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Beiträge · Dorfgeschichten von Christian Velder

Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Dorfgeschichten von Christian Velder
 
Bücher · Bücher
Der Richter Hase und seine Gefährten
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Der Reiche und das Waisenkind

Die Wunde, die nicht verheilt

übersetzt von Dr. Christian Velder

Bruder Thit Bunsom hatte den Mönchsorden verlassen, in dem er erwachsen geworden war. Seine Haare waren noch kurzgeschoren, wie es der Brauch im Kloster war.Im Dorf ruhten die Blicke der Mädchen mit Wohlgefallen auf ihm, denn er war gut gewachsen, kräftig und männlich-schön.Die Mädchen konnten ihre Blicke nicht von ihm wenden und schauten ihn freundlich lächelnd an, aber keine so herzinnig verliebt wie Thongbai: die hatte ihr ganzes Sinnen und Trachten auf Thitsom gerichtet.

Eines Tages überredete sie ihn, mit ihr im Wald Feuerholz zu sammeln.Während sie so miteinander wanderten, wiegte Thongbai sich in den Hüften, blinzelte Thitsom aus den Augenwinkeln an, wandte sich ab von ihm, um ihm sogleich feuriger noch in die Augen zu blicken, und Thitsom wusste nicht, was das zu bedeuten hatte, denn Umgang mit Frauen hatte er sein Lebtag noch nicht gehabt.Thongbai sprach zu ihm mit süsser Stimme, ihre schwellenden Lippen wendete sie ihm zu und schmiegte ihren Leib eng an den seinen, während sie immer tiefer in den Wald hineingingen.

Thitsom aber verstand die Zeichen nicht.Er wusste nicht, wie er das sonderbare Verhalten von Thongbai zu deuten hatte.

Inzwischen waren sie in der Mitte des Waldes angelangt.Sie verabredeten, sich nun voneinander zu trennen, damit jeder bei seiner Suche auch genug Holz finden würde.Aber ob auch getrennt, jeder würde das Schlagen des Buschmessers des andren hören, und so würden sie auch getrennt beisammen bleiben.Bevor sie ging, sagte Thongbai:

„Bruder Thit, ich gehe nun dort hinüber und schlage da hinten mein Holz.Aber versprich mir, wenn du meine Schläge nicht mehr hörst, dann, Bruder Thit, komm schnell und schau, ob mir etwas zugestossen.”

„Oe . . . ich horche auf deine Schläge, du brauchst keine Angst zu haben.”

Sprach’s, ging seiner Wege und sammelte sein Holz.

Wenig Zeit war vergangen, da verstummte plötzlich das gleichmässige Schlagen des Hackmessers von Thongbai.Thitsom erschrak, horchte nochmals, und dann eilte er in die Richtung fort, in der er Thongbai zuletzt vernommen.Als er sie fand, lag sie leblos auf dem Rücken, und ihr Rock hatte sich bis zum Gürtel hochgebauscht.Da lag sie lieblich lächelnd im Gras, die Augen geschlossen, und ihr Busen hob und senkte sich mit dem Atem.Thitsom dachte, gleich werde ihr Herz stillstehen, er fürchtete sich und stand unschlüssig vor ihr, er wusste nicht, was er tun sollte. Schliesslich kniete er nieder und fasste sie an.Da lief ein Zittern über ihren Leib, und all’ ihre Glieder vibrierten.Und jetzt nahm auch er es wahr: wo ihre Schenkel sich voneinander trennten, trug Thongbai eine fingerlange Kerbe, eine klaffende Spalte, einen Einschnitt wie eine Wunde. . . Thitsoms Brust entrang sich ein Seufzer, und er sprach die heilige Formel des Ordens:

„Phutto – thammo – sang-kho .. . warum nur hat sie eine solche Wunde, so lang und so breit?”

Als er das gesagt, beugte sich unser Bruder Thit zu ihr herab und blies seinen Atem dreimal sanft über den Schlitz, um den Schmerz zu kühlen.Aber die Jungfrau zu erwecken, das vermochte er nicht.Da beugte er sich noch weiter herab zu dem Riss zwischen ihren Schenkeln, nahm einen Duft wahr, süss wie Zimt, und atmete tief durch die Nase ein.

Thitsom murmelte:

„Eh . .. das muss eine Wunde von früher sein, keine, die sie sich eben erst mit dem Hackmesser zugefügt.”

Thit Bunsom sprach’s, nahm sein Messer und ging zurück zum Dorf, um seinen Freunden zu berichten, was ihm widerfahren, und sie mitzunehmen, es sich anzusehen mit eigenen Augen.

Was hat diese Geschichte zu bedeuten?

Die Wege der Welt und die Wege des Ordens sind verschieden.Niemals lassen sie sich zur Übereinstimmung bringen

 
 
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