Was sind eigentlich "Bergvölker"?
"Die Nacht unter einfachem Strohdach in karger Hütte verbracht. Vieltausendfaches Gezirpe, wildes Geheul, Gezeter und Gebrüll hatten uns wach gehalten. Der Urwald kennt keinen Schlaf. Doch plötzlich breitete sich sturzbachartig ein Monsunschauer wie ein grob besticktes Baumwollvlies über das ewig sehnsuchtsvolle Urgeschrei des Dschungels aus. Die monotone Melodie des prasselnden Regens ließ uns etwas Kraftspendende Ruhe finden. Wir würden sie nötig haben. Der nächste Morgen kam mit warmen Sonnenstrahlen. Verdrängt waren die Nebelschleier der Nacht. Unser Bergvolkführer rief zum Weiterziehen. Ein neuer ereignisreicher Tag begann."
So oder so ähnlich beginnen viele Berichte über Reisen zu den Bergvölkern. Echte Traveller - oder die, die sich dafür halten - benutzen lieber den englischen Begriff "Hill tribes". Nord-Thailand, Trekking-Touren, Dschungel-Abenteuer, unberührte Natur, Lagerfeuer-Romantik, letzte wilde alte Männer, bunte Trachtenschauen barbusiger Mädchen, die ewige Freiheit der Berge ..., das sind aufreizende Bilder, die schnell und gern mit dem Wort "Bergvolk" illustrativ und werbeträchtig verbunden werden.
"Rasse", "Volk", "Stamm" sind Begriffe, die in das gleiche Wortfeld gehören und gegeneinander abgrenzend defi-niert werden. "Ethnische Minderheiten" war lange Zeit der wissenschaftliche Terminus. Beim Ausdruck "Minderheit" schwingt jedoch immer etwas abwertend Diskriminierendes mit. "Ethnische Gruppierung" oder einfach nur "Ethnie" sind heutzutage adäquate Bezeichnungen. Ethnie (von griechisch ethnos: Volk): "Gruppe von Personen, die sich der Zugehörigkeit zur selben Kultur bewusst sind" findet man als eine mögliche Definition in den vielfältigen Lexika.
Eine exakte Definition, was denn nun eine Ethnie ist, ist allerdings nicht möglich. Denn jede dieser Personengruppen legt ihrem "ethnischen Selbstverständnis" andere Kriterien zugrunde. Solche Kriterien können eine gemeinsame reale - oft nur angenommene, mythologisierte - besondere Abstammung sein. Eine von der Geschichte geformte Schicksalsgemeinschaft, die auf gemeinsame Sitten und Bräuche verweisen kann, ist eine weitere wichtige Eigenschaft. Ein sehr schnell zu erkennender Prüfstein einer eigenständigen Volksgruppe ist die gemeinsame Sprache, die sie von anderen Stämmen unter-scheidet. Jedenfalls gilt, dass die selbst empfundene Zugehörigkeit zu einer eigenständigen Gruppe, die "ethnische Identität", ein sozialpsychologisches Konzept ist, welches nur in der Beziehung eines "Wir" zu einem "Anderen" existiert.
Zwischen diesen beiden von Menschen geschaffenen, trennenden Polen kommt es oft zu Konflikten; ein klassisches Beispiel ist der Streit um angenommenes traditionelles exklusives Siedlungsgebiet.
Wer also ist dieses "Wir"? Wer sind die "Anderen"? Wichtige Frage. Nicht nur in Nord-Thailand. Zur Entstehungsmythologie Thailands gehört die Vorstellung, dass die Thai als homogenes Volk von Norden kommend, die wenig bewohnten Flussebenen des Mekongs sowie das Chao Phraya Becken friedlich, doch allmählich zunehmend besiedelten. Vorhandene Völker und Kulturen der Ebenen gingen im Lauf der Geschichte mehr oder weniger in die Thai-Kultur auf. Die Bergregionen blieben, als für den Reis-Nassanbau - das verbindende agrar-kulturelle Element der Thai - ungeeignet, unbeachtet. Land war jedenfalls nicht das vornehmliche Problem im historischen Prozess der territorial vielfältigen thai / lao / siamesischen Fürstentümer und Königreiche.
Es gab aber Volksgruppen, die sich nicht assimilieren ließen. Vielleicht zogen sie sich in die Wälder, hoch auf die Berge zurück. Vielleicht lebten sie dort seit jeher. "Uns die Berge, euch die Ebenen" mögen sie Zuflucht nehmend gedacht haben. Jedenfalls gelten sie, die als Mon-Khmer-Ethnien zusammengefassten Stämme, als die eigentlichen Ureinwohner der Region. Nennenswerte Gruppen dieser Klassifizierung sind in Nord-Thailand die Khamu sowie die Mlabri.
