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Beiträge · Auf ein Wort von Michael Steinmetz
Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Michael Steinmetz

Was ist eigentlich ein Kathoey?

Was war los in der Ursuppe? War Gott ein Mann? Oder lacht Sie heute noch über so eine Vorstellung? Hat die Seele ein Geschlecht? Das sind letzte oder erste, aber durchaus ernste Fragen, deren religionsspezifische Antworten Generationen der Völker über Jahrhunderte in ihren Geschlechterrollen-Verhalten prägten. Während die Abraham-Religionen recht patriarchalisch ausgerichtet sind - man bedenke die christliche Dreifaltigkeit: Vater, Sohn und der heilige Geist - beziehen sich Mon- (Urvolk in Thailand) und Lanna-Thai-Mythen über die Entstehung der Menschheit auf eine andere Trinität: - Am Anfang erschuf die große Mutter drei Lebewesen: den ersten Mann, die erste Frau, und den ersten Kathoey. - Dabei kommt der Kathoey - ein geschlechtsneutrales Wesen, dem griechischen Hermaphroditen ähnlich - im weiteren Verlauf der Geschichte nicht immer gut weg. Das ist aber gar nicht so wichtig oder sonderlich schlimm; Eva machte ja auch keine allzu glänzende Figur im Paradies. Bedeutend - auch für spätere sexuelle Spielformen der Menschen - ist, dass es in dieser asiatischen Region im gemeinsamen kulturellen Bewusstsein von Anfang an mehr gab, als nur die sexuelle Bi-Polarität Mann/Frau.

Seit Anbeginn war die Rolle des Kathoey, über die eher seltenen Fälle einer biologischen Doppelgeschlechtlichkeit hinaus, integraler Bestandteil des Spektrums der Verhaltensmuster nordthailändischer Gesellschaften. Kathoey zu sein war ein Privileg für Jungs. Insbesondere für die Jungs, die keine Lust auf die gesellschaftlich reglementierte Männerrolle hatten, war es eine gute Möglichkeit, sich den damit verbundenen (nicht nur ehelichen) Pflichten zu entziehen. Von der Familie wurde das traditionell ohne viele Worte akzeptiert, solange der Junge in die gesellschaftlich determinierte Rolle einer Frau schlüpfte. Fast jedes Dorf hatte seinen Kathoey oder gar mehrere. Meist hatten sie besondere Berufe. Oft wurden Kathoeys gar außergewöhnliche spirituelle Fähigkeiten nachgesagt, da sie das konträre männlich-weibliche Prinzip harmonisch aufheben, im idealistisch höchsten Fall alle Sexualität transzendieren.

Homosexualität stand bei der Frage, Kathoey zu werden, keinesfalls im Vordergrund. In der heutigen postmodernen, globalisierten Einheitswelt ist nun wieder alles anders. Eine westlich orientierte Schwulenbewegung, mit ihren vielfältigen Schubladen und Kategorisierungsbestrebungen, trifft in Thailand auf Widersprüche wie gegenseitiges Missverständnis. Homosexuelle mit dem Anspruch einer eigenen Identität oder gar "Schwul als selbständige Lebensform" gab es in Thailand nicht. Das heißt aber nicht, dass nicht dem Spaß an der Homosexualität ausgiebig gefrönt wurde. Sex fand im privaten, im nicht diskutierbaren Raum, statt. Denn es gibt im Buddhismus keinen restriktiven Gott, der körperliche Zärtlichkeiten reglementiert. Schwuler Sex unter Jungen, unter Männern war Bestandteil eines Spektrums der vielfältigen Möglichkeiten, ohne dass dafür neue gesellschaftliche Identitäten geschaffen werden mussten.

Das neue "Gay-Bewusstsein", welches sich in Thailand in den letzten Jahren immer stärker öffentlich artikulierte, steht in einem gewissen Widerspruch zu dem thailändisch, traditionellen "Greng-Djai"-Prinzip, welches in Fragen offener gesellschaftlicher Konfrontation Zurückhaltung fordert. Toleranz ist eben nicht Akzeptanz.

Doch die wahren Brecher mythologisch gefestigter Traditionen sitzen oft ganz oben in der Regierung. So ist die Idee der "Neuen Sozialen Ordnung", welche Homosexualität brandmarkt und mit polizeistaatlichen Methoden verfolgt, eher sehr un-thailändisch einer restriktiven chinesischen Familientradition entsprungen. Verantwortliche versuchen, ihre eigenen, sehr eng gefassten, sexuellen Phantasien zum allgemeingültigen, gesellschaftlichen Kodex durchzusetzen.

Das muss langfristig scheitern in einer Gesellschaft, für die der Kathoey schon immer das war, was er ist: Die Erinnerung daran, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als nur Mann und Frau.

 
 
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