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Beiträge · Geschichte aus Thailand von Günther Ruffert
Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Günther Ruffert
 
Bücher · Bücher
Geschichten aus Thailand
Ein Fenster zum Isan
Farang in Thailand

Der Farang auf dem Dorf

Der Fremde muss die Mentalität seiner thailändischen Mitbürger tolerieren

Von Günther Ruffert

Isaan ist die Region zwischen Laos und Kambodscha. Die Nähe zu beiden Ländern hat die Kultur der nordöstlichen Provinzen geprägt. Die Bevölkerung ist ihrer traditionellen Musik und den überlieferten Tänzen verbundenMancher Farang, der das Dorf seiner Freundin irgendwo im Isaan besucht, wird vielleicht von dem völlig anderen Lebensrhythmus und der allgemein freundlichen, wenn nicht herzlichen Art, mit der ihm alle Dorfbewohner entgegenkommen, angetan sein und überlegen, dort auf Dauer sein Domizil zu nehmen. Dabei muss er sich aber über viele Dinge klar sein.

Wenn die Menschen im Dorf auch Fremden gegenüber ziemlich tolerant sind, so wird doch jeder Farang, der über längere Zeit im Dorf lebt und sich wie ein Elefant im Porzellanladen benimmt, bald als „Farang ohne Gesicht“ angesehen. Dies geschieht häufig dann, wenn der Europäer sich als überlegen aufspielt oder gar seine Arroganz deutlich zum Ausdruck bringt.

Der Farang wird über längere Zeit nicht unter den Menschen im Isaan leben können, wenn er nicht gewillt ist, ihre von unserer westlichen Mentalität häufig grundverschiedene Einstellung zu den Dingen des täglichen Lebens zu akzeptieren. Das ist die Grundvoraussetzung für ein zufriedenstellendes Leben unter Menschen mit völlig anderer Denkungsart.

Da ist zunächst einmal der Glaube an die Geister. Bei jeder möglichen Gelegenheit werden die Geister angerufen, oder es wird ihnen ein Opfer gebracht. Die richtige Behandlung der Geister gehört genau so zum täglichen Leben wie essen und schlafen. Der Farang sollte sich hüten, diesen Geisterglauben als Blödsinn zu verspotten. Die Geister könnten das übel aufnehmen und sich nicht nur an dem Farang rächen, sondern auch an den Menschen, mit denen er zusammenlebt.

Das betrifft ferner die Einstellung der Menschen zum Geld. Sie sind zwar in der Regel nach unseren Begriffen bettelarm, sobald sie aber etwas Geld in die Finger bekommen, wird dies auch sofort wieder ausgegeben. Unsere Art, das Geld zusammenzuhalten und möglichst noch zu vermehren, wird von den Menschen hier oft als Geiz verstanden. Geld ist dazu da, sich selbst oder auch anderen Freude zu machen und zwar möglichst heute. Wer weiss, ob man morgen noch lebt. Der Farang, der versucht, den Menschen, mit denen er zusammenlebt, beizubringen, dass man Geld auf die hohe Kante legen muss, damit man im Alter davon zehren kann, wird auf totales Unverständnis stossen.

Das gilt auch für die Einstellung zur Arbeit. Unsere Überzeugung, dass ein gesunder Mensch in der Woche mindestens fünf Tage arbeiten muss, damit er sich wohlfühlt, kann man kaum einem Menschen im Isaan begreiflich machen. Gearbeitet wird nur dann, wenn es nötig ist, also in der Regel wenn die Feldbestellung ansteht. Sobald man etwas Geld in die Finger bekommen hat, wird solange nicht gearbeitet, bis das Geld ausgegeben ist.

