Die Menschen im Isaan
Kambodscha und Laos haben in der Vergangenheit über Jahrhunderte die Geschichte des Nordostens bestimmt. Hier war der Schauplatz der kriegerischen Auseinandersetzungen der Könige Thailands mit den kambodschanischen und laotischen Herrschern, und das Gebiet wechselte häufig die Zugehörigkeit zwischen Thailand und den Nachbarstaaten. Die Völkerschaften dieser Länder sind noch heute im Isaan ethnisch präsent, sowohl in den Gesichtszügen der Menschen wie in ihren Sprachen und Gebräuchen. Der grössere Teil der Bevölkerung besteht ethnisch aus Lao und spricht auch einen laotischen Dialekt, der viele Gemeinsamkeiten mit der Thai-Sprache hat. Die Menschen haben einen zierlichen Körperbau und Stupsnasen, die vor allem den jungen Mädchen gut zu Gesicht stehen. Im östlichen Teil des Landes hingegen, in der Gegend um Buri Ram und Surin, in ehemals zu Kambodscha gehörenden Gebieten, die von den Siamesen während ihrer Eroberungszüge besetzt wurden, sind die Bewohner ethnisch Khmer. Sie haben einen stabileren Körperbau, gerade Nasen und allgemein eine etwas dunklere Hautfarbe als die Lao. Wenn man eines der Mädchen fragen würde, was sie sich am meisten wünscht, dann würde sie sich sicher eine hellere Hautfarbe wünschen. Anders als bei uns, wo eine gebräunte Haut als schön gilt, versuchen die Mädchen, die bei der Feldarbeit den ganzen Tag der sengenden Sonne ausgesetzt sind, sich durch um den Kopf gewickelte Tücher und Handschuhe vor dem Braunwerden zu schützen. Die Menschen hier sprechen einen gutturalen kambodschanischen Dialekt, der sich im Sprachstamm sowohl von der thailändischen, als auch von der laotischen Sprache völlig unterscheidet. Die Zentralregierung mag es allerdings nicht, wenn die Bewohner des Isaan als Thai-Laoten bezeichnet werden, und im übrigen Thailand hat das Wort „Lao“ einen minderwertigen Unterton. Es ist ein Synonym für Dürre, Armut und Landflucht. Wenn wir mal in die Stadt fahren müssen, und ich bin nach Meinung meiner Frau nicht ordentlich genug gekleidet, dann meint sie wohl „du siehst aus wie ein Lao“.
Wenn man ein paar typische Beispiele für die Wertordnung der Menschen im Isaan anführen sollte, dann wären es etwa die folgenden:
- Leben in Gemeinschaft geht über Privatatmosphäre.
- Geld machen geht über ethische Regeln.
- Schnell und einfach geht über korrekt und mühselig.
- Freundliche Unterhaltung ist besser als theoretische Diskussion.
- Äusserlichkeiten gehen über innere Werte.
- Das Jetzt ist wichtiger als Zukunftsplanung.
Die Zentralregierung ist bemüht, auch den Isaan in den Thailändischen Kulturkreis zu integrieren. Die Menschen im Isaan setzen dem aber passiven Widerstand entgegen und versuchen ihre heimische Kultur und Sprache zu erhalten. Sie bilden auch heute immer noch eine von den Menschen Kernthailands sehr verschiedene Kulturgruppe, mit eigener Sprache, eigenen Sitten und Gebräuchen, sowie eigener gesellschaftlicher Gliederung. Die Kinder werden in den Schulen zwar nur in der Thai-Sprache unterrichtet, aber viele fangen erst dann richtig an diese Sprache zu erlernen, wenn sie eingeschult werden. Regionale Organisationen und Vereine zur Pflege der heimischen Kultur werden von der Zentralregierung in Bangkok in keiner Weise unterstützt, sondern im Gegenteil in ihrer Arbeit behindert, weil man separatistische Aktivitäten befürchtet. Diese Furcht ist im übrigen nicht ganz unbegründet, denn in den 50 er und 60 er Jahren gab es im Isaan starke separatistische Bestrebungen und sogar Partisanentätigkeit, die von der Armee blutig niedergeschlagen werden musste.
Die jahrhundertelange Abschliessung vom übrigen Thailand hat im Isaan nicht nur zu unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Entwicklungen geführt, sondern auch zu einem gewissen Misstrauen und Widerstand gegen alles, was aus Bangkok kommt. Eine Ausnahme macht die Verehrung des Königs. Sie ist im Isaan mindestens genau so ausgeprägt wie im übrigen Thailand. Das Bild des Königs und der Königin hängt fast in jedem Wohnraum, jeder Gaststätte und jedem Hotel. Niemand im Isaan würde daran denken, einer Kino-Vorführung beizuwohnen, bevor er nicht am Anfang des Films beim Abspielen der Königshymne dem König stehend seine Referenz erwiesen hat. Wie stark die Bindung der Menschen an das Königshaus ist, zeigt unter anderem auch die Tatsache, dass Muttertag in Thailand jedes Jahr am 12. August, dem Geburtstag der Königin gefeiert wird.
