Die Frau ist des Mannes Zier
übersetzt von Dr. Christian Velder
In fernen Zeiten gab es einst eine Stadt, es war eine wohlhabende, eine reich gesegnete Stadt.Der Fürst dieser Stadt war klug und weise, in allen Wissenschaften hochgelehrt.Handel und Wandel gediehen prächtig, es war eine Lust zu leben.
Die Kunde von dem Wohlstand der Stadt, von des Fürsten Fähigkeiten und seiner Minister und Hofbeamten Sachverstand breitete sich aus bis in die fernste Ferne.
Eines Tages wollte der Fürst die Seinen auf die Probe stellen, er begehrte zu wissen, wie weit ihre Geisteskraft reichte.Als die Minister und Hofbeamten im Audienzsaal des Palastes versammelt waren, ergriff der Fürst das Wort:
„Ich möchte euch allen eine Frage stellen.Ihr, die ich hier vor mir sehe, sollt mir sagen, wer von euch eine Gemahlin sein eigen nennt, die eine perfekte Frau ist.”
Die Minister und Hofbeamten, die zur Versammlung gekommen, blieben stumm.Warum?Weil sie sich nicht klar darüber waren, weshalb der Fürst ihnen eine solche Frage gestellt, ja, was für eine List sich dahinter verbergen mochte.Sie wagten nicht zu antworten.Nur ein einziger von all denen, die dort versammelt, einer der Jüngsten, fasste sich ein Herz, legte die Handflächen zusammen und streckte seine gefalteten Hände zum Throne hinauf.Der Fürst fragte:
„Du also scheinst eine Gemahlin zu besitzen, die eine perfekte Frau genannt werden kann.”
Der Mann senkte die Stirn zum Boden und antwortete:
„Ja, Herr.”
„Gut.Ich danke dir sehr, dass du dich traust, mir nach deinem besten Wissen die Wahrheit zu sagen.”
So sprach der Herr. Dann überreichte er jenem drei Blütenblätter und sagte dazu:
„Diese drei Blättchen gib deiner Frau. Sie soll daraus für mich drei Speisen bereiten, nämlich zuerst scharf gewürzten Curry, dann ein saures Ragout und schliesslich eine Süssspeise zum Nachtisch. Sollte deine Frau das nicht können, hast du dein Leben verwirkt.”
Die Minister und Hofbeamten, die es hörten, empfanden teils Mitleid mit dem Jüngling, teils dachten sie, es geschehe ihm recht, habe er sich doch ungeschickt benommen und linkisch hervorgewagt.Einer nach dem anderen zogen sie sich unter tiefen Ehrenbezeugungen von ihrem Fürsten zurück.
Der junge Mann kehrte in Kummer und Sorge heim.Nun werde er die Folgen seiner vorschnellen Rede erdulden müssen, hatte er doch nicht Pfeffer, nicht Salz unterscheiden können.
Als er zu Hause ankam, trat seine Frau zu seiner Begrüssung auf ihn zu.Sie sah ihn an und fragte:
„Mein älterer Bruder, warum kommst du heute so betrübt und traurig daher? Dein Antlitz ist verschleiert, nicht munter und frisch wie sonst!”
Der Mann erzählte seiner Frau von dem Unglück, das ihm drohte nach des Fürsten Wort und Befehl.Als er geendet hatte, übergab er der Frau die drei Blütenblätter, die der Fürst ihr gesandt.Sie nahm sie entgegen und legte sie auf ihre Handfläche. Nachdenklich sah sie die Blättchen an.Zu ihrem Mann gewandt sagte sie:
„Fasse Mut!Ich werde alles nach des Fürsten Wunsch richten.”
Am frühen Morgen erhob sich die Frau noch vor Tagesanbruch und bereitete das Morgenmahl wie gewöhnlich. Als es fertig war, weckte sie ihren Mann, dass er aufstehe, und sich bereit mache, vor den Fürsten zu treten.Der Mann fragte:
„Jüngere Schwester, hast du die drei Speisen bereitet, wie der Fürst es befohlen, ist es dir nun gelungen oder nicht?”
