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Beiträge · Auf ein Wort von Michael Steinmetz
Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Michael Steinmetz

Wer sind eigentlich die "Thai-Islam"?

Die Thai-Könige von Ayutthaya, Thonburi und Bangkok bevorzugten bis zum Ende ihrer absoluten Monarchie für ihr Reich (divergierender territorialer Ausdehnung) den Namen Siam (Thai: Sayam); sich selbst rühmten sie, Herrscher über eine multi-ethnische Population zu sein.

Im Kontrast dazu stellt sich das heutige Thailand gerne als eine ethnisch weitgehend homogene Gesellschaft mit relativ geringer Komplexität dar. Die statistischen Zahlen zeichnen verstärkt das Bild einer harmonischen und auf Konsens bedachten Gesellschaft: Weit über 80 Prozent der Staatsbürger des heutigen Thailands sind direkte Nachkommen der vor rund tausend Jahren eingewanderten Stämme der T´ai (zu denen u.a. die Siamesen, die Shan und die Lao gehören); knapp 90 Prozent sprechen einen der T´ai-Dialekte; etwa 93 Prozent sind Buddhisten.

Der Mythos der friedlichen Assimilation/Übernahme der Hochkultur der Mon bei Bewahrung der eigenen Thai-Identität sowie das - aller Differenzen zum Trotz - weitgehende Aufgehen der meist im 19. Jh. eingewanderten Chinesen (die größte ethnische Minderheit im Lande, ca. 10 bis 12 Prozent) in die Thai-Gesellschaft scheinen den Ruf der Anpassungs- und Integrationsfähigkeit der prädominanten buddhistischen Gesellschaft zu bestätigen.

Durch die relativ geringe Zahl der im Lande lebenden ethnischen Minderheiten - Vietnamesen (ca. 60.000), Khmer (ca. 200.000, ohne Flüchtlinge) sowie die unter dem Begriff 'Bergvölker' zusammengefassten Karen, Khamu, Hmong, Lisu, Lahu, Akha u.a. (ca. 500.000) - wird das Gebilde einer 'harmonisch buddhistischen Thai-Gesellschaft' nicht in Frage gestellt. Die Statistik scheint das nicht nur durch Reisebroschüren produzierte Klischee des zum Identifikationsmuster für Thailand hochstilisierten Bildes der in safranfarbenen Roben gehüllten Mönche vor Pagoden, Tempeln und Buddhastatuen zu legitimieren.

Erst bei aufmerksamer Beobachtung wird man in Thailand die Zeichen einer im Vergleich zum etablierten Theravada-Buddhismus völlig verschiedenen religiösen Tradition wahrnehmen: Minarette, Moscheen und der Gesang des Muezzin - über 5 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum Islam, der zweitgrößten Religionsgemeinschaft im Lande. Zur ethnisch heterogenen Thai Muslim-Gemeinde gehören Thai, Chinesen, Inder, Indonesier, Cham und diverse Minderheiten, aber vor allem die Malaien im Süden Thailands. Sie, die Malay Muslim, stellen mit ca. 3 Prozent der Gesamtbevölkerung etwa 60 Prozent der in Thailand lebenden Muslime. In ihren angestammten Provinzen Narathiwat, Pattani, Yala und Satun bilden sie mit knapp 75 Prozent die große Mehrheit der Einwohner. Kleinere Enklaven von Malay Muslim finden sich nahezu auch in jeder anderen südlichen Provinz Thailands.

Von Seiten der Regierungsbehörden spricht man - gerade auch in Bezug auf die Malaien - vereinheitlichend nur von den Thai Islam. Das soll bewusst die vielschichtige Problematik, welche der Thai-Staat mit den malaiischen Muslimen hat, auf den rein religiösen Aspekt reduzieren. Doch nicht nur mit der islamischen Religion bilden die Malay Muslim einen Kontrast zur 'Thai-Identität' (= eine nationalistische Fiktion dieses Jahrhunderts) sondern sie sind auch divergent in Ethnie, inkompatibel in Sprache und differieren in soziokultureller Identität zur buddhistischen Mehrheit im Staate. Sie blieben resistent gegen die vielbeschworene "integrative Kraft junger Staaten" sowie gegen alle Versuche und Anstrengungen der differenziert zu betrachtenden Thai-Administrationen, sie zu akkommodieren, sie zu assimilieren oder sie in die fiktive 'Einheit der Nation' einzugliedern.