Der Isaan hat eine lange Geschichte und daraus resultierende Traditionen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Das sind neben vielen sich von Zentralthailand stark unterscheidenden Sitten und Gebräuchen vor allem Speisen, Lieder, traditionelle Kleidung, Weberei usw. Im Osten des Isaan ist der Einfluss des nahen Kambodschas zum Beispiel an der Männerkleidung sichtbar. Die Männer in den Dörfern des Grenzgebietes tragen die typische Kleidung der Khmer, bei nacktem Oberkörper einen Männersarong und ein wie ein Turban um den Kopf geschlungenes Tuch. Dieses Tuch dient verschiedenen Zwecken. Es kann als Gürtel, als Kopftuch oder aber auch als Tragetasche dienen. Bei Bedarf kann das Ende des Pakama genannten Sarongs von hinten zwischen den Beinen durchgezogen und vorne in das um den Bauch geschlungene Tuch gesteckt werden. Das ergibt dann eine Art Hose.
Bei der Arbeit auf den Feldern ist es kaum möglich, Männer und Frauen zu unterscheiden. Alle sind vom Scheitel bis zu den Füssen eingepackt, um die brennenden Sonnenstrahlen abzuhalten, und die Mädchen wollen natürlich nicht zu “schwarz” werden.
Junge Mädchen tragen heute gerne westliche Kleidung, also Jeans und T-Shirts. Sobald sich ein bisschen Busen ausbildet, ist ein Büstenhalter obligatorisch, selbst wenn es noch nicht viel zu halten gibt. Es gilt als äusserst unschicklich, wenn sich unter der Bluse oder dem Pulli Brustwarzen abzeichnen. Verheiratete Frauen tragen fast alle Sarongs, von denen sie mehrere Exemplare für den täglichen Gebrauch, aber auch einige, oft selbstgewebte wundervolle Stücke besitzen, die zu festlichen Anlässen angelegt werden. Dabei läuft man entweder barfuss oder in einfachen Plastiklatschen. Die Schulkinder tragen alle Schuluniformen, die Jungen eine kurze khakifarbene Hose und ein weisses Hemd, die Mädchen einen schwarzen Rock und eine weisse Bluse. Der Kauf der obligatorischen Schulkleidung – es müssen ja mindestens zwei komplette Exemplare sein, da eines jeden Tag gewaschen werden muss - kann für arme Eltern eine erhebliche Belastung sein.
Ganz im Gegensatz zu dem, was mancher Farang, der den Betrieb in den Touristenorten sieht, annehmen wird, ist die Sexualmoral auf dem Land viel strenger als zum Beispiel bei uns. Körperkontakte zwischen Männern und Frauen sind in der Öffentlichkeit tabu. Strenge Verhaltensmuster regeln das Verhältnis der Geschlechter untereinander, und es gilt als äusserst unschicklich, Gefühle zwischen Mann und Frau in der Öffentlichkeit zu zeigen.
Wenn die Bezeichnung Thailands als das Land des Lächelns wahr ist, dann sicher im Isaan. Wer das wirkliche Thailand sucht, der wird es hier, weit ab von den grossen Städten, bei den zwar armen, aber dem Besucher aus dem fernen Europa gastfreundlich entgegenkommenden Menschen, finden. Obwohl natürlich auch hier durch das Fernsehen, das Schulsystem und die Töchter des Landes, die in den Touristenhochburgen tätig sind, sich einige westliche Wertvorstellungen und Sitten - und nicht immer die besten - eingeschlichen haben, haben die Menschen, vor allem in den kleinen Dörfern, kaum etwas von ihrem traditionellen Lebensrhythmus und ihren Gebräuchen aufgegeben. Das gilt vor allem für alles, was man in Thailand mit Sanuk bezeichnet. Wenn man im Wörterbuch nachschlägt, dann wird Sanuk mit Spass, Vergnügen übersetzt. Für die Menschen im Isaan ist Sanuk aber mehr als nur Spass, sondern es drückt vielmehr ihre Lebensphilosophie aus. Das heisst nicht etwa, dass sie nur oberflächlich dahinleben und die Realitäten des Lebens nicht sehen wollen. Sanuk ist vielmehr ein Ausdruck für ihre angeborene Lebensfreude, ohne die das Leben eine eintönige und trostlose Sache wäre. Alle Erfahrungen werden in „Sanuk“ und „mai Sanuk“ eingeteilt. Gut essen, mit Freunden zusammensitzen, einen Film sehen und natürlich feiern, das ist Sanuk. Arbeit dagegen ist mai Sanuk, vor allem wenn sie eintönig ist und nicht mit Freunden zusammen durchgeführt wird, so dass es keine Gelegenheit zu einem Schwätzchen oder Spässchen gibt.
Charakteristisch für die Menschen im Isaan ist auch deren Leidenschaft für Glücksspiele. An den Strassen in den Städten sitzen überall ambulante Lotterieverkäufer - häufig Blinde - und bieten Lose der Staatlichen Lotterie an. Wer nur irgendwie ein paar Baht in die Finger kriegt, kauft sich jede Woche möglichst mehrere Lotterielose. Gekauft wird aber nicht irgendein Los, sondern Lose mit bestimmten Endnummern. Die Glücksnummern hat man entweder geträumt oder - noch häufiger - beim Tempelbesuch aus einer mit numerierten Stäbchen gefüllten Trommel geschüttelt. Und da das noch nicht reicht, gibt es überall in der Nachbarschaft, meist im kleinen Laden an der Ecke, schwarze Lotterien, wo man Wetten auf die letzte Zahl abschliessen kann, mit der das grosse Los bei der nächsten Ziehung der Staatlichen Lotterie herauskommt. Solch illegale schwarze Lotterien, deren Gewinnzahlen mit den Nummern der staatlichen Lotterie identisch sind, gibt es in jedem Dorf. Wenn man auch ganz selten dabei von der Polizei erwischt wird, so noch viel seltener von einem Lotteriegewinn.