Die meisten anderen Völker - seien es die Hmong, die Akkha, die Lhisu, die Karen u.v.a.m. - haben die Berge der Region später besiedelt. Ein großer Siedlungsstrom setzte unter dem Druck der Umwälzungen durch den europäischen Imperial-Kolonialismus Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Ein weiterer zu Zeiten des amerikanischen Indochina-Krieges. Kriege und kriegsähnliche Zustände in den Nachbarländern sind bis heute Ursache für ethnische Wanderungsprozesse. Die Situation des Landes hat sich jedoch grundlegend geändert: Seit mehr als fünfzig Jahren sind die Wälder - und somit die Berge - in den Blickpunkt wirtschaftlicher Interessen gerückt. "Wem gehört das Land?" wird somit zur vordringlichen zu klärenden Frage im Konfliktfeld "Bergvölker".
Schon mal was von "slash and burn" gehört? Das ist keine Reggae-Band, sondern die jahrhunderte alte Methode (Bäume fällen und das Unterholz ab- brennen) der meisten Bergbewohner, sich ein Stück aus dem Dschungel zu urbarem Ackerland zu machen. Ein, zwei, vielleicht drei Jahre ist ein so gewonnenes Feld fruchtbar. Da- nach zieht die Dorfgemeinschaft weiter und lichtet ein neues Waldstück. Wenn nur wenige Menschen ein grosses unüberschaubares Gebiet bewohnen, dann ist dies eine sehr harmonische, ökologische Handhabung der Naturressourcen. Doch wenn der Wald knapp wird und die Menschen immer mehr, dann ist diese Form der Kultivierung äusserst destruktiv. Denn das zurückgelassene Land braucht einige Jahre, um vom Dschungel zurückerobert zu werden.
Folglich forderten einige übereifrige Grüne "Ethnien-freie" Wälder. Doch dies ist nicht nur nationalsozialistische Sprache und Problemlösungsdenkart, sondern ist in Bezug auf die wahren Ursachen der Waldvernichtung auch schlichtweg falsch. Zudem werden dabei die Volksgruppen übersehen, die nie die Wälder an- tasteten, sondern lediglich in ihnen als Sammler und Jäger lebten, wie die Mlabri ("Waldmenschen") zum Beispiel.
Wahre Triebfeder der gnadenlosen Abholzung ist nicht das Überleben-Wollen einiger Ethnien im Wald, sondern das rücksichtslose Durchsetzen wirtschaftlicher Interessen, das Geschäft. Die westliche Teakholz-Möbel-Mode des 19. und 20. Jahrhunderts war eine der Katastrophen für die Wälder. Nicht nur in Thailand. Die andere ist der permanent zunehmende, grossflächige Acker- und Plantagenbau ganz "normaler" Thai-Bauern und Obstplantagenbetreiber.
Die Thai-Gesetzgebung hat zwar mittlerweile jeglichen Holzeinschlag verboten, doch bei diesem "einflussreichen Personenkreis" des internationalen Holz- wie Agrar-Handels nützt das nur begrenzt. Denn das Gesetz wird ziemlich beliebig missachtet. Wer nachts durch abgelegene Gegenden fährt, erfährt sehr viel und lebt allein deshalb sehr gefährlich. In der Trockenzeit brennt der ganze Norden. Und ein jeder Holzdieb, ob gross oder klein, holt sich, was vom Walde übrig blieb.
Nicht selten wird ein unbestechlicher Forstmeister beim ersten Lärchenruf erschossen aufgefunden. Daraus lernen andere Forstbeamten schnell. Das eingesetzte Militär schläft meist, kommt zu spät, scheint machtlos. Da passt es dann ganz gut, die oft noch staatenlosen "Bergvölker" zum Sündenbock zu stempeln.
Jedoch, wie man es auch dreht, der Traum von einem anderen Leben in den Bergen ist vorbei. Der Urwald ist Vergangenheit. Ganze Regionen, die früher reichlich Wasser aus ihren Wäldern bezogen hatten, leiden heute unter Trockenheit, sind verkarstet und versteppt.
Das Problem ist längst erkannt, und Lösungsansätze erschöpfen sich nicht nur in Tafeln mit Warnungen vor Waldbränden. Es gibt viele, darunter auch königliche Projekte, die sich dieser Problematik - Bergvölker / Waldverlust / Wirtschaftsinteressen (auch: Tourismus) - stellen.
Der typischen Thai-Mentalität, alle Interessen verknüpfen zu wollen, entspringt die Idee, die Bergvölker einerseits zu Waldschützern auszubilden und sie andererseits fest in die Tourismusindustrie einzubinden.
Es wurde bereits kurz erläutert was Bergvölker (Ethnien) eigentlich sind sowie das vorrangige Problem angesprochen: Der Verlust des angestammten Lebensraums durch die von Wirtschaftsinteressen gesteuerte radikale Vernichtung der Wälder. Übrig blieben Menschen. Strandgut der Zivilisation.
Tiere, deren Lebensraum vernichtet wird, sterben aus, oder der Mensch steckt sie in den Zoo. Für die einen ist er eine schöne Ausflugsattraktion, für die anderen ist der Zoo ein Ort, wo Tiere hinter Gittern leben. Fest steht, dass der heutige Zoo für viele Tier-Gattungen einzige Chance ist (eine Art Arche Noah), unsere Zeit - in welcher nun bei uns der gemeine Feldhase und in Thailand der asiatische Elefant als gefährdete Spezies eingestuft werden - zu überleben. Die Vielfalt des Lebens (für Christen: Gottes eigene Schöpfung) ist den Interessen der globalisierten Industrie sowie dem von ihr geförderten TV-Fastfood-MTV-Geschmack geopfert.