Weitere Besonderheiten - welche erhebliche außenpolitische Relevanz haben - sind die ethnische Affinität der Malay Muslim-Minderheit zu 200 Millionen Malaien jenseits der Grenzen Thailands sowie das Band der gemeinsamen Religion, welches sie mit der islamischen Welt liiert. Und im Gegensatz zu den anderen Minoritäten sind die Malay Muslim - dies gilt insbesondere für die Provinzen des ehemaligen Sultanats Patani - die einzige Gruppe der ethnischen Minderheiten in Thailand, mit der es in der Praxis zu ernsthaften Konflikten kommt. Doch noch ein wesentliches Merkmal unterscheidet die Malay Muslim von den anderen Minderheiten im Lande: Sie kamen nicht nach Thailand, sondern Thailand kam zu ihnen.

Die Kontroverse der Thai mit den heutigen Malay Muslim geht auf eine Zeit zurück, in der die südlich von Siam lebenden Malaien sich noch nicht zum Islam bekannten, sondern dem Buddhismus oder Hinduismus verbunden waren. In etwa gleichzeitig mit der Konsolidierung des ersten Thai-Königreiches, Sukhothai, und dessen Ausdehnung auf die malaiische Halbinsel begann der nun siebenhundertfünfzig Jahre andauernde Konflikt. Nach dem damaligen Politikverständnis vollzog sich die Regulierung nach einem relativ einfachen Muster: Die in der Kampfkraft unterlegenen Fürstentümer mussten gegenüber dem siamesischen König ihre Vasallenschaft bekunden. Dies wurde durch die zyklisch genau festgelegte Tributzahlung, in Form des Gold- und Silberbaums, bekräftigt. Ebenso hatte der Vasallenstaat im Kriegsfall Soldaten in die siamesische Armee zu entsenden. Als Gegenleistung wurde eine Schutzmachtgarantie ausgesprochen. Ansonsten wurde die Autonomie des Vasallenstaates nicht weiter angetastet, solange die dortige Führungselite die Oberherrschaft Siams nicht in Frage stellte.

Die im 14. und 15. Jahrhundert vollzogene Islamisierung der malaiischen Fürstentümer änderte nichts an den bestehenden Machtverhältnissen. Die am Anfang des 16. Jahrhunderts eintreffenden Europäer mussten Verträge mit Siam abschließen, um in den florierenden internationalen Zentren auf der malaiischen Halbinsel Handel treiben zu dürfen.

Doch die Unterwerfung der malaiischen Fürstentümer war nur so lange wirksam, wie Siam die Macht hatte, sie auch durchzusetzen. So kam es 1569 wie auch 1767, als Ayutthaya jeweils durch die Burmesen erobert wurde, zur Lossagung der malaiischen Sultanate durch ihre jeweiligen Radschas. Dies wurde vom siamesischen Hof sehr wohl als Rebellion aufgefasst und nach der eigenen Regenerationsphase so schnell wie möglich wieder korrigiert. Erst mit dem Aufkommen des europäischen Kolonialimperialismus stellte sich die Machtfrage völlig neu sowie die Politik gegenüber den einst rein tributären Vasallenstaaten geändert werden musste. Als Antwort auf den Druck der europäischen Eroberer in Südostasien mußten erstmals auch die Außengrenzen des siamesischen Königreiches klar definiert werden. 1894 wurden die malaiischen Sultanate Patani, Kedah, Kelantan, Trengganu und Perlis zum integralen Bestandteil des Königreiches von Siam erklärt.