Wegen der Leidenschaft der Thais für Glücksspiele sind diese gesetzlich verboten. Das Gesetz wird aber sinnigerweise bei Todesfällen ausser Kraft gesetzt. Ist jemand im Dorf gestorben, so wird die Gelegenheit genutzt, ungestraft ein Spielchen machen zu können. Wenn man dann abends zum Trauerhaus kommt, sitzen sowohl um den Sarg herum, als auch vor dem Haus, Spielerrunden und zocken, was das Zeug hält. Falls jemand aus einer wohlhabenden Familie gestorben ist, also auch betuchte Trauergäste zu erwarten sind, reisen die Berufszocker aus der ganzen Gegend an, um die Trauergäste auszunehmen.
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Vor allem wird jede Gelegenheit zum Feiern - was auch immer der Anlass ist - voll genutzt. Sobald bei solchen Feiern Musik vorhanden ist, egal, ob aus demKofferradio oder mit irgend welchen Instrumenten selbst fabriziert, wird getanzt, und zwar der typische thailändische Ram-Wong. Das ist ein Tanz, bei dem sich die Paare nicht berühren, sondern unter graziöser Verdrehung der Hände und Finger einander umtanzen. Den Ram-Wong tanzen nicht nur Paare miteinander, sondern auch Männer mit Männern und Frauen mit Frauen. Die unglaubliche Leichtigkeit der Bewegungen verleitet dann oft den bei einem solchen Fest anwesenden Farang dazu, es auch einmal zu versuchen, vor allem, wenn er von netten Mädchen dazu aufgefordert wird. Dabei macht er sich dann unweigerlich zum Affen, wenn er mit der Grazie eines liebeskranken Elefanten ein zierliches Isaan-Girl umtanzt. Dagegen ist man erstaunt, mit welcher Grazie sich selbst dicke Marktfrauen beim Ram-Wong bewegen.
Und es gibt über das ganze Jahr eine Vielzahl von Gelegenheiten für ein Fest. Da sind zum einen die hohen buddhistischen Feiertage, bei denen das ganze Dorf im feierlichen Umzug zum Kloster zieht, um dort zu opfern. Dabei wird aber nicht wie bei uns in einer Kirchenprozession still oder Gebete murmelnd dahingeschlichen, sondern mit einer Kapelle vornweg legt die ganze Gesellschaft den Weg tanzend zurück. Aber auch andere Gelegenheiten zum Feiern gibt es. Hochzeiten, Kindtaufen, Mönchsweihe, Geburtstage, ja sogar eine Beerdigung, oder besser Einäscherung ist ein Fest, bei dem die jeweilige Familie keine Kosten scheut, auch wenn sie sich das Geld leihen muss, um alle Gäste mit Speise und Trank zu bewirten. Meist beginnen die Frauen schon einen Tag vorher mit den Vorbereitungen, und auch am Festtag sind die Frauen der Familie und einige Nachbarsfrauen pausenlos damit beschäftigt, zu kochen und zu braten, während die Männer derweil auf den auf den Boden gelegten Matten herumsitzen und sich an den immer neu herangeschleppten Köstlichkeiten sowie dem ebenfalls immer reichlich angebotenen Reisschnaps und Bier gütlich tun. Unter Sanuk verstehen die Menschen im Isaan vor allem, zusammen mit Freunden und Bekannten gut essen und trinken. Jeder Fremde, der vorbeikommt, wird freundlich eingeladen, sich hinzuhocken und mitzumachen. Wenn ich durchs Dorf gehe, sagt kaum jemand, den ich treffe, „sawadee“ (guten Tag), sondern meist wird gefragt „gin khao laeo“ (hast du schon gegessen).
Auf den Dörfern gibt es ausser den Festen, die man selber feiert, wenig Gelegenheit zur Zerstreuung. Es gibt keine Disco, kein Kino und nicht mal eine Bar. Alle paar Wochen kommt mal eine wandernde Schauspieltruppe in die Gegend, um eine Likay-Schau aufzuführen. Das ist ein populäres Volkstheater, im wesentlichen eine burleske Abwandlung des klassischen Tanztheaters und vor allem auf dem Lande sehr beliebt. Eine andere Wanderschau bietet Mor-Lam-Aufführungen, bei denen Sängerinnen und Sänger, umrahmt von kurzberockten und sexy gekleideten Tänzerinnen, Lieder aus dem Isaan darbieten. Aus den Dörfern der Umgebung kommen dann die Leute meist mit Kind und Kegel angefahren, um sich bei dem meist über drei bis vierStunden bis nach Mitternacht dauernden Spektakel zu amüsieren. Aber auch bei festlichen Anlässen im Dorf, wie etwa beim Klostereintritt eines jungen Mannes, bei Neujahrs- oder Tempelfesten, ja sogar bei der Kremationsfeier für einen Verstorbenen, wird von etwas begüterten Familien solch eine Truppe verpflichtet.