Wie löblich mutet es da an, dass sich diesem Lauf der Zeit die internationale Tourismusbranche in den Bergen Nord-Thailands entgegenzustellen scheint. Gibt sie in Werbebroschüren für Traveller doch vor, den "bunten Flickenteppich", "Bergstämme Nord-Thailands" zu erhalten und kulturell zu erhellen: "Wandern Sie in Treckinggruppen mehrere Tage von Bergstamm zu Bergstamm und erhalten Sie so einen Eindruck von deren Leben! Hier möchten wir Ihnen etwas mehr über deren Kleidung, Häusern, interessanten Zeremonien oder Tabus mitgeben, damit Ihr Trip noch vergnüglicher wird."
Alles nur Zirkus
Könnte man so sehen. Doch stimmt es leider nicht. Eher trifft hier das böse Stichwort "Menschlicher Zoo" gleich doppelt zu. Einerseits ist es sehr fragwürdig, andere - meist lediglich vormoderne - Lebensarten zur Schausteller-Attraktion zu degradieren. Andererseits: In Nordthailand auf touristische Trekking-Tour zu gehen, um etwas über Brauchtum, Glaube, Lebensweise der Bergvölker zu erfahren, das ist ungefähr so als ginge man in den Berliner Zoo, um das Jagdverhalten des afrikanischen Savannen-Gepards zu studieren. Mit klaren Worten: es ist ein kafkaesker Zirkus.
Da laufen also junge Menschen, die zu Hause nur mit Grausen an Trachtenschauen, Volksmusik und Schwarzwaldmädelpuppen denken, einige Tage freiwillig durch den abgekokelten Restwald, damit ihnen die Bewohner des nächsten Dorfes - über das Handy des "Bergstamm-Führers" rechtzeitig informiert und in bunte Trachten geschlüpft - archaisches Leben vorspielen. Und wenn dann die Japaner über die Strasse von hinten im Minibus in das Dorf einfahren, gibt es gar eine "indigene Musik- und Tanzeinlage". Bei anderen Volksgruppen wird auf bunte Stickmusterjacken wie gleich auf die Dörfer ganz verzichtet. Dort werden Touristen in ein vorbereites kleines Waldstück geführt, wo sie um Lagerfeuer drapierte Halbnackte mit ein wenig Hüttenzauber als echtes "letztes, wildes Nomadenleben" präsentiert bekommen.
Das Bergvolk hat Spass und "Arbeit", bekommt gar etwas Lohn (hier: ein Schwein). Die Touristen haben Spass und haben "was gesehen" (Erlebniswelt). Die Tourveranstalter haben auch Spass, denn sie haben auch was "dafür gesehen" (viel Geld). Also ein genialer Betrug auf Gegenseitigkeit, bei dem alle einen Nutzen haben?
Wie immer: Es ist komplizierter. Und eigentlich gar nicht komisch. Denken wir an die Frauen der Paduang, bekannt als Giraffenhals-Frauen. Mädchen werden ab früher Kindheit bis zur Heirat jedes Jahr ein oder zwei Ringe um den Hals gelegt. Das ist Schmuck fürs Leben. Entfernung ist Strafe, bedeutet fürchterliches Elend, oft gar Tod.
Was einst seltsame Tradition war, ist heute Devisen bringende touristische Attraktion. Die Paduang-Dörfer sind tagtäglich ausgebucht.
Erhalt der kulturellen Vielfalt? Sieg im Kampf gegen die Zwangsintegration? Wer würde noch Eintritt zahlen, wenn die Mädchen der Paduang umdenken lernten? Doch befrage man mal die Jungs - eines beliebigen Bergvolks -, was die denn so wollen. "Motorrad, Strasse, Strom! TV, Fastfood, MTV!" ist die klare Antwort. Ob es uns passt oder nicht.
Wollen wir ihnen entgegenhalten: Integration = Kulturverlust? Oder wollen wir es gutheissen, dass das international organisierte Missionarswesen dort in den letzten Winkeln der entwaldeten Berge, den auf die Errungenschaften der Moderne hoffenden armen Teufeln ihre allein selig machende Wahrheit einbläut?
Mehr Fragen als schnelle Antworten. So ist Wissenschaft. Aber es gibt einige interessante Problemlösungs-Ansätze: Integration in die moderne Welt durch Schule und Ausbildung. Regionale Reintegration in nachhaltige Projekte.
Machen Sie ruhig ihren Adventure-Trip! Flussfahrt mit Floss und ein Ritt auf dem Elefanten, das macht doch Spass! Der einstige Dschungel-Pfad ist eine Trimm-Dich-Meile. Ihr Fitness-Trainer ist ein Khmu, der Forstmeister ein Karen, die Schmuckshop-Chefin eine Akkha, die Lhisu machen eine Beauty-Farm, die Travel-Agency gehört eh schon lange einem Hmong, dem Vetter von Vang Pao.
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