Gewissermaßen über Nacht wurde den Malay-Staaten die ihnen garantierte Autonomie aufgekündigt. Die Tributzahlungen waren zwar nicht mehr zu entrichten, jedoch wurde nun der Großteil der Steuern direkt von Bangkok erhoben. Das islamische Recht, die Scharia, verlor seine legitime Kompetenz an staatliche Gerichte, in denen Siamesen nach modernem westlichen Zivilrecht urteilten. Den malaiischen Koranschulen, den Pondoks, wurden säkulare thaisprachliche Schulen gegenübergestellt. Die Siamesen - weder in der Sprache, noch in der Religion der Malaien bewandert - nahmen auf die Befindlichkeiten einer ihnen fremden Kultur nicht sonderlich Rücksicht; das ganze neue System erinnerte an die Methoden der Briten in den ihrerseits kolonialisierten Malay-Staaten.

So kam es, dass der durch den Verlust der Steuereinnahmen geschwächte Sultan von Patani, Tengku Abdul Kadir, an die Briten in Singapur appellierte "er ziehe britische Kolonisation der siamesischen Unterdrückung vor."

Die Briten zögerten nicht, Patani als Spielball der Interessen ihrer Kolonialpolitik zu benutzen: Als Tengku Abdul Kadir 1902 durch die siamesische Administration verhaftet wurde, gab sich Britannien empört. Sie erwarben das Recht, in Kelantan, Kedah, Trengganu und Perlis zu intervenieren. 1909 musste Chulalongkorn diese vier malaiischen Gebiete ganz an das britische Kolonialreich abtreten. Neben einem kleinen Bruchstück von Kedah (die heutige Provinz Satun) blieb von den malaiischen Staaten ironischerweise nur Patani in Siam. Die Aufsässigkeit eines Tengku Abdul Kadir könnte auch zu Rebellionen in Britisch Malaya führen, fürchteten die Briten. Es passte besser in das Konzept der britischen Kolonial-Interessen, diesen Unruheherd in Siam zu belassen. Dieser nicht regulierte koloniale Konflikt bedeutete nicht das Ende der historischen malaiisch-siamesischen Kontroverse, sondern den Beginn einer neuen Form, des nun innerstaatlichen Kampfes der Malaien um das eigene kulturelle und religiöse Überleben gegen eine siamesisch-buddhistische Administration.

Chulalongkorns Sohn, König Vachiravudh, Rama VI (1910-1925) benutzte die politische Ideologie des europäischen Nationalismus, vermischte sie mit buddhistisch-hinduistischen Mythen, und stimulierte so den Nationalstolz einer sich bis dahin ihrer Identität unbewussten Thai-Nation. Das galt als die Thai-Antwort auf den Chauvinismus und Rassismus der Europäer. Vachiravudh war sich durchaus bewusst, dass die Malay Muslim ein spezielles Problem darstellten. Wie ließen sie sich in sein auf der Betonung des "Thai-seins" sowie "Nation, Religion und König" beruhenden Nationalismus-Konzept integrieren? Sie waren keine Thai, unterschieden sich in Sprache, Kultur und Religion. Ohne die Widersprüche seines Ideologiekonzeptes zu klären, gewährte er ihnen, sozusagen als Kompensation, mehr Aufmerksamkeit, mehr Gefälligkeiten, als jeder anderen Minderheit im Lande. Seine häufigen mehrmonatigen Aufenthalte in den malaiischen Provinzen wurden sowohl als ungewöhnliche Gunstbezeugung erachtet, wie auch von der malaiischen Bevölkerung mit Sympathie aufgenommen. Die Malaien entwickelten den Kunstgriff 'den Thai-Staat zu verachten, doch den König zu ehren'. Neben dem erklärten königlichen Schutz aller Muslime und der traditionell zugesicherten Religionsfreiheit wurde, im Kontrast zu der westlich ausgerichteten siamesischen Strafgesetzgebung, das Recht der Imame, über Fälle von islamischer Natur Gericht zu sitzen, zugesichert.

