Die Stadt, der Verkehr und das Wasser in Bangkok
Immer häufiger wandern die skeptischen Blicke der Strassenhändler, Passanten, Auto- und Mopedfahrer zum Himmel. Dort schichten sich tiefschwarze Regenwolken zu einem bedrohlichen Gebirge auf, das sich unabwendbar auf den Stadtkern Bangkoks zuwälzt. Schon nach wenigen Minuten erreicht das faszinierende Naturschauspiel seinen Höhepunkt und entlädt sich in einem gewaltigen Monsunschauer über der thailändischen Hauptstadt. Die Blechlawine, die sich söben noch im Schneckentempo von Ampel zu Ampel durch die Betonschluchten gewälzt hat, ist endgültig zum Stillstand gekommen. Einige Strassenzüge stehen bis zu einem Meter unter Wasser. Herrenlos schwimmen die Töpfe einer Garküche vorbei, während Geschäfsleute mit Sandsäcken um ihr Warenangebot kämpfen. Eine Gruppe von Mönchen watet in hochgerafften Safranroben durch die Fluten. Durchnässte Sektretärinnen ziehen ihre Strümpfe und Schuhe aus, bevor sie barfuss ihren Weg ins Büro fortsetzen. Aus einer kleinen Nebenstrasse tauchen zwei Holzboote auf, deren Passagiere mit kurzen Schlägen vorbeipaddeln. Besonders nach heftigen Regenfällen - so meinen Spötter - trägt Bangkok seine beiden Namen zu Recht: "Stadt der Engel" (Krung Thep, wie die Thais ihre Hauptstadt nennen), weil man sich wegen Verkehrschaos und Ueberflutung eigentlich nur noch mit Flügeln fortbewegen kann . und "Venedig des Ostens", weil sich zahlreiche Strassen der Stadt für einige Stunden in Flüsse und Kanäle zu verwandeln pflegen. Einst waren es die lotusbewachsenen Klongs mit ihren verträumten Pfahlhäusern und einem romantischen, amphibischen Gemeinschaftsleben, die Bangkok diesen Ruf beschert haben. Spätestens durch den James-Bond-Thriller "Der Mann mit dem goldenen Colt", in dem 007-Agent Roger Moore Mitte der 70er Jahre über die schwimmenden Märkte gejagt wurde, ist das Flair der Wasserstadt in aller Welt bekannt geworden. Doch die Klongs - in bunten Reisebroschüren noch immer als Touristen-Attraktion verklärt - sind weitgehend zugeschüttet oder als stinkende Kloaken in Verruf geraten. Die grösste Gemeinsamkeit mit Venedig dürfte heute darin bestehen, dass Bangkok ebenfalls im Meer zu versinken droht. Dies allerdings viel schneller als die italienische Lagunenstadt: Experten haben errechnet, dass die über zehn Millionen Einwohner grosse Metropole, die sich zur Zeit nur noch durchschnittlich zwei Meter über dem mittleren Meeresspiegel erhebt, mit einer Geschwindigkeit von jährlich rund zehn Zentimeter absinkt. Schuld daran sind zahlreiche Planungsfehler und Umweltsünden. Bangkok ist in einem einzigartigen Boom zur Weltstadt herangewuchert, hat sich als neue Wahrzeichen eine anarchische Skyline-Architektur, einen chronischen Verkehrsinfarkt und über allem eine giftige Dunstglocke aus Kohlenmonoxid, Stickoxiden und Kohlenwasserstoffen zugelegt.
