Der Bambusspross im Astloch
übersetzt von Dr. Christian Velder
In alter Zeit, lang’ ist’s her, gab es eine Geschichte, die hinter vorgehaltener Hand von Mund zu Mund weitergegeben wurde. Hier ist sie:
Es war einmal eine Jungfrau. Sie ging mit ihren Freundinnen in den Wald, um Bambussprossen zu suchen. Auf dem Wege erzählten sich die Mädchen allerlei Geschichten von Liebe und Liebeslust, von Begierde und Befriedigung, von dem Hochgefühl, das nur die Vereinigung mit einem geliebten Manne einer Frau zu schenken vermag.
Die Erzählungen machten die Jungfrau ganz verwirrt, und wie im Traum ging sie tiefer in den Wald hinein, von Wunschbildern umgaukelt auf ihrer Suche nach den schönsten Bambussprossen. Lange war sie schon allein, die Mädchen waren in anderer Richtung weitergegangen.
Die Geschichten ihrer Freundinnen klangen ihr noch in den Ohren, was sie gehört vom Treiben der Männer mit ihren Freundinnen hatte sie ganz durcheinander gebracht. Sie hatte Lust, es selbst einmal zu versuchen, aber da war kein Mann, der es ihr hätte zeigen können.
Was sie besass, waren schöne, kräftige Bambussprossen, hart und lang und dabei doch weich und anschmiegsam. Die Blätterhülle streifte sie ab, bis nur noch der elastische innere Stamm der Sprosse übrig war, stark und voll und lang genug. Diesen harten und dabei doch weichen Schössling führte sie langsam und voller Neugier in ihres Schosses Höhlung ein. Auf und ab, schnell und schneller bewegte sie die Sprosse in ihrem Leibe – doch ach, da brach der Schaft mitten durch, eine Hälfte hatte sie in der Hand, und die andre war in ihrer Höhle verschwunden, die Lippen schlossen sich, es war vorbei!
Die Jungfrau bekam einen Totenschreck. Sie wusste nicht, wie sie den verschwundenen Spross wieder zum Vorschein bringen sollte. Sie hatte furchtbare Angst. Am Wegesrand kauerte sie und weinte bitterlich.
In diesem Augenblick kam ein Einsiedler des Weges, ein Jüngling noch, der gerade der Welt Lebewohl gesagt hatte und sich nun im Wald eine Klause suchen wollte. Er sah die Jungfrau, die dort am Wege hockte und so jämmerlich weinte.
Er trat zu ihr und fragte, warum. Die Jungfrau berichtete ihm der Wahrheit gemäss, was ihr widerfahren. Sie versprach dem Einsiedler, wenn es ihm gelinge, die abgebrochne Spitze des Bambusschösslings aus ihrem Versteck wieder ans Licht zu bringen, dass sie ihm dann zum Danke in ihrer Körper Vereinigung ganz gehören wolle – vorausgesetzt, er werde darüber zu jedermann reinen Mund bewahren.
Der Einsiedler-Jüngling versprach, ihr zu helfen, und es gelang ihm auch tatsächlich, die abgebrochene Bambussprosse aus der Tiefe wieder hervorzuholen. Überschwänglich bedankte sich die Jungfrau für den Liebesdienst. Aber sie sah, wie ihr Unterleib von aussen und innen verschmiert und besudelt war, und bat den jungen Mann, sich die Zeit nicht lang werden zu lassen, sie wolle rasch nach Hause gehen, ein Bad nehmen und sich umkleiden. Dann werde sie wiederkommen, um seinen Dienst zu belohnen. Der Einsiedler-Jüngling sah es ein. Natürlich werde er sie hier erwarten.
Lange stand er da und harrte auf die Jungfrau, und während er wartete, gingen ihm mancherlei sonderbare Gedanken durch den Kopf. Er dachte an den Überschwang des Gefühls, den die Umarmung einer Frau dem Manne schenkt. Er träumte von der Vereinigung der Körper und spürte, wie die Spannung sich seines Leibes bemächtigte, dass es schier unerträglich war. Da fiel sein Blick auf ein längliches Astloch im Stamme eines der Bäume, die dort standen, und in seiner Phantasie verwandelte sich dieser Spalt. Schon glich er ganz der sich öffnenden Tiefe im Schosse der Frau.
Der junge Mann führte sein Glied tief in diesen Spalt hinein. Im Rhythmus seines Leibes drängte er in des Baumes feuchtwarme Höhlung hinein – ohne zu wissen, dass sich dort im tiefen Grunde das Nest einer Baum-Eidechse befand. Das Tier sah, wie eine Keule in schnellen Schlägen vordrängend und zurückgezogen nach ihm zielte, es riss seinen Schlund auf und packte mit den Zähnen zu. Mit aller Gewalt versuchte es, jene Keule zu sich heranzuziehen und hielt sie unerbittlich fest. Der junge Einsiedler erlitt einen unbändigen Schreck. Er versuchte, sich aus der Umklammerung zu befreien und zog und zerrte – ohne Erfolg. Da stand er nun wie angewurzelt an dem Baume und heulte vor Schmerz.
In diesem Augenblick trat die Jungfrau zwischen den Bäumen hervor. Sie hatte sich gebadet und gepudert, neue Kleider angelegt und sich für den Jüngling mit Blüten geschmückt. Sie sah, dass der Einsiedler im Astloch eines Baumes festsass und grosse Schmerzen litt. Beherzt fasste sie zu, stemmte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen den Baum. Da liess die Eidechse ihre Beute fahren, und der Mann war frei.
Sogleich verlangte er die Begleichung der Schuld. Die Jungfrau jedoch erwiderte: „Meine Schuld ist abgetragen. Du hast mir geholfen, das ist wahr. Aber auch ich habe dir helfen müssen. Damit hat sich unsere Übereinkunft erledigt. Wir sind quitt.”
Der Einsiedler besann sich. Er hatte die Welt verlassen, um inneren Frieden zu erlangen. Sein Herz, noch klammerte es sich an die Freuden des Lebens, noch war er ein Opfer wollüstiger Wünsche.A ber nun wendete sich der Einsiedler ab und schritt tiefer in den Wald hinein, seiner zukünftigen Klause zu. Von jetzt an würde er sich seinen geistlichen Pflichten widmen. Er würde auf dem erhabenen Pfade der Tugend wandeln, um am Ende die Erfüllung zu finden, nach der seine Seele verlangte. |