Ein weiteres Problem für den in einem Thai-Dorf lebenden Farang sind Ordnung und Sauberkeit. Wer versucht, den Menschen, mit denen er zusammenlebt, unsere deutschen Vor- stellungen von Ordnung und Sauberkeit beizubringen, der könnte genau so gut versuchen, das Meer auszuschöpfen. Wenn man in die Schränke sieht, in die alles, was nicht gerade gebraucht wird kunterbunt durcheinander hineingestopft wird, kann man das Grauen bekommen. Da hilft es dann nur, einen besonderen Schrank für die eigenen Sachen anzuschaffen und allen Familienmitgliedern klar zu machen, dass der allgemein übliche Zugriff auf alles, was jemandem in der Familie gehört, hier nicht gestattet ist.

Konflikte werden vermiedenAuch ihr Bestreben, unangenehmen Dingen auszuweichen, ist nicht immer in unserem Sinne, denn die Probleme, denen man ausgewichen ist, werden einem wahrscheinlich später wieder auf die Füsse fallen. Konflikte werden soweit es geht ver- mieden. Wer Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit austrägt, verliert Gesicht. Das gilt auch für Farang, die allzu leicht ihren Ärger zeigen oder ihre Gastgeber kritisieren. Aus Höflichkeit vermeidet man direkte Ablehnung oder Verneinung.

Wer Thais um etwas bittet, wird zum Beispiel selten eine Absage bekommen, selbst wenn es nicht möglich ist, der Bitte zu entsprechen. Statt „nein“ sagt man aus Höflichkeit lieber „vielleicht“ und zeigt durch zögerndes Verhalten seine Ablehnung.

Ein Stein des Anstosses für den Farang ist in der Regel, dass Menschen, mit denen er zusammenkommt oder für eine Zeit zusammenlebt, sich ganz selbstverständlich seiner Sachen bedienen oder sich aus dem Kühlschrank an dem gütlich tun, was er für seinen eigenen Bedarf mitgebracht oder gekauft hat. Dabei muss man aber berücksichtigen, dass das Wort Privatsphäre im Isaan ein unbekannter Begriff ist. Es handelt sich um Menschen, die ihr ganzes Leben lang mit mehreren Personen in einem Zimmer gehaust haben, wo jegliches Eigentum zum Gebrauch für jeden da war. Es handelt sich hier nach Isaan-Begriffen, also keineswegs um ein schlechtes Benehmen, sondern um ein Verhalten nach den in dieser Gesellschaft üblichen Regeln.

Ein Aspekt des Thai-Charakters, den wir Farang oft als wunderlich, wenn nicht gar lästig empfinden, ist ihre durch keinerlei Diskretion gehemmte Neugier. Der Fremde wird schon nach zwei Minuten Bekanntschaft nach seinen persönlichsten Dingen befragt, z. B. wieviele Kinder er hat und wieviel Geld er monatlich verdient. Was auch immer an den Dingen, die der Farang bei sich hat, ob Kamera oder Reisetasche, dem Thai in die Augen sticht, er wird gefragt, was das gekostet hat.

Wenn irgendwo im Dorf ein Unfall passiert, lässt jeder alles liegen und stehen und rennt zur Unfallstelle, um zu sehen, was dort passiert ist.

Im Isaan gehen die Uhren anders

Schliesslich ist es auch notwendig, sich beim täglichen Umgang mit den Menschen hier immer darüber klar zu sein, dass im Isaan die Uhren nun mal anders gehen als bei uns. Das betrifft nicht nur den Stundenzeiger, sondern die gesellschaftlichen Zustände ganz allgemein.

Wenn der Farang, der hier wohnt, auch täglich von neuem aus der Haut fahren möchte, wenn ihm die lässige Art der Thais mit allen Dingen umzugehen gegen den Strich geht oder sein gutes Geld kostet, so tut er doch gut daran, sich davon nicht bis zum Herzinfarkt treiben zu lassen. Jeder der hier länger lebt, wird die Erfahrung gemacht haben, dass es ein vergebliches Unterfangen ist, einen Thai mit noch so einleuchtenden logischen Argumenten von einer vorgefassten Meinung abbringen zu wollen.

