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Beiträge · Dorfgeschichten von Christian Velder

Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Dorfgeschichten von Christian Velder
 
Bücher · Bücher
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Ein Liebeszauber

übersetzt von Dr. Christian Velder

Vor Zeiten gab es einmal einen jungen Mann: er war eine Ausgeburt an Hässlichkeit.Seine Haut überzogen Risse und Runzeln.Sein Gesicht war zerfurcht von Narben und überdeckt von Pickeln und Pocken.Nicht nur das.Seine Nase sah aus wie zerquetscht.Wie konnte so einer je eine Frau finden?Die Mädchen jedenfalls, sobald sie seiner ansichtig wurden, waren nicht bereit, mit ihm auch nur ein Wort zu wechseln.

In einem Dorf in der Nachbarschaft gab es eine Jungfrau, ausnehmend hübsch.Ausgerechnet in dieses Mädchen hatte der mit der zerquetschten Nase sich verguckt.Heiss war sein Begehren, aber das junge Mädchen wollte nichts mit ihm zu tun haben.Das focht ihn nicht an.Wenn ein anderer junger Mann auf Brautschau sich ihr zu nähern versuchte, tat er so, als wolle er jenen angreifen und niederwerfen.Am Ende wagte niemand mehr, in jenes jungen Mädchens Nähe zu kommen.

Das machte die Jungfrau wütend auf ihn, und so begann sie, nach einem Ausweg zu suchen.Sie wollte dem unverschämten Freier eine Lehre erteilen.Seine Nachstellungen sollte er noch bereuen!

Eines Abends liess sie sich herab, mit dem Bewerber ein paar Worte zu wechseln.Sie betrug sich so, als ob auch sie sich hingezogen fühlte zu ihm, verhielt sich wie eine Frau, die dem Manne ihre Liebe zugewandt.Da sprach der mit der zerquetschten Nase so:

„Heute zur Mitternachtsstunde, kleines Schwesterlein, lockere die Schnüre von deinem Tragestock und lasse sie mit dem Korb zu mir herab.Dann wird dein grosser Bruder daran hinaufklettern und dich besuchen.”

Das junge Mädchen erkannte die günstige Gelegenheit, sich des ungeliebten Freiers zu entledigen, erklärte sich einverstanden und versprach’s.Bevor sie jedoch an die Ausführung ihres Planes ging, teilte sie sich ihrem Vater mit.Sie erzählte ihm, was sie sich vorgenommen.

Die Schlafenszeit war gekommen und alle Bewohner des Hauses hatten sich zur Ruhe begeben.Da klopfte der mit der zerquetschten Nase an diejenige Tragesäule des Hauses, über deren Kopfstück oben das Mädchen seine Kammer hatte.Als das verabredete Zeichen hörbar wurde, öffnete sie leise, leise, die Fensterläden und liess das Seil aus den Trageschnüren mit dem Schulterkorbe hinab.Sobald er unten aufgesetzt hatte, kauerte sich der mit der zerquetschten Nase hinein und gab dem Seil einen Ruck.Das war das Signal für das Mädchen, mit dem Hochziehen des Korbes zu beginnen.Es zog an dem Seil, und der Korb schwebte langsam hinauf.Das Gewicht des Mannes mit der zerquetschten Nase jedoch bewirkte, dass der schwankende Korb gegen eine der Tragsäulen des Hauses stiess.Das Geräusch des Zusammenpralls war weithin vernehmbar, und das Haus durchlief ein Beben.Der Vater des Mädchens, der im Vorraum der Gemächer ruhte, sprang auf und fragte mit lauter Stimme seine Tochter:

„I Maus, was ist denn das für ein Krach, das ganze Haus zittert davon ja noch nach!”

Die Jungfrau tat, als fahre ihr der Schreck in die Glieder.Sie liess den Strick fahren.Der mit der zerquetschten Nase, schon fast ganz oben angekommen, sauste in die Tiefe und schlug unsanft auf den hartgestampften Boden.Der Aufprall schallte weithin und erschütterte das ganze Gebäude.Der Vater fragte nun wiederum seine Tochter:

„Was ist denn das für ein Lärm, I Maus?”

Sie antwortete:

„Ich glaube, da ist einer von unseren Riesenkürbissen hinuntergefallen, Vater!”

Der mit der zerquetschten Nase ärgerte sich.Die junge Frau hatte ihn, der ein Mensch war, doch tatsächlich zu einem unförmigen Kürbis erklärt.Ein Fluch entfuhr ihm:

„Ein – Kürbis?Hat jemand schon gesehen, wie sich ein Kürbis drei oder vier Rippen brach?”

Als der Vater der Braut die Menschenstimme vernahm, entzündete er eine Fackel und eilte die Leitertreppe hinab.Der mit der zerquetschten Nase ahnte nichts Gutes und machte, dass er fortkam, suchte Schutz im Dickicht des Waldes.Wer aber dachte, er habe nun genug abbekommen, irrte sich.Jener war durchaus nicht entmutigt und schmiedete bereits Pläne, wie er ein andermal zum Ziel kommen könnte.

Das junge Mädchen beriet sich mit der Muhme, der Schwester des Vaters.Was sollte sie anstellen, damit der mit der zerquetschten Nase sich schämen musste?Die Muhme versprach Hilfe, nur müsse die Nichte ihrerseits mitmachen und ihre Rolle übernehmen.Sie willigte ein.

