde. Von dem Palaver verstand ich, wie bereits gesagt, kein einziges Wort und die mich streng musternden Blicke von Thawees Eltern ermutigten mich nicht gerade in meiner augenblicklichen Situation.
Doch bald kam auch für mich der erlösende Augenblick, als Thawee mir zu verstehen gab, es sei alles in bester Ordnung und wir könnten uns auf den mehrstündigen Rückweg nach Pattaya aufmachen, nachdem ihre Sachen aus dem Auto geräumt seien. Allerdings, so erklärte sie mir noch, nicht ohne zuvor einen Obolus an die Eltern zu entrichten. Schließlich müssen in Thailand die Kinder, meistens die Töchter, für den Unterhalt der Eltern aufkommen, da es in Thailand ja kein solches Sozialversicherungssystem mit Rente usw., wie bei uns in Deutschland gäbe und die Eltern auch sonst so gut wie keine Einkünfte hätten.
Natürlich hatte ich eine gewisse Summe thailändischer Baht bei mir. Doch dieses Anliegen kam zu diesem Zeitpunkt völlig überraschend. Aus der Perspektive betrachtet, daß Thawee ja nun drei Monate kein Geld verdiente und somit ihre Eltern nicht unterstützen konnte, war es allerdings verständlich. Und so antwortete sie mir auf meine bange Frage "Wieviel?" mit der Gegenfrage "Wieviel hast du?"
Angesicht des Revolvers ihres Vaters, den dieser immer noch im Hosenbund stecken hatte, des immer noch bei mir vorherrschenden beklemmenden Gefühls und der Tatsache mich nicht blamieren zu wollen - ein Thai hätte jetzt gesagt "nicht das Gesicht verlieren zu wollen" - hielt ich Thawee meine Geldbörse unter die Nase, in dem sich rund 10.000 Baht befanden, was damals ungefähr der Summe von 625 DM entsprach. Nach kurzem Überlegen und meiner Befürchtung, daß wohl nichts mehr übrig bliebe, nahm sie 3.000 Baht davon heraus und meinte, das wären für die drei Monate genug.
So ging mein erster Besuch in Tapsong doch noch einem glücklichen Ende entgegen und wir fuhren kurze Zeit später über den Tapsong-Highway zurück zur Nationalstraße 317, von hier aus über Chantaburi und Rayong zurück nach Pattaya, das wir ebenso im stockdunklen der schon längst angebrochenen Nacht erreichten, wie wir es am Morgen verlassen hatten. Und bei meinen Freunden war ich schon längs überfällig und stand bereits seit Stunden auf deren Verlustliste...
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Beobachtungen und Erlebnisse eines Farang in Thailand nachlesen, das demnächst erscheint.
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Axel Ertelt, Postfach 1227, D- 58542 Halver
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