Die 1922 eingeführte, allgemeine Schulpflicht erhob den Bangkok-Thai-Dialekt zur alleingültigen Unterrichtssprache. Schulpflicht sowie eine gemeinsame Sprache galten als wesentliche Merkmale einer vom König angestrebten Moderne. Doch Malay Muslim Vertreter sahen darin eher einen Versuch, "ihre Religion und Kultur auszulöschen". Einen drohenden Konflikt zu vermeiden, verfügte Vachiravudh die Duldung der Islamschulen neben den staatlichen Einrichtungen in den muslimischen Provinzen. Dieser königliche Kunstgriff verschaffte der Patani-Region eine relativ friedliche Phase, welche 1938 mit der Regierungsübernahme Phibun Songkrams endete.

Es lag in dem Wesen der despotischen Diktatur Phibuns, den im Staatsgebiet lebenden Minderheiten, das Recht anders zu sein, abzusprechen. Phibun ließ keinen Zweifel offen, dass er jede (nicht nur ethnische) Minderheit in exakt der gleichen Weise behandelt wissen wollte wie den Rest des Landes:

So traf die mit den Methoden der Gleichschaltungsgesetze operierende Assimilationspolitik die Malay Muslim mit aller Härte. Und wenn sie auch nicht explizit die Zielscheibe jedes der neuen Gesetze waren, so war es doch beabsichtigt, die Region und ihre Bevölkerung geradewegs in das eigentliche Thailand zu absorbieren. Es galten für die Malaien nicht nur die Sprach- und Kleiderordnung und der allgemeine Schulzwang in staatlichen Schulen bei gleichzeitiger Ächtung der Islamschulen, sondern es gab auch erhebliche Übergriffe in die einst so hochgehaltene siamesische Religionsfreiheit: Den Malay Muslim wurden die islamischen Sondergerichte verboten; es wurde untersagt, am Freitag den im Koran vorgeschriebenen Feiertag abzuhalten; zugleich wurde das unter Rama VII. eingeführte Monogamie-Gesetz auch auf sie ausgeweitet; im Staatsdienst tätige Muslime waren offiziellen Konvertierungsversuchen zum Buddhismus ausgesetzt; und obendrein wurden sie teilweise genötigt, thaiisierte Namen anzunehmen.

Diese Politik führte zur Bildung von ersten organisierten muslimischen Widerstandsgruppen in Thailand. Und im Strudel der internationalen Nachkriegspolitik in Südostasien schien die vom malaiischen Widerstand angestrebte Föderation aller Malay-Staaten durchaus denkbar. Haji Sulong, der Sprecher des 'Islamischen Konzils' in Thailand, fand mit seinem 1947 unterbreiteten Konzept einer weitgehenden Autonomie der Patani Region internationales Gehör. Doch es waren wieder einmal die Britischen Interessen - sie hatten alle Mühe, in Malaya nach der Kapitulation der Japaner ihr Kolonialsystem wieder zu errichten -, die keine Einigung zu ließen. Alle Unabhängigkeitsträume beendete der Putsch einer Militärjunta im November 1947 in Bangkok. Die Fäden im Hintergrund zog der längst politisch tot geglaubte Phibun Songkram, der sich - nun von den Amerikanern unterstützt - 1948 zum Premier ernannte. Die erneute Phibun-Diktatur führte zu erbitterten Revolten in den Malay-Provinzen, aus denen sich eine jahrzehntelange Rebellenbewegung entwickelte, organisatorisch auf sehr unterschiedlichem Niveau.