Von Stund an spielte sie die Stolze.Sie sprach nicht mehr mit dem Bewerber und ging jedem Zusammentreffen aus dem Wege.Sie erschien dem mit der zerquetschten Nase wie verwandelt.Er wurde davon ganz verwirrt. Rat holte er sich, wo er ihn bekommen konnte, und kam wohl zuletzt auch zur Muhme seines Mädchens.Diese versicherte ihm, was er erstrebe, sei gar leicht zu bewerkstelligen:

„Ich besitze einen Liebeszauber, den mir ein uralter Lehrer im Tempel anvertraut.Nach Verabreichung zweier Kügelchen dieses Zaubermittels und Einnahme zweier Schöpfkellen mit Wasser kann das Stelldichein stattfinden.Zum Liebesgetändel bereit ist wohl jede Frau, sobald das Mittel gewirkt.Sie wird dich lieben und deine Liebe begehren, all die Bitternis wird dann vergessen sein!”

Der Mann frohlockte.Dieses Mittel musste er haben!Er bat und bettelte, aber die Muhme des Mädchens zierte sich.Sie wollte das Mittel nicht hergeben.So stachelte sie den Mann auf, und als dieser sein Begehren kaum noch zu beherrschen vermochte, gab sie ihm ihren Zauber hin.

An jenem Abend, als er gespeist hatte, zog der Mann seine besten Kleider an und eilte aus seiner Hütte.Geradenwegs strebte er dem Hause jenes Mädchens zu. Bevor er es aber betrat, verschluckte er – er selbst – schnell die beiden Kügelchen und schüttete zwei Schöpfer Wasser aus dem Krug am Wege nach.Als er damit fertig war, stieg er unverzüglich die Leitertreppe hinauf.Sobald das Mädchen seiner ansichtig wurde, beeilte es sich, ihn mit allen Ehren zu empfangen.Natürlich geschah das nur zum Schein, aber bemerken tat er es nicht, nur etwas eigenartig kam es ihm vor, nachdem er bisher fast nur Gleichgültigkeit, ja Ablehnung kennen gelernt hatte.Hocherfreut über die Wirkung des von ihm eingenommenen Zaubermittels liess er sich nieder, und das Getändel konnte beginnen.Doch da machte sich eine weitere Auswirkung des Liebeszaubers bemerkbar.Tatsächlich.Kann das denn zugleich ein Abführmittel gewesen sein?Der mit der zerquetschten Nase bekam Bauchschmerzen.Seine Därme waren in Aufruhr.Sie knurrten und schnurrten für alle vernehmlich und laut.

Die junge Dame war ganz Ohr.Sie wendete sich dem Manne mit gespielter Aufmerksamkeit zu und verwickelte ihn in ein unentwirrbares Knäuel von Rede und Widerrede, von Antwort und Frage.Das Leibweh des jungen Mannes war zu Bauchkrämpfen geworden.Schweiss brach ihm aus.Unmöglich war es ihm, ruhig weiter auf dem Boden zu sitzen.In Schmerzen wand sich sein Körper nach links und rechts, vor und zurück.Den Aufruhr seines Leibes konnte er nicht mehr ertragen, er wollte, er musste sich zurückziehen.

„Kleine Schwester, oey, dein grosser Bruder muss sich verabschieden.Verweilen möchte mein Herz, aber mein Gesäss mag’s nicht dulden.”

Das junge Mädchen jedoch lehnte glattweg ab.Mit den Händen hielt es den Mann fest.Vater und Mutter kamen herbei und redeten mit einer Stimme auf ihn ein, doch ja zu bleiben.

„Hier bleibst du!Warum willst du so früh schon gehen?Ruhig plaudern wollen wir mit dir noch eine ganze Weile!”

Der junge Mann musste sich bequemen.Da sass er nun, aber der Schleim in seinen Eingeweiden suchte den Ausgang.Der mit der zerquetschten Nase stiess auf und wollte sich übergeben.Zugleich fühlte er, wie der Schliessmuskel seines Leibes zu erschlaffen drohte.Dem Andrang auf die Schleusen oben und unten hielt er nicht mehr stand.Er sprang auf, und mit Mühe brachte er im Aufquellen seines Magens die Worte hervor:

„Heut’ muss ich fort, ein andermal komm’ ich wieder!”

Mit grösster Vorsicht und rückwärts tastend suchte er den Weg zur Leitertreppe, der Gang gestelzt, die Beine steif.Aus den Beinkleidern tropfend zog er eine feuchte Spur durch den Raum.Die Treppe rutschte er hinunter, und dann war kein Halten mehr.Während er das Weite suchte, drehte sich sein Magen um.Seine Hosenbeine gaben über die Füsse hin den Inhalt seiner Därme preis.Er durchdrang das Gewebe seines Gewandes von oben herab und unten hinaus.

Von diesem Tage an wagte der mit der zerquetschten Nase es nicht mehr, auf Brautschau zu gehen.Viele Monate lang ging er überhaupt nicht mehr aus.Denn er schämte sich.

Als er später einmal mit der Muhme des jungen Mädchens zusammentraf, fragte sie ihn:

„Wie steht’s?Das Mittel, das ich dir gab, hat es geholfen?”

Der mit der zerquetschten Nase antwortete kleinlaut:

„Dein Mittel war gewiss gut.Leider konnte mein Leib seine Wucht nicht ertragen.”

 
 
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