Ist Laotisch ein Thai-Dialekt?
Gerade die aller jüngsten Ereignisse in Kambodscha (Studentenaufruhr gegen Thai-Einrichtungen aufgrund einer falschen Behauptung) machen sehr drastisch klar, dass eine schnelle Antwort auf eine vermeintlich einfache Frage, ebenso schnell eine ungewollte Reaktion hervorrufen kann. Fragen zur Sprach-Zugehörigkeit sowie Sprach-Identität sind seit jeher ein wahres Politikum. Laos ist da keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil. Eine vermeintlich arglose Frage gestellt, und - schwupps - schon ist man mittendrin in Knäuel politischer Verstrickungen, ethnischer Sensibilitäten, nationaler Empfindlichkeiten, internationaler Ideologien, historischer Diskussionen. Letztere werden selbstverständlich äußerst kontrovers geführt. Was Wunder, wurden doch Erkenntnisse über sprachlich-ethnische Zugehörigkeiten oft politisch ausgenutzt, führten nicht selten zu Aufruhr, Krieg und Völkermord. Historische Rivalitäten alter Thai/Lao Adelsschichten, Kolonial-Interessen der Europäer (in diesem Fall das imperiale Frankreich), die Bomben-Teppiche des amerikanischen Indochina-Krieges, der kommunistische Sieg und die folgende, bald dreißigjährige Einparteien-Herrschaft sind historische Stichworte zur minimalen Verdeutlichung der Hintergründe und der Schwierigkeiten, welche einem unweigerlich begegnen, möchte man oben gestellte Frage unverfänglich sachlich beantworten. Und noch ganz andere heikle Fragen liegen auf dem selben spiegelglatten Parkett: Wo sprechen die Menschen Laotisch? Eventuell in Laos? Was ist Laos überhaupt?
Direkt zur Beruhigung der Gemüter: Solche Fragen stellen sich für jedes Land. So spricht in Thailand auch nur in etwa die Hälfte der Bevölkerung "Thai" ("siamois"/"phassaa glaang"/ "Standard-Thai") als Muttersprache. Jedoch 93% sprechen einen der T'ai-Dialekte, wenn auch 72 verschiedene lebende Sprachen in Thailand nachzuweisen sind. Ca. 16 Millionen Einwohner Thailands (Gesamteinwohnerzahl ca. 62 Mio.) sprechen das sogenannte "Nordost-Thai", auch "Isaan" genannt, welches auch noch einige sprachliche Untergruppen hat. Aufgrund des ethnischen Bezugs wird die Sprache auch allgemein hin einfach "Lao" oder "Laotisch" genannt. Die sprachlichen Gemeinsamkeiten vom sogenannten "Standard-Thai" zum "Lao/Isaan" sind enger als zum Süd- oder Nord-Thai ("Paktai" bzw. "Lannatai/Khammüang"). Also doch, möchte nun man ehrbar antworten: Laotisch ist ein Thai-Dialekt; jedenfalls ein Dialekt im heutigen Thailand.
Linguistisch gesehen ergibt sich jedoch daraus keine Hierarchie. Thai und Lao/Isaan gehören in die Tai-Kadai Sprachfamilie. Innerhalb des dazugehörigen Sprachfamilienstammbaums sind sie ganz enge Verwandte. Sie haben den identischen ISO-Code (Internationale Standardisierungs-Norm) für Sprachen "639-2".
Der Blick über den Mekong verdeutlicht die Notwendigkeit, die Gleichrangigkeit der Sprachen zu unterstreichen. Die vor 110 Jahren von den Franzosen erzwungene Loslösung des Landstrichs links vom Mekong aus der Oberherrschaft Siams, war bar jeden historischen Bezugs. Der Mekong war niemals Grenze der vielgestaltigen laotischen Reiche, sondern immer ihr Mittelpunkt. Seit jeher lebten in den Bergen und den Grenzgebieten zum heutigen Vietnam andere Völker, mit anderer Kultur und Sprache. Das war kein sonderliches Staatsproblem. Waren doch die Berührungspunkte selten und wahrhaft peripher. Doch diese Problematik stellt sich für das heutige Laos völlig anders dar: Laos hat nur etwas mehr als 5 Millionen Einwohner. Über 82 zu unterscheidende Sprachen werden in diesem ärmsten Land der Region gezählt. Knapp die Hälfte der Einwohner sind keine ethnischen Lao, sondern einer der ca. 68 anderen ethnischen Gruppierungen zuzurechnen. Sie sprechen von Hause aus keinen der vielfältigen Lao-Dialekte, sondern eine Sprache, die meist nicht einmal der T"ai-Kadai-Familie angehört. Obendrein gibt es bis heute kein standardisiertes Laotisch des Nord-, Zentral- und Südlaotischen. Lao als National-Sprache im real existierenden laotischen Staat durchzusetzen, ist nicht nur eine politische Frage der Bildung einer nationalen Identität, sondern auch eine Frage der wirtschaftlichen Notwendigkeit, wie letztlich aber auch materiellen Möglichkeit.
Die Chance, eine einheitliche Sprache zu lehren wie zu lernen liegt also in den Händen des Schulsystems. Schulen muss es aber erst einmal flächendeckend geben. Ebenso werden entsprechende Schulbücher in hoher Auflage benötigt. Damit kann jedoch die überwältigende Mehrheit der laotischen Muttersprachler, welche in Thailand zu Hause ist, auch nicht aushelfen. Sie lernen Standard-Thai in der Schule. Ohnedem ist die reale Verständigung von Thai in Laos meist eine Frage des politischen Standorts. Schüttelt es schon mal den einen oder anderen Partei-Kader, wenn ihn ein Falang (in Lao gibt es kein "R", der entsprechende Buchstabe ist seit der Revolution aus dem Schriftsatz entfernt) mit dem "Akzent des Klassenfeinds" begrüßt, hat der politisch ungeschulte Laote damit keine Probleme. Er schaut eh den ganzen Tag lang thailändische Fernsehprogramme. Das wird von der Partei auch durchaus geduldet. Solange jener nicht allzu lauthals die allzeit im TV gedudelte thailändische Nationalhymne mitsingt ... |