Am 31.8.1957 erreichte Malaya nach langem Kriege gegen die britische Kolonialherrschaft seine Unabhängigkeit. Der dadurch ausgelöste überwältigende malaiische Nationalismus griff auch auf die Patani-Region über. Doch der Versuch der separatistischen Malay Muslim-Bewegung, in diesem Zuge die Weltöffentlichkeit auf das Patani-Problem aufmerksam zu machen, wurde schnell und hart abgewürgt. Sarit Thanarat hatte am 16.9.1957 in Thailand den unerwarteten 'Enthusiasmus für Demokratie', welcher Phibun während seiner letzten Regierungsjahre befiel, durch einen Putsch beendet. Im Kontext seiner erklärten Modernisierungskampagne vertrat Sarit eine bedingungslose Assimilationspolitik gegenüber der Malay Muslim-Minorität: Islamschulen wurden verboten, Thai-Unterricht auch zwangsweise durchgeführt, Religion wurde zur Privatsache erklärt. Gemäß dieser Politik sollten die jugendlichen malaiischen Muslime in dem Bewusstsein erzogen werden, Thai mit zufälliger Religionszugehörigkeit zum Islam zu sein. Eine neue Generation loyaler Thai-Staatsbürger muslimischen Glaubens sollten daraus hervorgehen: Die Thai Islam.

Der analytische Marsch durch die Jahrhunderte der Geschichte des 750 Jahre andauernden Konfliktes verdeutlicht eines: Die vielbeschworene Integrationskraft Thailands - definiert als Bildung "einer homogenen, territorialen, politischen Gemeinschaft" - blieb in Bezug auf die Malay Muslim (siehe Teil 1 bis 3) weitestgehend ebenso wirkungslos wie auf der anderen Seite die Unabhängigkeitsbewegung.

In den 1970er Jahren kämpften über zwanzig verschiedene Gruppierungen für die Selbständigkeit Patanis. Alle folgten zwar mehr oder weniger dem Konzept einer Landguerilla, dennoch gab es in der weit auseinanderlaufenden Zielsetzung kaum Übereinstimmung: Die Einen kämpften für ein unabhängiges Malay-Muslim-Königreich, die Anderen für einen freien islamischen Staat Patani, wieder andere waren Nationalsozialisten oder Kommunisten.

Für die rechtsextreme, ultrakonservative Regierung von Thanin Kraivichien (Premier 1976-1977), welche Thailand in einen Bürgerkrieg geführt hatte, waren die Unterschiede ohnehin ohne Belang: Sie sah einen jeden Protest gegen ihre Diktatur als kommunistisch an. So wurden die Malay-Muslim-Organisationen im Rahmen der militärischen antikommunistischen Aufstandsbekämpfung verfolgt. Das hatte zur Folge, dass die Malaien ihr lange gehegtes Ressentiment "Kommunismus sei unislamisch" ablegten und kurzfristig ihre Berührungsängste zu den meist studentischen Kämpfern der kommunistischen Partei verloren. Dennoch: Die Uneinigkeit der Gruppierungen, die internen Fraktionskämpfe, die schlechte Organisation, die geringe Unterstützung der Bevölkerung am bewaffneten Kampf sowie die ausbleibende ausländische Unterstützung sind Ursachen für die trotz ihrer langen Geschichte bemerkenswert geringen Erfolge der Malay-Muslim-Separationsbewegung. Jenseits der islamischen Bruderländer gab es keine internationalen Kontakte. Und Malaysia, seit 1967 in der ASEAN mit Thailand verbündet, hatte frühzeitig offiziell erklärt, nicht an der Patani-Bewegung zu partizipieren. Diese Solidarität der malaiischen Regierung war nicht uneigennützig; galt es doch, mit der eigenen Minderheitenpolitik nicht zu sehr ins Blickfeld der internationalen Öffentlichkeit zu geraten.

Die 1980er Jahre brachten mit der Regierung von General Prem (1980 bis 1988) die Abkehr von der Politik der Zwangs-Assimilation. Mit neuen Konzepten wurde versucht, die Malay-Muslim-Provinzen zu befrieden. Das erklärte Ziel blieb zwar, die malaiischen Muslime in "modernisierte, thai-sprechende, nicht orthodoxe, säkularisierte Bürger zu wandeln", doch sollte es nun durch Versöhnung und bei friedlicher Koexistenz der verschiedenen Kulturen erreicht werden. Neben der Zusicherung der religiösen Freizügigkeit wurden beachtliche Aktivitäten zur Förderung des Islam unternommen. Die wichtigste Aktion war zweifelsohne der Regierungsauftrag für die Übersetzung des Koran ins Thai. Mit ihrer Fertigstellung wurde die Pflicht verbunden, den Koran fortan in den islamischen Schulen auf Thai zu lehren.

