Wer war eigentlich Rama VI.?
Der Sohn Chulalongkorns. König Vachiravudh, absoluter Monarch. Der Märchenkönig von Siam. Ähnlich Ludwig II. Ein Poet. Ein Künstler. Ein kluger Politiker. Unter Thai bekannt als Mongkutklao.
Aber der Reihe nach: König Chulalongkorn hatte in seinem als Chakri-Reformation in die Geschichte eingehenden Kraftakt das alte Siam nach westlichem Muster in die Moderne geführt. Dabei brach Chulalongkorn zwangsläufig mit vielen Traditionen der Thai-Monarchie: Veränderungen der Krönungszeremonie, Verzicht auf den "zweiten König", Schwächung der Macht des Kronrats, Regulierung der Erbfolge.
Zum ersten Mal in der Geschichte Siams war offiziell ein Kronprinz ernannt worden: Prince Maha Vajirunhis. Dieser starb jedoch 1895 bei einem tragischen Bootsunglück zusammen mit seiner Mutter. So wurde sein jüngerer Halbbruder, der damals 14jährige Vachiravudh, zweiter Kronprinz Siams.
In Anlehnung an die absoluten Könige der Ayutthaya-Ära liess sich Vachiravudh nach dem Tode seines Vaters (23. 10. 1910) als Rama VI. krönen. Gleichzeitig befahl er, diesen Titel "Rama" für alle Könige der Chakri-Dynastie rückwirkend einzuführen. Rama VI. war der erste König Siams, der im Ausland (Sandhurst, England) erzogen wurde und in Oxford studiert hatte. Er übersetzte Shakespeare ins Thai und verfasste zahlreiche Aufsätze, Gedichte, Lieder und eigene Theaterstücke. Sie wurden bei gross angelegten Inszenierungen königlicher Feste aufgeführt.
In diesen "nationalen Gesängen" beschwor er den Geist einer Thai-Nation und eines Thai-Volkes. Inhaltlich bezog er sich auf buddhistisch-hinduistische Mythen unter besonderer Hervorhebung der Geschichte der Thai-Völker, die er mit konservativen und hierarchischen Fragmenten des europäischen Nationalismus vermischte. An die englische Monarchie angelehnt, ernannte er die Trinität chaat, satsana, phramahakasat (Nation, Religion und Königtum) zu Säulen des Staates.
Die Rolle des absoluten Monarchen mit all dem Pomp und der Zeremonie schien ihm zu gefallen. Dennoch verfolgte er klare politische Ziele: Die Hervorhebung der Unabhängigkeit Siams. Die Betonung der Gleichberechtigung zu den Völkern Europas sollte den Stolz sowie das Einheits- und Entschlossenheitsgefühl der sich ihrer Identität unbewussten Thai-Nation be- stärken. Das war Antwort auf den Chauvinismus und den Rassismus der Europäer und zweckdienliches Mittel, Siams Anerkennung und Akzeptanz in der internationalen Gemeinschaft zu erleichtern. Das aussenpolitische Ziel hiess: Annullierung der ungleichen Verträge des 19. Jahrhunderts mit den Westmächten. Unter diesem Aspekt ist auch seine eigenwillige Entscheidung (gegen den Ratschlag seiner in Deutschland ausgebildeten Generäle) zu sehen, Siam auf Seiten der Allianz gegen Deutschland in den Ersten Weltkrieg zu führen. Siam als Siegermacht in Versailles! Damit war gleichberechtigte internationale Aner- kennung erfolgreich realisiert.
Innenpolitisch experimentierte Vachiravudh mit neuen Lebensweisen. Mit seinen Freunden und Getreuen wohnte er unter pseudo-demokratischen Verhältnissen in der im Garten seines Palastes erbauten Miniaturstadt Dusit Thani. Seine Kritiker sahen darin bloss eine Art Vergnügungspark. Er hingegen betonte den Modellcharakter dieses Projektes: Ausbildung der Amtsträger in Selbstverwaltung, auf dass sie eines fernen Tages das Fundament der Demokratie des Landes bilden könnten.
Als ernsthafte Absicht, den vom König viel besungenen Fortschritt nach Siam zu bringen, muss die Einführung der allgemeinen Schulpflicht in seiner Regierungszeit gelten. Neu und "progressiv" war, dass dies auch Mädchen einbezog. Die Gründung der ersten Boy-Scout-Bewegung Siams war dem König ein besonderes Anliegen. Beim Militär machte sich Vachiravudh unbeliebt, da er sich aus den paramilitärisch gedrillten Pfadfindern die Kämpfer für seine ganz persönliche Schutztruppe, das "Wild Tiger Corps", rekrutierte.
Den Zorn des Adels zog sich der König zu, als er zu deren Indignation hohe Staatsämter mit Bürgerlichen besetzte. Beim Volk war er gleichwohl durch seine ausserordentliche Grosszügigkeit wie vornehmliche Freundlichkeit berühmt. Bis zum heutigen Tage gilt Mongkutklao (Krönungs-Name von Vachiravudh) als einer der beliebtesten Könige der siamesischen Geschichte.
In Sinne eines absoluten Monarchen regelte Vachiravudh die Nachfolge selbst: Er bestimmte die männlichen Nachkommen der Familienlinie seiner Mutter als Thronerben. Nachdem aber, durch die überraschend frühen Tode dreier seiner Brüder (darunter auch sein Lieblingsbruder Chakrabong), einzig Prachathipok (der spätere Rama VII.), der Jüngste, am Leben war, heiratete Vachiravudh doch noch - im Bemühen um einen männlichen Erben und Thronfolger gleich viermal.
Spannend wurde die Nachfolgefrage, als eine seiner Frauen schwanger wurde. Kurz vor dem Tag der erwarteten Geburt, im Spätherbst 1925, wurde Vachiravudh schwer krank. Am 24. November wurde sein einziges Kind geboren: es war eine Tochter. Zwei Tage später war der König tot. |