Das einstige "Venedig des Ostens" muss sich heutzutage ganz andere Beinamen - wie Nervenfresser, Hexenkessel, Apokalypse, wuchernder Moloch, urbanes Inferno oder tropischer Alptraum - gefallen lassen. Zerrissen zwischen Armut und Reichtum, Tradition und Fortschritt, Westen und Osten, Harmonie und Chaos, Paradies und Katastrophe stürzt die Stadt ihre Besucher in ein Wechselbad der Sinne und Gefühle. Was liegt da näher, als aus den Nöten eine Tugend zu machen? Horror-Trips durch den Berufsverkehr oder "Land unter" in der Sukhumvit-Road haben als Touristen- Attraktionen Konjunktur - und diese zweifelhaften Abenteuer werden wohl noch einige Zeit im Angebot bleiben. Denn selbst bei einem gezielten Vorgehen, so heisst es in einem Gutachten, kann es noch 20 Jahre dauern, bis die drängendsten Probleme Bangkoks gelöst sein werden. Mit dem weitgehenden Zuschütten des Klong-Systems hatten die städtebaulichen Fehler einst ihren Anfang genommen. Daher scheint es nicht weiter verwunderlich, dass in Bangkok eine gewisse Rückbesinnung auf die alten, noch verbliebenen Kanäle einsetzt. In der Stadtverwaltung wächst die Einsicht, dass die historischen Wasserwege geradezu lebenswichtig sind. Dies gilt besonders in Anbetracht der ungünstigen hydrologischen Situation, die Bangkoks Ueberschwemmungen verursacht und die Stadt allmählich im Meer versinken lässt.
Seit die natürlichen Wasserquellen Bangkoks mit dem masslosen Wachstum nicht mehr Schritt halten können, werden immer mehr Tiefbrunnen gebohrt. Das unkontrollierte Abpumpen von Grundwasser verursacht unterirdische Hohlräume, die das Bodenniveau kontinuierlich absacken lassen. Denn die Hauptstadt Thailands ist auf einer bis zu 500 Meter dicken Schwemmland-Ebene aus erodierten Lehmen errichtet. Das Gewicht der schweren Betonbauten, aber auch die Vibrationen des Verkehrs tragen dazu bei, dass sich der Untergrund zunehmend verdichtet. Gleichzeitig erschwert die fortschreitende Bodenversiegelung mit neuen Häusern und Strassen den Abfluss anfallenden Oberflächenwassers. Es fehlt auch an einem natürlichen Gefälle zum Meer, das den Abfluss der Wassermassen in der Monsunzeit beschleunigen könnte. Zusätzlich drängt noch das Hochwasser des Chao Phrayas in die Stadt, das nach dem Abholzen der Regenwälder in Nord- Thailand seinen natürlichen Rückhaltespeicher verloren hat. Weltweit gibt es keine Kanalisation, die den anfallenden Wassermassen Bangkoks gewachsen wäre - bis auf die Klongs, deren weitgehender Verlust sich nun rächt. Aber nicht nur zur Entwässerung der überschwemmten Stadt, sondern auch als Alternativ-Routen für den Personennahverkehr und Warentransporte gewinnen die Wasserstrassen Bangkoks wieder an Bedeutung. Zudem sollen strengere Gesetze, neue Kläranlagen und Pumpstationen dazu beitragen, die Wasserqualität - und damit die Lebensbedingungen - zu verbessern.
"Die thailändische Volksseele hängt am Wasser. Mit den Klongs hat man den Menschen hier viel von ihrer Identität genommen", bedauert Dr. Max Henn. Als der 89jährige Deutsche sich nach einer abenteuerlichen, mehrjährigen Odyssee durch halb Europa, Nordafrika, den Nahen Osten und Indien 1947 in Bangkok niederliess, hatte die Stadt gerade mal 600.000 Einwohner. "Gemütlich wie in einem Dorf ist es hier damals noch zugegangen. Ueberall sind Wasserbüffel, Schweine, Enten und Gänse herumgelaufen, statt Autos fast nur Boote oder Fahrrad-Rikschas herumgefahren. Die Menschen haben an den Klongs in Harmonie und Einklang mit ihrer Umwelt gelebt. Sie waren viel fröhlicher und freundlicher als heute", erinnert sich der Thailand-Pionier. "Und die Kanäle haben nicht so gestunken. Denn sie waren alle miteinander verbunden, so dass die Strömung den ganzen Dreck herausspülen konnte". Sein "Atlanta", das Dr. Henn 1958 als achtes Hotel der Stadt eröffnete, zählt zu den wenigen Ueberbleibseln längst vergangener Zeiten. Eine Oase der Nostalgie im Grossstadtdschungel: Das angestaubte Foyer mit seinem prächtigen Aufgang, der urgemütliche Coffee-Shop und die 70 Zimmer des "Atlantas" werden gar nicht oder nur ganz behutsam renoviert.