Doch auch auf administrativer Ebene wurde die Kooperation mit den Malay Muslim gesucht: Das Konzept hieß Dezentralisation der Verwaltung. Eine extra eingerichtete Behörde in der Provinz Yala hat zwei Aufgaben: Erstens soll das Fehlverhalten und die Korruption der thai-buddhistischen Beamtenschaft vor Ort untersucht und gegebenenfalls bestraft werden; zweitens soll durch gemeinsame Planung mit den Betroffenen die wirtschaftliche Entwicklung der Region vorangetrieben werden. Neben der Förderung industrieller Kleinbetriebe stehen Landwirtschafts-Entwicklungsprogramme im Vordergrund. Anfang der neunziger Jahre schienen die Jahre der Gewalt vorüber: Der Großteil der Bevölkerung hatte sich mit einem Leben unter der Thai-Herrschaft arrangiert.

Doch ein Phänomen der Moderne droht alle Integrationsmodelle des Thai-Staates zunichte zu machen: Die Verbreitung der neuen Medien. Jedes Dorf besitzt mittlerweile wenigstens einen Fernseher. Trotz aller staatlichen Bemühungen, Thai zur Verkehrssprache zu machen, ist immer noch Malay die Sprache der täglichen Kommunikation in den Malay-Muslim-Provinzen. Es ist allgemeine Gewohnheit, die durch die unmittelbare Nähe zu Malaysia gut zu empfangenden malaiischen Fernsehprogramme zu konsumieren. Dieser transnationale Einfluss der Medien deaktiviert die fragile, soziokulturelle Einbettung der Malay Muslim in die politische Welt Thailands; gleichzeitig protegiert er eine gemeinsame, grenzüberschreitende Malay-Identität. Die traditionelle Verheiratung zwischen Malaien aus Thailand und Malaysia sowie der Saisonarbeiter-Austausch mit Kelantan, Kedah und Perlis, wie auch insbesondere die vom Thai-Staat geförderte Religions-Erziehung gebildeter Malay Muslim im Ausland bewirkten eine weitere Umkehrung des Integrationsprozesses und bestärkten die Eigenständigkeit einer Malay- Muslim-Identität in der pan-islamischen Welt.

Von den verschiedensten Patani-Separatisten-Gruppen haben den Mitgliederschwund der achtziger Jahre nur zwei nennenswerte überlebt: die PULO (Patani United Liberation Organization) sowie die GMP (Gera-kan Mujahidin Patani), in welcher sich die ehedem versprengten Guerillatruppen zusammentaten und schon am 31.8.1989 den "heiligen Krieg" proklamierten. Sie rekrutieren jedoch in neuester Zeit wieder verstärkt Mitglieder. Meist kommen diese aus der großen Zahl jugendlicher Arbeitsloser, die trotz verschiedener Sozialisierungsprogramme eine Existenz als Mitglied einer Gang aufregender finden. Mitte der neunziger Jahre machte die PULO durch einige Bombenattentate auf Bahnhöfen auf sich aufmerksam. Nach dem 11.9.2001 bezeichneten Muslim-Führer die USA als den eigentlichen Teufel, "welcher Allah den Krieg erklärt hätte". Eine Serie von 11 blutigen Bombenanschlägen, welche der GMP zugeschrieben wird, hat seitdem die Region heimgesucht. Wie sehr die Situation von Regierungsseite ernst genommen wird, zeigt sich in dem Austausch des Innenministers. Anfang Oktober wurde mit Wan Nor ein Thai-Muslim, der selbst aus der Südregion kommt, auf diesen Posten berufen. Eine seiner ersten Amtshandlungen war eine Reise nach Malaysia, um nach einem gemeinsamen Befriedungskonzept für die Malay Muslim in Thailand zu suchen.

 
 
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