Was ist eigentlich "Nang Talung"?
"Kult! Nang Talung ist echt Kult!", lautet die spontane Antwort von Chumpon Sangchom. Kein Wunder, kommt Chumpon doch aus Süd-Thailand. Und dort ist Nang Talung, das thailändische Schattenspiel-Theater, beheimatet. Ursprünge weisen nach Indien, und im 17. Jahrhundert kam diese Schattenspielkunst mit großen Lederfiguren über Indonesien und die malaiischen Gebiete nach Thailand. Im Herzen des Südens, in der Provinz Phattalung, bildete sich eine besondere Form des ehemals Nang Yai ("großes Leder") genannten Spektakels heraus. Die Lederfiguren wurden etwas kleiner, neue Figuren, mit lokal gefärbten Charakteren, erweiterten das traditionelle Programm, welches sich bis dahin aus den Geschichten des Ramayana zusammenstellte.
Gerade die Einführung der lokalen Charaktere, meist witzige bäuerliche Schelme und Karikaturen der Bildungsschicht, die alle im ortsüblichen Süddialekt sprechen, machte das Spiel zu einem großen Publikumserfolg.
Rama II. lud erstmals im frühen 19. Jahrhundert eine Puppenspielertruppe aus Phattalung nach Bangkok ein. Bezugnehmend auf die Provinz wurde dies Schattenspiel fortan Nang Phattalung ("Phattalung-Leder") genannt, doch bald verkürzte sich die Bezeichnung auf das uns heute bekannte Nang Talung.
Eine Spielertruppe besteht aus einem Meister, wenigstens fünf - meist sieben - Musikern und einigen Helfern. Jede Gruppe stellt ihre eigenen Figuren aus gut zu verarbeitendem Kalbs- oder Büffelleder her. Der Meister ist dabei Feder führend. Er allein kann neue Charaktere erschaffen und er allein ist der Puppenspieler, der in dem oft mehr als zweistündigen Programm allen Figuren seine Stimme verleiht. Während der Vorführung sitzt der Meister auf einem Schemel auf einer etwa ein Meter fünfzig hohen Holzbühne für das Publikum unsichtbar hinter einer wenigstens zwei mal drei Meter großen Leinwand. Früher wurde diese mit Lampions oder Öllampen von der Rückseite her beleuchtet, heute haben diese Aufgabe längst Scheinwerfer übernommen. Es gibt traditionell eine große Anzahl von Regeln für den stets im Freien - meist auf dem Dorfacker - durchzuführenden Bühnenaufbau. Aufgrund zunehmenden Einsatzes moderner Technik werden diese heutzutage nicht immer beachtet. Jedoch darf die Bühne nie nach Westen weisen und schon gar nicht an einen Friedhof grenzen.
Das Publikum hockt auf der Wiese, manchmal sind einige Stuhlreihen aufgebaut. Das Zuschauerareal ist umgeben von den vielfältigen, in Thailand allerorts bunten Garküchen und Getränkeständen, welche dieses kunstvolle Unterhaltungsspektakel zu einer echten Volksgaudi werden lassen.
Die instrumentale Grundbesetzung der Musikgruppe, die im Dunkeln auf der Bühne hinter der Leinwand sitzt, ist streng vorgegeben: Große Trommel Glong, kleine Tommel Tap, Gong Mong, Zymbal Ching und Oboe Pi. Angereichert wird das Ensemble meist mit diversen Percussion-Hölzern, und bei weniger der Tradition Verbundenen kommt heute gar schon mal eine Gitarre zum Einsatz. Die Musiker beginnen die Vorstellung mit einer zeremoniellen Ouvertüre und begleiten das Puppenspiel des Meisters durchgängig mit einer eigenartigen, doch für das Nang Talung so charakteristischen, akzentuierten Perkussion.
Klassische Hauptfiguren des Nang Talung, aus dem bis zu dreihundert Charaktere umfassenden Figurenrepertoire, sind der König, der Prinz, die schöne Dame, der Dämon, der Eremit wie auch der Engel des Regens. Diese Lederfiguren sind filigran ausgearbeitet und bunt bemalt. Jedoch die Kultfiguren, die "wahren Helden" des Nang Talung, sind die schlicht in schwarz gehaltenen "örtlichen Charaktere". Jedem echten Südländer sind Namen wie Ai Theng oder Ai Nunui ein stehender Begriff. In breitem Dialekt geben sie die wildesten Zoten zum besten, üben aber auch manch heftige Kritik an Obrigkeit, Staat und Gesellschaft. Aus westlicher Sicht - soweit man als Farang überhaupt eine Chance hat, den versteckten Witz im Südthai zu erkennen - ist das gegenwärtige Nang Talung eine Mischung aus religiösem Puppenspiel, deftigem Bauerntheater und heißblütigem Politkabarett.
Derzeitig werden Video-CDs mit Ausschnitten aus Programmen der berühmten Nang-Talung-Meister unter Exil-Süd-Thai wie Liebhaberstücke gehandelt. Kult eben, echt Kult. |