Ein weiteres Problem für den hier lebenden Farang ist der Umstand, dass die Menschen bei ihrem Tun und Lassen weniger an die kurz- und schon gar nicht an die längerfristigen Folgen, sondern vor allem an den Augenblick und an ihr „Gesicht“ denken. Sie richten ihr Tun und Handeln weniger nach dem aus, was nach unserem Verständnis vernünftig oder logisch ist, sondern zunächst danach, was ihnen „Gesicht” verleiht.

Kaum ein unter normalen westlichen Zivilisationsbedingungen aufgewachsener Farang wird sich länger als ein paar Tage in einer typischen Isaan-Hütte mit einem Plumpsklosett und Wasserbottich hinter dem Haus als einziger sanitärer Einrichtung wohl fühlen. Er wird sich also ein - nach deutschen Verhältnissen allerdings spottbilliges - Steinhaus bauen. Dazu gehört eine geräumige, möglichst geflieste Toilette mit Dusche, sofern ein Wasseranschluss vorhanden ist. Weiter ein grosser Kühlschrank und eventuell sogar eine Klimaanlage. Um Verbindung mit der Aussenwelt zu haben, empfiehlt sich eine Satellitenanlage und möglichst ein Telefonanschluss mit PC, um sich aus dem Internet alles herunterladen zu können, was interessiert, z. B. deutsche Tageszeitungen und E-mail von Freunden und Verwandten aus der fernen Heimat.

So ausgerüstet kann man es durchaus auf dem Lande aushalten. Dazu gehört aber auch, dass man sich bemüht, die Sprache zu erlernen, wenn man nicht gerade ein Einsiedlerdasein führen will. Es ist auf die Dauer stinklangweilig, wenn man sich nur mit seiner Frau unterhalten kann, die von ihrer Bartätigkeit her ein paar Brocken Englisch spricht.

Alltagssprache ist zu lernenThai ist eine Sprache, die nach meiner Erfahrung sehr leicht zu lernen ist. Schwieriger ist es allerdings mit der Schrift, bei der es dem normal begabten Europäer sehr schwer fällt, die 44 Konsonanten und 32 Vokale auseinander zu halten. Aber in der Regel will man ja keine Thai-Zeitungen lesen, die es im Dorf sowieso nicht gibt. Die gesprochene Alltagssprache ist einfach, sie hat kaum grammatikalische Regeln, man reiht einfach Wort für Wort hintereinander, und mit ein paar hundert Worten des Grundwortschatzes kann man sich schon ganz ordentlich unterhalten.

Ein Problem für den Farang ist allerdings, dass es in der Thai-Sprache fünf Tonstufen gibt, und dass das gleiche Wort je nach Betonung sehr unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Er wird aber von den Thais meist aus dem Zusammenhang her richtig verstanden werden, auch wenn er ein Wort nicht richtig betont. Thai muss also nicht nur mit dem Wörterbuch, sondern auch mit dem Ohr gelernt werden.

Wenn man aber unter Thais lebt und den ganzen Tag über nur Thai hört, kommt die richtige Betonung von selbst. Vorsicht ist aber bei kurzen Fragen geboten, die man an einen Fremden richtet. Da sind Missverständnisse vorprogrammiert. Wenn man jemanden auf Thai um Feuer für seine Zigarette bittet, kann es vorkommen, dass er einen erstaunt ansieht, weil er verstanden hat, man wolle angesteckt und verbrannt werden.

Als ich dem netten Mädchen in der Hotelrezeption einmal sagte, ich wollte am nächsten Morgen um 6 Uhr geweckt werden, weil ich schwimmen gehen wollte, hatte sie verstanden, ich wollte früh um 6 von ihr gebadet werden, und sie überlegte nun krampfhaft, ob sie beleidigt ablehnen oder fragen sollte, wieviel ich zahlen würde.

 
 
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