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Beiträge · Erzählung über Thailand von Wilfried Stevens
Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
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Erzählungen von Wilfried Stevens

Die Lotusblume

Wir begegnen der Lotusblume jeden Tag in Thailand. In unzähligen Teichen, Seen und Kanälen sieht man die edle Lotuspflanze mit ihrem prachtvollen Blumen. Selbst in schlammigen und schmutzigen Tümpeln bildet sie einen angenehmen Kontrast im Landschaftsbild. Jeden Tag werden Tausende Lotusblumen in den zahlreichen Wats in Thailand geopfert.

Die Lotusblume gilt als Inbegriff einer mythischen Pflanze. Nach altindischer Kosmologie ist der Lotusstängel die aus den Urwassern aufsteigende Weltachse, auf der die Erde ruht. Sie gilt in vielen Teilen Ostasiens sogar als Symbol des Absoluten, der Wiedergeburt, der Reinheit und Vollkommenheit, sie ist das Sinnbild des Buddhismus in Reinkultur. Der Legende zufolge wurde Buddha auf einer Lotusblume geboren. Es gibt deshalb auch unzählige Buddha-Abbildungen, wo Buddha auf einem Lotusblatt im so genannten Lotussitz meditiert.

So wie sich die Lotusblume, aus dem Grund schlammiger Teiche und Seen, rein und unbefleckt entfaltet, so soll sich auch die Seele des Menschen aus dem Staub der materiellen Welt in die reine Wesenlosigkeit des Nirwana erheben. So lautet die Philosophie des Buddhismus.

Die Lotusblume ist ein Seerosengewächs. An dem im Schlamm kriechenden Wurzelstock stehen auf 1-2 m langen Stielen die 20-40 cm großen blaugrün bereiften, flach trichterförmigen, runden Blätter. Die Blätter sind mit einer Art Wachsschicht überzogen, was den Blättern ein mattes Aussehen verleiht. Die Pflanze besitzt somit ein Schildblatt, an dessen Wachsüberzogenen Außenfläche die Wassertropfen wie kleine Quecksilberkugeln abrollen.

Lotus hat auch profane Werte. Sein Wurzelstock kann getrocknet und zu Mehl verarbeitet werden, oder in Scheiben zerschnitten und auf verschiedene Weise zubereitet werden. Die Wurzeln sollen sogar in früheren Zeiten zu einer Medizin verarbeitet worden sein.

Die Blätter dienen als Tee, zum Frischhalten von Nahrungsmitteln oder früher sogar als Kopfbedeckung. Man isst die Stängel gekocht oder roh. Die Samen sind ebenfalls essbar. Entweder werden sie getrocknet geknabbert oder als kandierte Nüsse verzehrt.

Der Lotus Effekt

Warum Perlen die Wassertropfen wie Quecksilber ab und warum bleiben die Blätter der Lotusblume immer sauberer als bei anderen Pflanzenarten?

Diese Frage beschäftigte auch Wissenschaftler in Deutschland. Man stellte immer wider verblüfft fest, dass Lotusblätter anscheinend immun gegen Verunreinigungen sind.

An der Oberfläche der Blätter perlt das Wasser ab und die tropfen nehmen jeden Schmutz mit. Alles fließt, sagten schon die altindischen Weisen.

In einer Versuchsreihe haben Wissenschaftler die Blätter mit Staub, Ruß, Bakterien, Algen und sogar mit Klebstoff, Pilzsporen und Farbe beschmutzt. Man bespritzte die Blätter mit Wasser und siehe da, jegliche Verunreinigung perlten mit dem Wasser ab. Die Blätter bleiben, gegenüber den Blättern anderer tropischer Pflanzen, immer sauber.

Eine Pflanze mit Selbstreinigungseffekt. Wieder einmal gibt uns die Natur ein verblüffendes und praktisches Beispiel - wie schon so oft.

Das Geheimnis auf der Spur kam der deutsche Botaniker Wilhelm Barthlott vom Botanisches Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität in Bonn per Zufall. Er untersuchte verschiedene Pflanzen unter dem Rasterelektronenmikroskop, um aus den Oberflächenstrukturen mögliche Verwandschaftsverhältnisse zu ermitteln. Wenn er einige Pflanzen aus dem Gewächshaus holte, wunderte er sich immer wieder, warum ausgerechnet die Lotusblätter aussahen wie frisch gewaschen, während andere Pflanzen untergleichen Bedingungen mit Lehm- und Kalkflecken beschmutzt waren.

Diese Entdeckung machte ihn neugierig. Nach einem genaueren Vergleich unter dem Mikroskop konnte Barthlott das Rätsel lösen. Die Lotusblätter haben auf ihrer Oberfläche winzige, 20 Mikrometer kleine noppenartige Wachskristalloide.

Weil die genoppte Oberfläche mit Tausenden von Zwischenräumen wenig Haftung bietet, Perlen Tropfen und Schmutzteilchen sofort ab. Diese Erkenntnis verblüffte den Botaniker und die Wissenschaft.

Gegen jede bisherige Lehrmeinung fand man nun heraus, dass nicht möglichst glatte, sondern mikroskopisch raue Oberflächen unverschmutzbar sind?, freute sich Barthlott.

Die sensationelle Entdeckung wird Lotus-Effekt genannt, und eröffnet geradezu ungeahnte Möglichkeiten:

Ob verschmutztes Geschirr, verunreinigte Toiletten oder Waschbecken, ob Dreck auf Autos und Fenstern, Graffiti an Hauswänden, Ruß auf Steinen-wenn die Oberfläche extrem fein genoppt wäre, könnte ein kurzer Wasserstrahl alles wegspülen, ohne das man zu einem umweltschädlichen Reinigungsmittel greifen müsste.

Das Team um Wilhelm Barthlott, das dieses Millionen Jahre alte patent der Natur mit neuen Werkstoffen nachahmte, musste seine Entdeckung der Industrie allerdings förmlich aufdrängen, ehe verstanden wurde um was es geht. Denn die hatte in Sachen Schmutzresidenz bislang immer nur an glatten Oberflächen gearbeitet und keinen wesentlichen Durchbruch mehr erreicht. Doch dies scheint sich jetzt zu ändern.

Demnächst kommen Farblacke und Fassadenanstriche auf dem Markt, die immer schneller sauber bleiben. Abspritzen mit Wasser und die Fassade muss bei Verschmutzungen nicht mehr überstrichen werden. Auch Hersteller von Waschbecken und Badewannen wollen ihre Produktion bald noch mehr umstellen. Die zögerliche Autoindustrie hält sich noch bedeckt, da bisherige Lackmikrostruktur-Oberflächen nur bei matten Lacken funktioniert. Man fürchtet mangelndes Kaufinteresse bei den Spiegellack verwöhnten Kunden. Zudem würde die Autowaschanlagen-Industrie und Autowaschmittel-Industrie immense Millionenverluste einfahren, da dann der Bedarf erheblich reduziert werden könnte. Die Umwelt wird es danken.

Endlich mal eine Entdeckung, die publik und nicht aufgekauft wurde, um wieder in einer Schublade zu verschwinden.

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