Den Klong hinter seinem Hotel allerdings konnte Dr. Henn nicht retten. "Ich weiss noch, wie sie uns morgens immer das Fleisch und Gemüse mit Booten gebracht haben. Doch dann ist der Klong verrottet, bis sie ihn vor drei Jahren zugeschüttet und asphaltiert haben". Seitdem ist der kleine Hotelgarten mit dem Swimming-Pool nur noch durch die hohe Grundstücksmauer vom dröhnenden Verkehr getrennt. Möglicherweise war es einer der letzten Kanäle, die dem "Fortschritt" geopfert wurden. Denn vereinzelt hat Bangkoks Stadtverwaltung sogar schon damit begonnen, ehemalige Klongs wiederherzustellen. Durch das "Model Canal Project" sollen beispielsweise die verödeten Wasserwege in der Soi Tonson und der Soi Somkid wiederbelebt werden. Dort ist geplant, die Gräben wieder auszubaggern, ihre Ufer mit Grünanlagen, Fusswegen und Sitzbänken herzurichten.
Klongs als Lebensardern
Lange bevor Bangkok Hauptstadt wurde, gehörten Klongs zur Tradition des Lebens in Siam. Bereits im Sukothai von König Ramkamhäng und im Lanna-Reich von König Mangrai (13./14. Jahrhundert) gab es zahlreiche Kanäle, die zur Wasserversorgung, als Transportweg und für Verteidigungszwecke genutzt wurden. Europäische Gesandte und Reisende berichteten voller Bewunderung über das prachtvolle Ayutthaya (ab 1350), das von einem dichten Netz aus Wasserstrassen durchzogen war. Als Ayutthaya - wie fast alle thailändischen Hauptstädte am Ufer des Chao Phrayas gelegen - 1767 von burmesischen Invasoren zerstört wurde, sollte die Stadt 30 Kilometer flussabwärts wieder aufgebaut werden. Der dortige Aussenhandelsposten Ban Kok ("Dorf der Oliven") lag dichter am Meer, konnte bereits einen Hafen, ein Fort und ein königliches Gästehaus vorweisen. 15 Jahre später verlegte General Chakri - als Rama I begründete er die noch heute herrschende Königs-Dynastie - die Stadt aus strategischen Gründen auf das gegenüberliegende Ostufer. Während man noch mit der Errichtung der notwendigsten Gebäude beschäftigt war, wurden die ersten Klongs gegraben und natürliche Wasserwege zur Nutzung ausgebaut. Rechtwinklig wie ein modernes Strassennetz durchzogen sie die Residenzstadt, bildeten die Lebensadern für Handel, Verkehr und Kommunikation. Fast alle Erledigungen des täglichen Lebens hingen mit den Klongs zusammen, die meisten =D6rtlichkeiten konnten nur über den Wasserweg aufgesucht werden - wie auch die ganze Stadt, die bis zum Bau der ersten Brücke 1932 nur mit Booten zu erreichen war.