Das Leben besteht aber nicht nur aus Feiern, sondern für den Lebensunterhalt muss auch gearbeitet werden. Die einzige Arbeit, die es auf dem Dorf gibt, ist die Landwirtschaft, überwiegend der Reisanbau. 85% der Bevölkerung des Isaan sind mit Reisanbau beschäftigt, der Rest sind Händler, Lehrer usw.
Reis und Reisanbau sind in der thailändischen Tradition so fest verwurzelt, dass bis in die 30er Jahre des gerade zu Ende gegangenen Jahrhunderts der Rang eines Regierungsbeamten bestimmte, wieviel Reisfelder er mit der Erlaubnis des Königs besitzen durfte. Reisanbau gilt in Thailand als ein sehr achtbarer Beruf, wenn auch heute kaum noch Reichtümer damit erworben werden können. Man sagt sogar manchmal, dass jemand, der nicht auf seinen eigenen Feldern Reis anbaut, gar kein richtiger Thai ist. Das stimmt heute zwar nur noch mit Einschränkungen, denn die Bauern im Isaan haben ihre Felder oft arg mit Schulden belastet, um dringend benötigtes Werkzeug, Saatgut oder Kunstdünger kaufen zu können. Ja, sie müssen sogar nicht selten ihre eigenen Äcker von den Banken pachten, denen sie die Felder als Sicherheit für in schlechten Jahren aufgenommene Darlehen verpfändet haben. Es klingt für unsere Begriffe wie Wucher, aber Jahreszinsen von 50% sind im Isaan für aufgenommenes Geld oft die Regel.
Der ganze Lebensrhythmus der Reisbauern wird durch die Jahreszeiten und das Wetter bestimmt. Wenn zu Beginn der Regenzeit, die in der vorhergehenden monatelangen Sonnenglut steinhart gebackenen Felder weit genug aufgeweicht sind, um gepflügt werden zu können, laufen die Männer von morgens früh bis abends spät im knietiefen Wasser auf den Feldern hinter Pflug und Egge her. Währenddessen fangen die Frauen an, in kleinen Feldabschnitten den Reis auszusäen, der ein Paar Wochen später, wenn die Regenzeit voll im Gang ist, das Pflanzgut für die Reisfelder abgibt. Das Saatgut wird unter genauer Einhaltung magischer Vorschriften sehr dicht ausgesät und muss dann nach zirka vierWochen verpflanzt werden. Auch das Reispflanzen ist eine Knochenarbeit, meist für die Frauen. Sie gehen von morgens bis abends gebückt in einer langen Reihe über die knietief mit Wasser bedeckten Reisfelder und drücken in zehn Zentimetern Abstand die jungen Reisschösslinge in den Boden. Wer sich einmal die Füsse seiner Freundin in Phuket oder Pattaya ansieht, der wird leicht feststellen, ob das Mädchen die Tochter eines Reisbauern ist, die von klein an in den unter Wasser stehenden Reisfeldern herumwaten musste. Es gibt - wenn nicht gerade ein hoher buddhistischer Feiertag ansteht - keinen Sonntag und keinen Ruhetag, solange der Reis nicht fertig gepflanzt ist.
Ist der Reis gepflanzt, bleibt aber für die Menschen im Dorf für ein paar Monate nichts anderes zu tun, als dem Reis beim Wachsen zuzusehen. Männlein und Weiblein liegen dann mehr oder weniger den ganzen Tag herum und warten, bis der Reis reif zur Ernte ist. Dann geht die Knochenarbeit wieder los, denn da im Isaan die Felder nur etwas mehr als Handtuchgrösse haben und jeweils durch Erddämme eingeschlossen sind, um das kostbare Regenwasser festzuhalten, können keine Maschinen eingesetzt werden. Der Reis muss also von Hand geschnitten werden. Ist die Reisernte vorbei, ist wieder für ein paar Monate Ruhe angesagt, bis die Trockenzeit vorüber ist, und die Felder genug aufgeweicht sind, um wieder gepflügt werden zu können.
Die Menschen im Isaan lieben die Geselligkeit. Während der Monate, in denen keine Arbeit ansteht, sitzt man manchmal den ganzen Tag zusammen und unterhält sich. Mit dem Wechsel von der Tausch- zur Geldwirtschaft haben sich die nachbarlichen Beziehungen in den Dörfern allerdings nicht zum besseren entwickelt. Während früher die Felder in Gemeinschaftsarbeit bewirtschaftet wurden, und man reihum ging, um alle Felder des Dorfes zu bestellen, will heute jeder, der auf dem Feld eines Nachbarn arbeitet, dafür bezahlt werden.