Die Frau lachte und erwiderte:
„Bruder, du brauchst keine Angst zu haben!Nimm dein Bad, zieh’ dich an und iss!Ich sage dir, du hast nichts zu befürchten.Ich gebe dir die Dinge mit, die der Fürst braucht, und es wird daran nichts fehlen.”
Der Mann war freudig überrascht, dass seine Frau vor des Fürsten Auftrag nicht zurückgeschreckt.Als er fertig war, verabschiedete er sich von seiner Frau und liess sich ihre Gaben aushändigen.Sie aber brachte nur einen schmalen Umschlag zum Vorschein und sagte dazu:
„Bruder, das hier sollst du dem Fürsten übergeben.Dazu sollst du sprechen, was ich dir jetzt auftrage . . .Wenn der Herr zu tun vermag, was ich ihm sage, dann werde ich sofort und ohne Zögern erfüllen, was er verlangt, dreierlei Speisen nämlich zu bereiten aus drei Blütenblättern.”
Der Mann trug die Gabe seiner Frau zum Fürsten.Die Minister und Hofbeamten hatten sich im Audienzsaale bereits eingefunden.Der Fürst empfing den Mann mit folgenden Worten:
„Deine Frau, hat sie es nun vermocht, meiner Anordnung gemäss die drei Speisen zuzubereiten?Hat sie nämlich versagt, ist dein Leben dahin.”
Der Mann kroch auf dem Boden zu dem Throne hin.Mit allen Zeichen der Erniedrigung und Unterwerfung, dabei voller Ehrfurcht und voll Respekt richtete er das Wort an den Fürsten.
Er sprach:
„Meine Frau hat deinen Befehl verstanden, aber . . . “
Der Fürst unterbrach in seines Herzens Ungeduld des Mannes Worte und sprach:
„Na, na!Hab’ ich es doch gedacht!Jetzt bist du dem Tode verfallen!”
Der Mann jedoch fuhr unbeirrt in seiner Rede fort:
„Meine Frau schickt dir in diesem Umschlag eine Gabe, oh Herr.”
„Was für eine Gabe?Was soll das heissen?”
Des Fürsten Frage beantwortete der Mann stumm, indem er den Umschlag überreichte.Der Fürst nahm ihn und schlug ihn auseinander.Da lagen vor ihm auf dem Tüchlein drei Haare.Das kam ihm sonderbar vor.Er fragte:
„Deine Frau schickt uns drei Haare. Warum?”
Der Mann verbeugte sich tief und entgegnete:
„Meine Frau hat mir folgendes aufgetragen:Sie habe derzeit kein entsprechendes Küchenmesser zur Hand.Auch fehle ihr ein geeigneter Mörser, besitze sie kein brauchbares Hackbrett.Darum hat sie mir diese drei Haare mitgegeben, damit du, oh mein Fürst, daraus ein Messer, einen Mörser und ein Hackbrett fertigst. Sobald dir das gelungen ist, mögest du ihr die drei Dinge zukommen lassen, dann werde sie damit ohne Zögern aus den Blumenblättchen jene Speisen zubereiten, die du verlangt hast, oh Herr!”
Der Fürst hatte die Gabe entgegengenommen. Nun erhob er seine Stimme und verkündete in seines Herzens höchster Zufriedenheit:
„Ich gebe mich geschlagen.Zugeben will ich gern, dass deine Gattin eine gute und rechte, eine perfekte Frau ist. Sie ist eine Frau voll Witz und List.Solch eine Gattin ist wahrlich ihres Mannes Zier!”
Und er fuhr fort:
„Gut.Von heut’ an soll deine Gattin die Vorsteherin sein aller Dienerinnen hier im Palast.Sie wird im Palaste wohnen und du mit ihr. Allen Ministern und Hofbeamten sei gesagt:Eine solche Frau macht dem Gatten Ehre.Das habt ihr alle soeben erlebt." |