Mitte des 19. Jahrhunderts begann das siamesische Königreich verstärkt, Handelsverträge mit Europa und Amerika abzuschliessen. Das Personal der immer zahlreicher werdenden Botschaften, Missionen und Firmenansiedlungen lamentierte solange über die ungewohnten Transportwege, bis König Rama IV 1861 schliesslich den Bau der ersten Strasse befahl. Acht Jahre später wurde die New Road (Charön Krung Road), die vom südlichen Ende Bangkoks bis zum Königspalast führte, feierlich eingeweiht. Doch das war nur der Anfang. Der zunehmende Verkehr forderte schnell und unaufhaltsam weiteren Tribut. Heute künden die immer abenteuerlicheren, teilweise mehrstöckigen Brückenkonstruktionen der Stadtautobahnen vom verhängnisvollen Irrtum, dass Verkehrsprobleme mit dem Neubau von Strassen in den Griff zu bekommen sind. Erst im Februar diesen Jahres, nachdem sich Planer, Bürokraten und Politiker mehrere Jahrzehnte über geeignete Massenverkehrsmittel gestritten haben, wurde in Bangkok endlich mit dem Bau eines schienengebundenen Verkehrssystems begonnen. Ein "Skytrain" oder eine U-Bahn sollen vielleicht folgen. Für die meisten Klongs ist es jedoch schon zu spät: Auf ihnen dröhnt heute der Strassenverkehr. Der Silom Klong beispielsweise - früher der Canale Grande Bangkoks - wurde zur Silom-Road, der Klong Hua Lumpong wandelte sich zur Rama-IV-Road und auch die Plönchit- oder die Sukhumvit-Road verlaufen heute überwiegend auf versiegelten Wasserwegen. Andere Klongs wiederum wurden einfach nur mit Erde verfüllt, um Platz für grössere Projekte zu gewinnen oder die Kosten für den Bau von Brücken zu sparen.
In Thonburi ging die rasante Entwicklung Bangkoks langsamer vor sich, zerteilen die Klongs das Land noch immer in ein Mosaik aus Inseln. Der am gegenüberliegenden Ufer des Chao Phrayas gelegene Stadtteil könnte sich durchaus als "Altstadt" Bangkoks bezeichnen lassen. Denn dort spielt sich der Alltag mitunter noch so beschaulich ab, wie es früher einmal in der ganzen Stadt gewesen sein muss. Da Sightseeing im Stadtzentrum von Bangkok zum zweifelhaften, zeitraubenden und gesundheitsschädlichen Vergnügen geworden ist, flüchten immer mehr Touristen mit Booten auf den Chao Phrayaund nach Thonburi, um sich im Netz der Kanäle vom chaotischen Verkehrsgewühl zu erholen und Bangkok von der Wasserseite aus zu entdecken. Zwei nahmhafte Hotelketten haben den Trend erkannt und sich an die Fersen der Touristen geheftet. So entstehen die beiden neuesten Luxus-Herbergen der Stadt am Westufer des Chao Phrayas, wo es bisher erst wenige Hochhäuser gibt. Noch Ende diesen Jahres will das "Sofitel Riverside" mit 550 Zimmer, 110 Suiten, zwölf Restaurants und Bars seine Pforten öffnen. Ende 1997 soll das "Peninsula Hotel" mit 400 Zimmern und 250 Appartements fertig sein, das von seinen 40 Stockwerken in Thonburi einen hübschen Blick auf das gegenüberliegende "Oriental" bieten wird.
Auf dem Tha-Chang-Pier, wo die meisten Flusstaxis nach Thonburi ablegen, zeichnet sich schon der Beginn der nachmittäglichen Rush-Hour ab. Menschenmassen strömen zur Haltestelle, um eines der Express-Boote auf dem Chao Phraya zu ergattern. Diese schaukeln bereits in einer Warteschlange auf dem Wasser und halten nur ein paar Sekunden am Ponton, die kaum zum Auf- oder Abspringen der Passagiere ausreichen.