Wenn man in der Regenzeit in den Isaan kommt und die endlos grünen Reisfelder sieht, dann könnte man meinen, dass eine freundliche Natur die Menschen mit überquellenden Ernteerträgen verwöhnt. Das ist aber keineswegs der Fall. Die Bauern haben zwar, sofern sie über genug eigenes oder gepachtetes Land verfügen, die Grundnahrungsmittel aus eigener Erzeugung. Die niedrigen Reispreise gestatten es ihnen jedoch nicht, die nötigen Ausgaben zu bezahlen. Das Jahreseinkommen einer Familie liegt in den ärmeren Dörfern oft unter 10.000Baht = 500DM, und davon müssen dann Vater, Mutter, 5Kinder, 3Hunde, 4Katzen und 5Enten leben (von ein paar Tausend Moskitos ganz zu schweigen). Die Reisbauern sind deshalb oft stark bei Banken und Geldverleihern verschuldet. Um die immens hohen Zinsen zu bezahlen, müssen sie ihren Reis sofort nach der Ernte verkaufen. Das plötzliche Überangebot zur Erntezeit drückt natürlich die Preise, die von Aufkäufern und Reismühlen gezahlt werden. Wären die Bauern in der Lage, ihre Ernte für ein paar Monate in ihren eigenen kleinen Silos einzulagern, könnten sie einen wesentlich besseren Preis erzielen. So nährt die Armut weitere Armut.
Da in den Dörfern des Isaan nur drei bis vier Monate im Jahr Arbeit ansteht, und in der Wartezeit natürlich kein Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen ist, strömen in diesen beschäftigungslosen Monaten viele Hunderttausende aus dem Isaan in die grosse Stadt, um in Bangkok als Hilfsarbeiter in Fabriken oder auf dem Bau etwas Bargeld zu verdienen. Wenn die Einwohnerzahl Bangkoks manchmal mit 10Millionen und manchmal mit 8Millionen angegeben wird, so können beide Zahlen stimmen. Niedriges Einkommen, hohe Pachtzinsen für das den Banken oder Geldverleihern als Sicherheit überlassene Land, mangelnde schulische Ausbildung, keine Chance, einen Beruf zu erlernen, all das treibt die Menschen aus dem Isaan in die Stadt, auch wenn ihr Glück nur darin besteht, dass sie die Slums vergrössern. So niedrig die Löhne auch sein mögen, sie betragen aber immer noch ein Mehrfaches von dem, was in ihren Dörfern zu verdienen wäre. Fast alle diese Leute haben nur eine rudimentäre Schul- und keine berufliche Ausbildung. Wenn sie Arbeit finden, dann als Tuk-Tuk- oder Taxifahrer, als Dienstmädchen, Strassenverkäufer oder als Bauarbeiter. Fast jeder Taxifahrer oder Obstverkäufer in Bangkok stammt aus dem Nordosten. Die jüngeren und hübscheren Mädchen arbeiten meist in den Bars. Sie bilden zusammen das unterste Proletariat der Millionenstadt, und da sie sich sowohl durch ihre Heimatsprache als auch durch ihre Sitten und Gebräuche von den Kernland-Thais unterscheiden, leben sie auch meist getrennt von diesen im eigenen Clan zusammen.
Viele jüngere Leute versuchen auch eine Arbeit im Ausland zu bekommen, zum Beispiel in den arabischen Ländern, Taiwan oder Singapur, wo wesentlich mehr Geld verdient werden kann. Es gibt im Isaan eine ganze Reihe obskurer Arbeitsvermittlungsbüros, die hierfür ihre Dienste anbieten. Um die horrenden Vermittlungsgebühren von bis zu 100.000Baht pro Job aufzubringen, die diese Vermittler verlangen, muss sich oft die ganze Familie verschulden. Häufig wird der ins Ausland vermittelte Arbeiter auch das erste Jahr nur dafür arbeiten müssen, um die Vermittlungsgebühren und die Kosten für das Flugticket zurückzuzahlen. Oft stranden die Vermittelten auch schon in Bangkok, weil die Vermittler sie betrogen haben und gar keine Stellen nachweisen können.
Die 1997eingetretene Wirtschaftskrise hat allerdings die Situation der Menschen, die aus dem Isaan in die grosse Stadt strömen, erheblich verschlechtert. Einige Schätzungen geben die Zahl der Arbeitslosen in Thailand mit drei bis vierMillionen an, davon dürfte der grösste Teil auf ungelernte Arbeitskräfte aus dem Isaan entfallen. Da es aber keine Arbeitslosenstatistik, und Sozialleistungen nur für einen kleinen Teil der Arbeiter gibt, sind solche Arbeitslosenzahlen nichtssagend. Weil es keine Arbeitslosenunterstützung gibt, müssen die Leute jeden schlecht bezahlten Gelegenheitsjob annehmen, den sie finden können. Der Rückgang der Verdienstmöglichkeiten, sowohl in ländlichen Gegenden als auch in den Städten, hat unter anderem dazu geführt, dass viele Kinder weiterführende Schulen verlassen müssen, weil die Eltern das Schulgeld nicht mehr bezahlen können. Die sogenannte Asienkrise hat die Kluft zwischen Arm und Reich im Lande noch grösser gemacht, als sie schon vorher war. Die Regierung versucht mit Geldern des IWF die thailändische Wirtschaft zu restrukturieren. „Restrukturierung“ bedeutet hier aber die Verstaatlichung der Schulden reicher Privatleute und Banken, die durch Aktien- und Immobilienspekulationen entstanden sind. Faule Kredite, die sich im Bankenwesen aufgehäuft hatten, wurden mit öffentlichen Geldern übernommen. Da die Reichen aber kaum Steuern bezahlen, fällt die Last auf die arbeitende Bevölkerung. Tatsächlich haben also die Reichen ihre Schulden auf die Armen übertragen.
