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Beiträge · Dorfgeschichten von Christian Velder

Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Dorfgeschichten von Christian Velder
 
Bücher · Bücher
Der Richter Hase und seine Gefährten
Wunderkraut und Zauberschwert
Der Reiche und das Waisenkind

Saurer Fisch und der Dotter vom Ei

übersetzt von Dr. Christian Velder

Der Bauer Peng hatte eine hübsche Tochter. Sie lebten allein, der Vater mit dem Kind.Die Mutter war nämlich schon lange tot. Die jungen Männer machten der Jungfrau den Hof, und jeder würde sich wohl gern mit ihr vermählen, aber die Tochter von Peng war nicht bereit zu heiraten, und nicht einer der Freier konnte mit ihr einig werden. Sie wollte bei ihrem Vater bleiben, denn, so sagte sie, er war schon alt und hatte niemanden, ihm den Acker zu bestellen.

Schön und gut. Da gab es einen jungen Mann namens Som. Er war ein Nachbar und kam gern einmal vorbei, um mit Peng ein Schwätzchen zu halten. Eines Tages plauderten sie bis zum Abend, und Peng lud ihn ein, zum Essen zu bleiben. Die Tochter war im Küchenhaus und bereitete die Speisen. Som sagte zu Peng, er habe Appetit auf eingelegten Fisch. Peng antwortete:

„Hol dir davon bei I Noy, sie ist drüben im Küchenhaus.”

„I Noy, lass mich mit dir schlafen, nur ein bisschen, ja?”

Das sagte Som zu der Tochter von Peng, als sie im Küchenhaus das Abendessen bereitete. I Noy entgegnete zornig:

„Ich soll mit dir schlafen? Wie kann das sein – wer hat das gesagt?”

Som rief nun mit lauter Stimme hinüber zum Wohnhaus von Peng:

„Onkel Peng, I Noy will mir nichts geben!”

Da rief Peng zurück:

„I Noy, mach schon, gib ihm nur, was er verlangt!”

I Noy war ein Mädchen von einfältigem Gemüt. Sie hatte ihrem Vater stets und in allem Gehorsam erwiesen, und so gehorchte sie ihm auch diesmal. Weil ihr Vater es so verlangt, willigte sie ein und liess Som, den schlauen Fuchs, für diesmal sich zu ihr legen und hatte Gemeinschaft mit ihm. Danach machte er sich ohne Abschied davon.

Als der Gast nicht wiederkam, fragte der Vater seine Tochter:

„I Noy, hast du Som nun von deinem sauren Fisch kosten lassen, oder nicht?”

„Meinem sauren Fisch? Wie meinst du das, Vater? Meinen jungen und frischen Eidotter wollte er teilen mit mir, und das ist geschehen!”

Der Vater schlug sich die Brust, dass es weithin widerhallte: Pang!Pang! Dann schalt er seine Tochter aus:

„Was? Wie hast du das zulassen können?”

„Aber Vater, du hast es doch selbst gesagt, ich soll mich mit ihm verbinden und ihm geben, was er sich nimmt.”

Wer eine Tochter hat, soll seine Anordnungen klar und eindeutig treffen.Er soll sich einen Befehl lieber Wort für Wort wiederholen lassen wie bei den Soldaten. Nur so kann alles ein gutes Ende nehmen! Das ist die Lehre aus dieser Geschichte.

• • •

Der Liebesbrief

Es war einmal ein Ehepaar. Der Mann diente dem König.Die Frau hütete das Haus.Die Aufgabe des Mannes war es, die Fronarbeiten auf dem Lande zu überwachen. Manchmal blieb er viele Tage fort, und es kam vor, dass seine Pflichten ihn so lange in Anspruch nahmen, bis seine Heimkehr längst überfällig war. Aber auch wenn die Arbeit auf dem Lande endlich geschafft war, konnte der Mann manches Mal dennoch nicht gleich nach Hause gehen wie die anderen Aufseher. Vielmehr gehörte es zu seinen Obliegenheiten, auch in der Stadt bei den Arbeitern des Königs nach dem Rechten zu sehen. So vergingen die Tage, und der Mann kam jedes Mal spät und später nach Hause. Das Dunkel der Nacht und die Zeit der Bettruhe waren längst gekommen, wenn er endlich sein Haus betrat. Da war seine Frau schon lange schlafen gegangen.

Weil er müde und hungrig war, ging er in die Küche, bereitete sich ein karges Mahl und ging dann zur Ruhe. An etwas andres dachte er nicht, auch war er viel zu müde dazu.

Seine Frau fühlte sich vernachlässigt und war enttäuscht, dass ihr Mann jedes Mal sofort in den tiefsten Schlaf fiel, wenn er sich auf der Matte ausgestreckt. Was sollte, was konnte sie tun?

Eines Nachts, als der Mann von der Arbeit spät nach Hause gekommen war und sein Bad genommen hatte, fand er in der Küche einen Brief. Dieser Brief trug die Handschrift seiner Frau, und darin stand zu lesen:

„Geliebter älterer Bruder!Mein Reis steht in der Schale dampfend für Dich bereit.Die Spiegeleier auf der Pfanne halten begehrlich Ausschau nach Dir. Scharfsüsse Gewürze sehnen sich nach Deiner Zunge und die prall-reifen Orangen verlangt es nach Deinem Munde. Deine junge Schwester liegt auf der Matte allein. Wonach Dir Dein Sinn steht, das kannst Du Dir nehmen, oh Du, Du mein älterer Bruder!”

 
 
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