Denn nicht nur in den Strassen, auch auf dem Wasser nimmt der Verkehr ständig zu. Immer mehr Bangkoker wollen ihren Heimweg verkürzen und einen Teil des Weges auf dem Fluss zurücklegen. Bei Einheimischen wie Touristen gleichermassen wachsender Beliebheit erfreut sich die Möglichkeit, verstopfte Strassen mit einer Fahrt über die noch verbliebenen Klongs der Innenstadt zu umgehen und auf einer Barkasse genüsslich an den Staus vorbeizuschippern. Die Stadtverwaltung hat der grossen Nachfrage Rechnung getragen und für die Oeffentlichkeit zahlreiche neue Bootslinien eingerichtet. Als Alternativ-Routen, um wichtige Punkte im Stadtzentrum zu erreichen, bieten sich vor allem die Klongs Lot, Ong Ang, Phadung Krung Kasem, Samsen (verläuft parallel zur Rama-IX-Road), Pemprachakon (liegt parallel zur Rama-V- Road), Sän Säp (führt parallel zur Phetchaburi-Road quer durch die Stadt) sowie die Klongs Mahanak und Bangsu an. Lasche Sicherheitsbestimmungen, morsche Anleger und randvolle Boote, die normalerweise weder Schwimmwesten noch Rettungsringe mit sich führen, haben allerdings schon so manches Unfallopfer gefordert. Deshalb müssen die Betreiber der Passagierboote neuerdings eine Pflichtversicherung abschliessen, die Schadensersatzzahlungen bis zu 100.000 Baht (rund 5.000 DM) pro Person ermöglichen. Auch einige Krankenhäuser beteiligen sich am Run auf die Klongs: Sie erproben schwimmende Ambulanzen, die im Vergleich zu Rettungswagen wenigstens noch eine Chance haben, rechtzeitig zu Unfallopfern oder Kranken vorzudringen.
Bootsfahrt in die Vergangenheit
Nach Thonburi fahren vor allem die berühmt-berüchtigten "Hang Yaos". Mit ihren grellfarbig bemalten Rümpfen dümpeln die Longtail-Boote (Langschwanz-Boote) an der Südseite des Tha-Chang-Piers. Als der letzte Platz der zwölf Sitzreihen belegt ist, wird der Motor gestartet. Messerscharf zerteilt der schmale Schiffsrumpf die schlammigen Fluten. Beim Sitzen auf den spartanischen Holzbänken tief im Boot müssen die Knie so scharf angewinkelt werden, dass das Kinn bequem auf ihnen ruhen kann. Wer ganz vorn sitzt, spürt jede Welle unter sich. Passagiere in der Mitte pflegen sich mit Regenschirmen oder Zeitungen gegen nicht gerade schmackhafte Wasserspritzer zu schützen. Und wer weiter hinten gelandet ist, tut gut daran, Ohrenstöpsel eingesteckt zu haben. Denn am Ende der Sitzreihen lärmt ohrenbetäubend der aufgebockte, schwere Diesel. Drei Meter hinter dem Wassertaxi mischen sich die schwarzen Abgasschwaden mit der hochspritzenden Gischt der langstieligen Flügelschraube. Doch erst in der Mitte des 200 Meter breiten Chao Phrayas - als einige kleinere Fischerboote passiert sind, wird richtig aufgedreht und die volle Leistung des Motors demonstriert. Mit schäumender Bugwelle rauscht das Flusstaxi an einem Schlepper vorbei, der acht Frachkähne in Richtung Meer zieht. Gefährlich hoch schwappt das Wasser an den dickbauchigen Teakholz-Barken, die mit Reis, Mais, Tabioca, Zement, Sand oder Gips aus dem Norden beladen sind und nur noch wenige Zebemalten Rümpfen dümpeln die