Ein wichtiger Aspekt des Lebens im Isaan ist der Familienzusammenhalt. Kinder werden allgemein milder und duldsamer erzogen und mehr verwöhnt als bei uns. Ich habe manchmal verwundert geschaut, wenn eine Mutter, die den ganzen Tag auf unserem Zuckerrohrfeld hart gearbeitet hat und abends ihre 100Baht Tageslohn in Empfang nahm, ihrer bettelnden Göre 10Baht von dem mühsam verdienten Geld in die Hand drückte, damit die sich im nächsten Kramladen Bonbons kaufen konnte. Andererseits wird schon in der Schule der Respekt vor den Älteren gelehrt. Ebenso wie die Eltern geniessen auch Lehrer, religiöse und politische Oberhäupter, oft auch Vorgesetzte in Betrieben, hohe Autorität.
Die Pflicht der Kinder, später für ihre Eltern zu sorgen, ist in einem Land, wo es keine Sozialversicherung und keine Rente gibt (zumindest nicht für die Leute auf dem Land), selbstverständlich, auch wenn die Kinder weit weggezogen sind. Sie sind bei unzureichender Renten- und Krankenversorgung die einzige Absicherung und Stütze im Alter. Der Farang, der eine Thai-Frau geheiratet hat, wird das oft nicht verstehen. Für seine Frau ist das aber eine Selbstverständlichkeit, und sie würde sich ihren Eltern gegenüber, die sie gross gezogen haben, undankbar erweisen und ihr Gesicht verlieren, wenn sie ihnen nicht regelmässig aus dem fernen Deutschland Geld schickte.
Auch die dem Buddhismus eigene Vorstellung vom Kharma, dass nämlich alle verschiedenen Leben eine einzige Folge sind, und dass all unser Tun und Lassen in diesem Leben zwangsläufig Auswirkungen auf das nächste Leben haben muss, bestimmt stark das Wesen der Menschen im Isaan. Daher ihr Bemühen, jede Gelegenheit zum „tam buun“ zu nutzen, das heisst, Gutes zu tun, egal, ob man den Mönchen morgens etwas in den Napf legt, beim Tempelbesuch einen Vogel oder Fisch in Freiheit setzt oder für den immer prächtigeren Ausbau eines Tempels spendet. Indem man „tam buun” tut, zahlt man sozusagen auf ein Bankkonto ein, von dem man im nächsten Leben abheben kann.
Die Überzeugung, dass letztlich alles, was einem im Leben widerfährt, nur eine Folge dessen ist, was man in seinen vorhergegangenen Existenzen an Gutem oder Schlechtem getan hat, ist sicher auch der Grund dafür, dass die Menschen hier sich ohne gross zu klagen in dieses ärmliche Leben fügen. Schliesslich hat man für alles, was einem widerfährt, ja selbst im früheren Leben die Ursachen gesetzt. Das ist aber auch der Hintergrund für das thailändische Wertsystem, nachdem jeder Mensch einen Wert zugemessen bekommt, der durch sein Kharma grundsätzlich gerechtfertigt ist.
Der Glaube an das Kharma und daran, dass die Verhältnisse in diesem Leben von den guten oder schlechten Taten im letzten Leben bestimmt werden, hat aber auch seine Kehrseite. Reiche Leute sind weniger geneigt, ihren ärmeren Zeitgenossen zu helfen, da diese ja ihr miserables Los durch schlechte Taten im letzten Leben selbst verschuldet haben. Das gleiche gilt auch für Körperbehinderte. Auch hier wird das natürliche Mitleid dadurch eingeschränkt, dass man der Meinung ist, dass auch sie ihr miserables Los durch schlechte Taten im letzten Leben selbst verschuldet haben. Man tut also besser „tam buun“ und gewinnt damit Verdienste, wenn man seine Almosen dem Kloster gibt. Das Kloster kann dann damit die „Krüppel“ unterstützen.
Wenn aber in den vergangenen Jahrhunderten die Masse der Landbevölkerung ihre Machtlosigkeit und Armut weitgehend klaglos hingenommen hat, so hat sich hier in den letzten Jahrzehnten viel verändert. Vor allem durch das Fernsehen bekommen die Leute auf dem flachen Land heute alle Tage vorgeführt, dass die Macht und der zu ihrer Armut in krassem Gegensatz stehende Reichtum der oberen Zehntausend im Lande weniger durch gute Taten im vergangenen Leben, sondern eher durch Korruption und Betrug erworben wurde. Eine Studie der Fakultät für politische Wissenschaften der Chulalongkorn-Universität ermittelte, dass die Hälfte der Posten im Öffentlichen Dienst von Generaldirektoren und Generalsekretären verkauft werden. Die Bereitschaft, gegen diese Situation aufzubegehren, ist daher gewachsen, und man erfährt heute fast alle Tage aus den Zeitungen oder dem Fernsehen von Protestaktionen armer Farmer aus dem Isaan gegen Massnahmen oder auch gegen die Untätigkeit der Regierung in Bangkok.
