Vergebliche Suche - glücklicher Fund
übersetzt von Dr. Christian Velder
Viele Jahre ist es her, da lebte ein junger Mann, und der war im Kloster aufgewachsen.Schon als kleiner Junge war er in den Orden eingetreten.Als die Zeit gekommen war, wurde er zum Mönch geweiht.Seine einzige Beschäftigung war es, zu lernen, nichts als zu lernen.
Dennoch musste er schliesslich dem Tempel den Rücken kehren.Seine Mutter war nämlich krank geworden.Sie war schon alt, und ihre Glieder schmerzten sie so sehr, dass sie nicht mehr allein für sich sorgen konnte. Sie brauchte jemanden, der sich um sie kümmerte, ihr zu essen gab und sie pflegte.
Der junge Mann verliess also den Orden und kehrte nach Hause zurück.Es war entschieden: hier gehörte er hin, hier war seine Arbeit, hier musste er nach dem Rechten sehen.Er umhegte seine Mutter mit Demut und Hingabe, und es ging ihr bald schon besser.
Sein liebevolles Verhalten machte, dass alle jungen Mädchen im Dorf sich nichts sehnlicher wünschten, als ihn zum Geliebten zu haben.Wenn er ausging, hatte er manch eine Wandergefährtin, und sie sprach zu ihm gar süss und verführerisch.Er aber hatte sein ganzes bisheriges Leben im Kloster zugebracht, und so wagte er es nicht, auf die Werbung einzugehen und seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.Seines Körpers Regungen beachtete er nicht.
Eines Tages ging er in den Wald, um Holz zu suchen und Kräuter zu sammeln.Als er so allein dahinstreifte, gesellte sich wie von ungefähr eine Jungfrau zu ihm, deren Haus ganz in der Nähe des seinen stand, und auch sie wollte Brennholz holen.
Die Jungfrau hatte den Jüngling eine ganze Weile mit Wohlgefallen beobachtet und verspürte in ihrem Schosse ein gar mächtiges Sehnen nach ihm.Sie näherte sich ihm dort im Walde und sprach: „Mönchlein, Mönchlein, versuch’ es und fang mich!Wenn du das schaffst, kannst du stolz sein!”
Der junge Mann wendete ihr sein Gesicht zu und erwiderte:
„Wenn ich dich gefangen habe, was gibst du mir dann als Lösegeld?”
Die Jungfrau sah ihm in die Augen und antwortete:
„Was du von mir haben willst, das darfst du dir nehmen, das geb’ ich dir hin!”
Mit diesen Worten sprang die Jungfrau behänd weiter in den Wald hinein, und das Gebüsch schloss sich hinter ihr. Der Jüngling wartete nicht.Er setzte ihr nach, und so spielten sie Fangen dort tief im Busch.Am Ende konnte der junge Mann die Atemlose greifen, sie gab sich ihm gefangen, und er fragte:
„Was ist es gewesen, was du mir versprochen, gib es mir, habe ich doch das Spiel gewonnen!”
Die Jungfrau entgegnete:
„Wonach dir der Sinn steht, das nimm dir, du brauchst es nur zu greifen, in meines Leibes Falten ist es verborgen!”
Der Jüngling liess seinen Händen freien Lauf.Sie glitten über der Jungfrau Körper hin und ertasteten all seine Höhen und Tiefen.Aber ach, er konnte an ihr nichts finden.Am Ende ritzte er sich die Haut an einer Nähnadel, die in der Jungfrau Gewändern verborgen war und die sie dort vergessen hatte.Der junge Mann zog die Nadel heraus und rief:
„Wahrhaftig! Ich habe deinen Leib abgesucht von oben nach unten und hinten nach vorn.Fast war’s umsonst!Aber ich hatte Glück.Gewonnen hab’ ich, gewonnen – eine Nadel!” |