Schon ist das Longtail-Boot nach links in den Klong Bangkok Noi eingebogen. An der Arun-Amarin-Brücke hält es an, um eine Schar uniformierter Schulkinder aussteigen zu lassen. Von hier aus sind es nur ein paar Schritte zur Bootshalle mit den königlichen Barken. Grössere Prozessionen wie im Jahr 1851, als 10.000 Ruderer 269 Barken majestätisch über den Chao Phraya gleiten liessen, haben zwar schon lange nicht mehr stattgefunden. Dass aber vor kurzem 51 kunstvoll mit Holzschnitzereien und Lackarbeiten verzierte Schiffe restauriert und für zeremonielle Zwecke eingesetzt wurden, kann durchaus als symbolische Anknüpfung an alte Wasser- Traditionen gedeutet werden. Neben dem Barken-Museum sowie der Tempelanlage von Wat Arun zählt der "Floating-Market" auf dem Klong Dao in Höhe des Tempels Wat Sai zum Pflichtprogramm für Touristen in Thonburi. Das allmorgendliche Schauspiel hat jedoch so unter den anstürmenden Besucherbooten gelitten, dass es längst zur reinen Disneyland-Veranstaltung verkommen ist. Es gilt als offenes Geheimnis, dass die fotogenen Marktfraün mit ihren runzligen Gesichtern, bunten Leinenblusen und breitrandigen Strohhüten ihre Waren nur noch zu Reklame-Zwecken der angrenzenden Souvenir-Supermärkte herumpaddeln.
Tiefer gleitet das Longtail-Boot nach Thonburi hinein - vorbei an kleinen Werften, Sägewerken, Eis-Fabriken, alten Lagerhallen, Orchideen-Farmen und Tabak-Plantagen, abgeschirmten Villen und alten Holzhäusern, die auf glitschigen Pfählen im Klong ruhen. Von den Dächern einer kleinen Tempelanlage glitzern glasierte Dachpfannen, von den schneeweissen Wänden bunte Ornamente herüber. Aus dem Inneren des Klosters ist der Gesang von Mönchen zu hören, während der Wind ihre frisch gewaschenen Gewänder an der Trockenleine herumwirbelt. Richtig interessant wird es aber erst hinter der Endstation. Denn entlegene Winkel dieses Stadtteils können noch etwas vom einstigen Charme Bangkoks als "Venedig des Ostens" erzählen. Prachak will sich etwas Taschengeld verdienen. Für 200 Baht ist der 22jährige Thai bereit, ein bisschen herumzufahren. Gerade hatte er mit seinem kleinen Boot an einer schwimmenden Tankstelle angelegt, um zwei Benzinkanister aufzufüllen.
Gemächlich lässt Prachak seinen Holzkahn in einen abzweigenden Klong hineintuckern, biegt dann noch zweimal links und nach fünf Minuten rechts ab. Ein schwimmender Grill kommt entgegen, zieht noch lange die Duftwolke brutzelner Hähnchen-Schenkel hinter sich her. Wenig später winkt Prachak seinem Briefträger zu, der mit tadelos sitzender Uniform in einem schaukeligen Sampan unterwegs ist, um die Post auszuteilen. Auf bdann noch zweimal links und nach fünf Minuten rechts ab. Ein schwimmender Grill kommt entgegen, zieht noch lange die Duftwolke brutzelner Hähnchen-Schenkel hinter sich her. Wenig später winkt Prachak seinem Briefträger zu, der mit tadelos sitzender Uniform in einem schaukeligen Sampan unterwegs ist, um die Post auszuteilen. Auf beiden Ufern des angesteürten Klongs reihen sich hölzerne, schindelgedeckte Pfahlhäuser aneinander. Ihre Veranden sind liebevoll geschmückt mit bunten Orchideen, die aus geteilten Kokosnussschalen oder rissigen Tontöpfen spriessen. Libellen tanzen über kunstvoll geschnitzten Ballustraden, Vögel trillern aus feingliedrigen Käfigen. Fast jedes Haus besitzt einen Miniatur-Tempel, damit die Geister ein Zuhause haben und nicht unheilstiftend umherziehen. Ausserdem