Der Farang mag nun meinen, dass das Leben im Isaan hart und primitiv ist. Das ist es aber nur, wenn wir dabei unsere eigenen Wertmassstäbe anlegen. Die Leute sind zwar arm, aber keineswegs unglücklich, noch hadern sie gar mit ihrem Schicksal. Im Gegenteil, sie versuchen aus ihren für unsere Begriffe mühseligen Lebensumständen soviel Sanuk wie möglich herauszuholen. Die Ruhe und der Frieden, die sich aus diesem gemächlichen Leben und der Notwendigkeit, in ärmlichen Verhältnissen dicht zusammenzuleben ergeben, sind den in der Hetze unserer Welt lebenden Menschen leider meist abhanden gekommen.
Die Leute im Isaan sind mit ihrem Los allgemein wohl sicher nicht unzufriedener als wir Europäer mit unserem höheren Lebensstandard. Gewiss hätte man gerne mehr Geld, aber wenn nicht, dann ist das eben Schicksal, Kharma, und es hat überhaupt keinen Sinn, sich darüber zu grämen. Eine der dümmsten Bemerkungen, die ich in einer Fernsehreportage über die armen Leute im Isaan gehört habe, war der Ausspruch „Es ist unglaublich, wie fröhlich die Kinder trotz ihrer Armut sind”. Aus dieser Ansicht, andere Völker, die einen ganz anderen Entwicklungsweg genommen und eine völlig andere Mentalität haben als wir, könnten nur dann glücklich und zufrieden sein, wenn sie den gleichen Lebensstandard geniessen wie wir, spricht ein satter Hochmut. Menschen, die so etwas sagen, sollten sich doch zuerst mal in ihrer eigenen Familie und unter Nachbarn und Bekannten zu Hause umsehen, um festzustellen, wie wenig glücklich und zufrieden das macht, was wir als unverzichtbaren Lebensstandard ansehen.
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Die 1997eingetretene Wirtschaftskrise hat allerdings die Situation der Menschen, die aus dem Isaan in die grosse Stadt strömen, erheblich verschlechtert. Einige Schätzungen geben die Zahl der Arbeitslosen in Thailand mit drei bis vierMillionen an, davon dürfte der grösste Teil auf ungelernte Arbeitskräfte aus dem Isaan entfallen. Da es aber keine Arbeitslosenstatistik, und Sozialleistungen nur für einen kleinen Teil der Arbeiter gibt, sind solche Arbeitslosenzahlen nichtssagend. Weil es keine Arbeitslosenunterstützung gibt, müssen die Leute jeden schlecht bezahlten Gelegenheitsjob annehmen, den sie finden können. Der Rückgang der Verdienstmöglichkeiten, sowohl in ländlichen Gegenden als auch in den Städten, hat unter anderem dazu geführt, dass viele Kinder weiterführende Schulen verlassen müssen, weil die Eltern das Schulgeld nicht mehr bezahlen können. Die sogenannte Asienkrise hat die Kluft zwischen Arm und Reich im Lande noch grösser gemacht, als sie schon vorher war. Die Regierung versucht mit Geldern des IWF die thailändische Wirtschaft zu restrukturieren. „Restrukturierung“ bedeutet hier aber die Verstaatlichung der Schulden reicher Privatleute und Banken, die durch Aktien- und Immobilienspekulationen entstanden sind. Faule Kredite, die sich im Bankenwesen aufgehäuft hatten, wurden mit öffentlichen Geldern übernommen. Da die Reichen aber kaum Steuern bezahlen, fällt die Last auf die arbeitende Bevölkerung. Tatsächlich haben also die Reichen ihre Schulden auf die Armen übertragen.
Ein wichtiger Aspekt des Lebens im Isaan ist der Familienzusammenhalt. Kinder werden allgemein milder und duldsamer erzogen und mehr verwöhnt als bei uns. Ich habe manchmal verwundert geschaut, wenn eine Mutter, die den ganzen Tag auf unserem Zuckerrohrfeld hart gearbeitet hat und abends ihre 100Baht Tageslohn in Empfang nahm, ihrer bettelnden Göre 10Baht von dem mühsam verdienten Geld in die Hand drückte, damit die sich im nächsten Kramladen Bonbons kaufen konnte. Andererseits wird schon in der Schule der Respekt vor den Älteren gelehrt. Ebenso wie die Eltern geniessen auch Lehrer, religiöse und politische Oberhäupter, oft auch Vorgesetzte in Betrieben, hohe Autorität.
Die Pflicht der Kinder, später für ihre Eltern zu sorgen, ist in einem Land, wo es keine Sozialversicherung und keine Rente gibt (zumindest nicht für die Leute auf dem Land), selbstverständlich, auch wenn die Kinder weit weggezogen sind. Sie sind bei unzureichender Renten- und Krankenversorgung die einzige Absicherung und Stütze im Alter. Der Farang, der eine Thai-Frau geheiratet hat, wird das oft nicht verstehen. Für seine Frau ist das aber eine Selbstverständlichkeit, und sie würde sich ihren Eltern gegenüber, die sie gross gezogen haben, undankbar erweisen und ihr Gesicht verlieren, wenn sie ihnen nicht regelmässig aus dem fernen Deutschland Geld schickte.
