Oskars Kolumne
Gesicht
Oskar liest es ständig: „Der Fahrer entfernte sich vom Unfallort.“ Besser hieße es im Polizeibericht: Der Fahrer flüchtete. Nach einem verschuldeten, aber auch unverschuldeten Verkehrsunfall laufen Thais davon, nicht, weil sie wegen eines Fahrfehlers Polizei und Strafe fürchten, sondern weil sie ihr Gesicht verloren haben. Und das Gesicht zu verlieren, bedeutet das Schlimmste. Es ähnelt einem Ehrverlust.
Oskar war kürzlich in einen Unfall verwickelt. Ein Busfahrer zog seinen Wagen ruckartig in die nächste Fahrspur und streifte die hintere Tür. „Warum hast du nicht aufgepasst?“, ärgerte sich Oskars Frau. Er war sich keiner Schuld bewusst, ahnte aber, dass sich seine Frau schuldig fühlte. Zumindest ein wenig. Das reicht allemal zum Gesichtsverlust.
Gesichtsverlust spielte wohl ebenfalls eine entscheidende Rolle bei einem unbedeutenden Unfall. Oskar bemerkte morgens an seinem Toyota kleine Schrammen und stellte seine Tochter zur Rede. Verlegen lächelte sie und sagte: „Hab vergessen, es dir zu sagen.“ Damit die Tochter ihr Gesicht wahren konnte, legte Oskars Frau nach: „Nit noi“ – ist doch nicht der Rede wert! Oskar schwieg, alles andere hätte die Familie als unhöflich empfunden.
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