werden sie täglich mit Blumen und Räucherstäbchen, aber auch mit frischen Früchten, Reis oder einer Flasche Coca Cola gnädig gestimmt. Aber all das ist nur eine Kulisse für das betriebsame Alltagsleben an dieser Wasserstrasse. Ueberall sitzen Menschen auf ihren Terrassen über dem Klong, klönen in mehr oder weniger grossen Runden, stampfen Chilli und Knoblauch für das Abendessen, picknicken oder schrubben Wäsche auf den Anlegern. Nackte Kinder springen in die braunen Fluten, treffen sich zu vergnüglichen Wasserschlachten. Ein Mann schwimmt im Garten seines
"Natürlich hat jedes Haus auch Frischwasser aus der städtischen Leitung", sagt Prachak. "Aber das kostet Geld - und die Menschen hier lassen sich ihr tägliches Bad im Klong nun mal nicht nehmen". Da kann es nicht weiter verwundern, wenn die Kanäle Thonburis spätestens zum Sonnenuntergang von Seife, Zahnpasta, Haarshampoo und Waschpulver schäumen. Damit allein wäre die Selbstreinigungskraft der Wasserstrassen nicht unbedingt überfordert. Doch dem Chao Phraya und seinen Kanälen machen noch ganz andere Schmutzquellen zu schaffen, wie zum Beispiel die weitgehend ungeklärten Abwässer aus dem dicht besiedelten Stadtkern Bangkoks und von rund 10.000 Fabriken. "Bei meinem Onkel, der an einem grösseren Klong im Stadtzentrum wohnt, ist das Wasser so schwarz, dass man es nicht einmal zum Blumengiessen verwenden kann", sagt Prachak. Dass er wenig später seine Zigarettenschachtel und eine leere Flasche einfach über Bord entsorgt, zeugt allerdings davon, dass unter den Klong-Bewohnern noch echte Ueberzeugungsarbeit für den Umweltschutz zu leisten ist. Die Regierung jedenfalls hat die Sanierung der Wasserwege bereits auf die Liste der nationalen Prioritäten gesetzt. Thailands Armeechef General Wimol Wongwanich persönlich ist Vorsitzender des Kommitees "Grüne Kanäle", das sich die Reinigung der Kanäle zur Aufgabe gemacht hat. Daher sind auch des öfteren Soldaten zu beobachten, die zum Bergen von Müllmassen und Treibgut aus den Klongs abkommandiert wurden.
Damit geräumte Wasserwege nicht gleich wieder verdrecken, wurde für zunächst 30 Klongs eine geregelte Müllabfuhr mit Booten ins Leben gerufen. Ausserdem wird versucht, den Klongs mit Spirallüftern Sauerstoff zuzuführen, damit sich die Kräfte der Selbstreinigung in Gang setzen können. An den Mündungen grösserer Kanäle sind für 1995/96 insgesamt 60 neue Pump-Stationen und Schleusen geplant, um die Fliessgeschwindigkeit zu erhöhen und das Wasser - besonders in der Trockenzeit - besser zirkulieren zu lassen. Am meisten aber verspricht sich die Stadtverwaltung von dem neuen Umweltgesetz, das seit 5. Februar eine Vorklärung der Abwässer in grösseren Gebäudekomplexen vorschreibt. Gebäude mit mehr als 500 Wohneinheiten oder 55.000 Quadratmetern Nutzfläche, Hotels mit über 200 Zimmern und Krankenhäuser ab 30 Betten fallen darunter, - aber auch grössere Schulen, Universitäten, Einkaufszentren, Kaufhäuser, Restaurants und Märkte. Täglich schwärmen Mitarbeiter der Umweltbehörde zu Stichproben aus, um die geforderten Filteranlagen zu kontrollieren. Dabei stossen sie zuweilen nur auf Atrappen, denn viele scheuen die Investition oder haben einfach keinen Platz für entsprechende Nachrüstungen.