Auch die dem Buddhismus eigene Vorstellung vom Kharma, dass nämlich alle verschiedenen Leben eine einzige Folge sind, und dass all unser Tun und Lassen in diesem Leben zwangsläufig Auswirkungen auf das nächste Leben haben muss, bestimmt stark das Wesen der Menschen im Isaan. Daher ihr Bemühen, jede Gelegenheit zum „tam buun“ zu nutzen, das heisst, Gutes zu tun, egal, ob man den Mönchen morgens etwas in den Napf legt, beim Tempelbesuch einen Vogel oder Fisch in Freiheit setzt oder für den immer prächtigeren Ausbau eines Tempels spendet. Indem man „tam buun” tut, zahlt man sozusagen auf ein Bankkonto ein, von dem man im nächsten Leben abheben kann.
Die Überzeugung, dass letztlich alles, was einem im Leben widerfährt, nur eine Folge dessen ist, was man in seinen vorhergegangenen Existenzen an Gutem oder Schlechtem getan hat, ist sicher auch der Grund dafür, dass die Menschen hier sich ohne gross zu klagen in dieses ärmliche Leben fügen. Schliesslich hat man für alles, was einem widerfährt, ja selbst im früheren Leben die Ursachen gesetzt. Das ist aber auch der Hintergrund für das thailändische Wertsystem, nachdem jeder Mensch einen Wert zugemessen bekommt, der durch sein Kharma grundsätzlich gerechtfertigt ist.
Der Glaube an das Kharma und daran, dass die Verhältnisse in diesem Leben von den guten oder schlechten Taten im letzten Leben bestimmt werden, hat aber auch seine Kehrseite. Reiche Leute sind weniger geneigt, ihren ärmeren Zeitgenossen zu helfen, da diese ja ihr miserables Los durch schlechte Taten im letzten Leben selbst verschuldet haben. Das gleiche gilt auch für Körperbehinderte. Auch hier wird das natürliche Mitleid dadurch eingeschränkt, dass man der Meinung ist, dass auch sie ihr miserables Los durch schlechte Taten im letzten Leben selbst verschuldet haben. Man tut also besser „tam buun“ und gewinnt damit Verdienste, wenn man seine Almosen dem Kloster gibt. Das Kloster kann dann damit die „Krüppel“ unterstützen.
Wenn aber in den vergangenen Jahrhunderten die Masse der Landbevölkerung ihre Machtlosigkeit und Armut weitgehend klaglos hingenommen hat, so hat sich hier in den letzten Jahrzehnten viel verändert. Vor allem durch das Fernsehen bekommen die Leute auf dem flachen Land heute alle Tage vorgeführt, dass die Macht und der zu ihrer Armut in krassem Gegensatz stehende Reichtum der oberen Zehntausend im Lande weniger durch gute Taten im vergangenen Leben, sondern eher durch Korruption und Betrug erworben wurde. Eine Studie der Fakultät für politische Wissenschaften der Chulalongkorn-Universität ermittelte, dass die Hälfte der Posten im Öffentlichen Dienst von Generaldirektoren und Generalsekretären verkauft werden. Die Bereitschaft, gegen diese Situation aufzubegehren, ist daher gewachsen, und man erfährt heute fast alle Tage aus den Zeitungen oder dem Fernsehen von Protestaktionen armer Farmer aus dem Isaan gegen Massnahmen oder auch gegen die Untätigkeit der Regierung in Bangkok.
Der Farang mag nun meinen, dass das Leben im Isaan hart und primitiv ist. Das ist es aber nur, wenn wir dabei unsere eigenen Wertmassstäbe anlegen. Die Leute sind zwar arm, aber keineswegs unglücklich, noch hadern sie gar mit ihrem Schicksal. Im Gegenteil, sie versuchen aus ihren für unsere Begriffe mühseligen Lebensumständen soviel Sanuk wie möglich herauszuholen. Die Ruhe und der Frieden, die sich aus diesem gemächlichen Leben und der Notwendigkeit, in ärmlichen Verhältnissen dicht zusammenzuleben ergeben, sind den in der Hetze unserer Welt lebenden Menschen leider meist abhanden gekommen.
Die Leute im Isaan sind mit ihrem Los allgemein wohl sicher nicht unzufriedener als wir Europäer mit unserem höheren Lebensstandard. Gewiss hätte man gerne mehr Geld, aber wenn nicht, dann ist das eben Schicksal, Kharma, und es hat überhaupt keinen Sinn, sich darüber zu grämen. Eine der dümmsten Bemerkungen, die ich in einer Fernsehreportage über die armen Leute im Isaan gehört habe, war der Ausspruch „Es ist unglaublich, wie fröhlich die Kinder trotz ihrer Armut sind”. Aus dieser Ansicht, andere Völker, die einen ganz anderen Entwicklungsweg genommen und eine völlig andere Mentalität haben als wir, könnten nur dann glücklich und zufrieden sein, wenn sie den gleichen Lebensstandard geniessen wie wir, spricht ein satter Hochmut. Menschen, die so etwas sagen, sollten sich doch zuerst mal in ihrer eigenen Familie und unter Nachbarn und Bekannten zu Hause umsehen, um festzustellen, wie wenig glücklich und zufrieden das macht, was wir als unverzichtbaren Lebensstandard ansehen. |