Als der Motor verstummt und das Boot zum Stillstand kommt, beginnt Prachak zu fluchen. Einen Moment hat er nicht aufgepasst, ist bei der Abkürzung durch einen nur drei Meter breiten Klong in einem dichten Teppich aus Wasser-Hyazinthen steckengeblieben. Mit einer Machete muss er sich mächtig anstrengen, um die Schraube des Aussenborders freizuhauen. "Dieses Kraut macht uns ganz schön zu schaffen", klagt er, während er wütend auf das Grünzeug einhackt. Dabei ist die "Phak Tob Java" - wie die Thais sie nennen - mit ihren lilafarbenen Blüten eigentlich ein ausgesprochen hübsches Gewächs. Deshalb hatten es die Gärtnerinnen von König Rama VI ja 1901 auch aus einem botanischen Garten in Java mit nach Thailand genommen. Doch seit sich die "Wasser-Orchidee" wegen ihrer rasenden Ausbreitung auf Flüssen, Seen und Klongs geradezu als Wasserpest entpuppt hat, wird sie gnadenlos bekämpft. Im Uebermass auftretend bietet sie allerlei Ungeziefer ideale Lebensbedingungen. Sie kann dem Wasser aber auch zuviel Sauerstoff entziehen - vor allem aber verstopft das mattenbildende Wassergewächs, das durch seine Schwimmblasen über 200 Kilogramm pro Quadratmeter tragen kann, im Konglomerat mit Müll so manchen Kanal, trägt also auch zu den Ueberflutungen der Hauptstadt bei. Doch bisher war der Wasser-Hyazinthe weder mit Unterwasser- Mähmaschinen noch mit Herbiziden, Wurm-Kulturen oder Kohlendioxid-Lasern beizukommen.
Deshalb bemühen sich die Thais, die Pflanze als Futter- Beimischung in der Viehzucht, als Dünger oder Unterlage für die Pilzzucht, zur Herstellung von Packpapier, als Ersatz für Bambus, Rattan und Schilf in Möbel-Industrie und Kunsthandwerk zu nutzen. Seit die Wasser-Hyazinthe als guter Schadstoff-Verwerter für Phenol und Schwermetalle erkannt worden ist, soll sie sogar zur Reinigung von Bangkoks Abwässern eingesetzt werden. König Bhumipol jedenfalls, vom Volk nichtzuletzt wegen seiner sinnvollen Entwicklungs- und Landschaftsschutz-Projekte hoch geachtet, hat sich für die Nutzung der Pflanze als natürlichen Abwasser-Reiniger engagiert und Bangkoks 16 Quadratkilometer grossen Makkasan-Sumpf zur biologischen Kläranlage umfunktioniert. Zwar nimmt sich ihre Kapazität gegen die im Bau befindlichen Klärsysteme - von denen die beiden grössten täglich 350.000 bzw. 200.000 Kubikmeter Abwässer bewältigen werden - vergleichsweise gering aus. Aber in einer Stadt, die sich und ihre Menschen so sehr dem wirtschaftlichen Boom mit all seinen negativen Konsequenzen verschrieben hat und wegen ihrer Umweltsünden vom Untergang bedroht ist, könnte ein solches Projekt durchaus dazu angetan sein, wieder etwas Hoffnung für ein lebenswertes Dasein im Gleichklang mit der Umwelt zu schöpfen. Das Schicksal Bangkoks wird letzten Endes davon abhängen, ob sich die Bodensenkung - zum Beispiel durch eine erhebliche Einschränkung der Grundwasser-Entnahme oder das Ausheben eines 55 Kilometer langen Hochwasser-Kanals - aufhalten lässt. Aber sauberes Wasser im Chao Phraya und seinen Klongs könnte sich zumindest schon mal als positives Vorzeichen erweisen für die Rettung einer "Hydropolis" wie Bangkok, die so sehr vom Wasser geformt, geprägt, und gefährdet ist.
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