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Beiträge · Dorfgeschichten von Christian Velder

Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Dorfgeschichten von Christian Velder
 
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Die kluge Frau

übersetzt von Dr. Christian Velder

Es war einmal ein Paar. Mann und Frau lebten schon viele Jahre zusammen. Weil Haus und Hof von Vater und Mutter der Frau allmählich verfielen, kamen sie überein, dass der Mann zu ihren Eltern übersiedeln sollte, um ihnen bei der Bestellung ihrer Äcker zu helfen.Denn die zwei Alten waren bereits von den Jahren gebeugt.

Im Hause der beiden lebte zu dieser Zeit noch ein Nachkömmling, eine Jungfrau, welche die Schwelle der Reife gerade eben überschritten. Liebenswert war ihr Anblick, schlank und rank ihr Körper, Gesicht und Auge von starker Anziehungskraft. Als Thit, der Schwager, sie ansah, verliebte er sich in sie, aber noch wagte er nicht, es zu zeigen.

Wenig später kam ein Jüngling aus guter Familie und begehrte sie zur Frau. Er schickte Unterhändler zu Vater und Mutter und hielt um ihre Hand an.Weil aber in jenem Hause nun der Schwiegersohn der Meister war, alle Arbeit verrichtete und die Bewohner ernährte, wollten die beiden Alten ihn nicht zurücksetzen und zogen ihn zu den Beratungen heran.Sie berichteten ihm:

„Ai Thit, oey, du bist jetztunser Oberhaupt.Unterhändler sind gekommen.Sie halten um die Hand der kleinen Schwester deiner Frau an.Was sagst du dazu?Du bist für uns nun der ältere Bruder unserer Jüngsten.Darum sprich und berate uns!”

Der Schwiegersohn hörte es mit Missbehagen.Denn er selbst hatte sich ebenfalls etwas von seiner jüngeren Schwägerin erhofft.Aber er war langsamer gewesen als jener Bewerber.Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte, zögernd und einsilbig gab er zur Antwort: „Diese Sache ist die Angelegenheit von Vater und Mutter allein.Ich habe damit nichts zu schaffen, bin ich hier doch nur ein Gast. Äussern möchte ich mich weiter nicht.”

Das sagte er und verliess das Haus.Er zog sich auf das Ackerland zurück und legte sich in der Feldscheune schlafen. In der Nacht gingen ihm viele widerstreitende Gedanken durch den Kopf, er grübelte vom Abend bis zum Morgen.

Als die Dämmerung heraufzog und die Zeit gekommen war, den Büffel anzuschirren und das Feld zu pflügen, stand er nicht auf, sondern blieb auf der Matte liegen, bis seine Frau gekommen war, ihm sein Essen zu bringen. Sie sah, dass ihr Mann noch schlief, und das befremdete sie.Sie trat an das Lager heran und fragte:

„Mein älterer Bruder, was hast du? Bist du traurig darüber, dass unsere kleine Schwester nun auch eine Familie haben wird, oder was ist los mit dir?”

Der Mann gab kleinlaut zur Antwort:

„Ich mache mir Sorgen.Sorgen darüber, dass die Kleine schon so früh verheiratet werden soll.Wir haben sie gemeinsam grossgezogen, und das war entbehrungsreich genug. Ich will hier nicht bleiben. Weit fort will ich gehen, hier halte ich es nicht mehr aus.”

Eine Ahnung keimte auf im Herzen der Frau. Sie fragte:

„Wohin willst du denn gehen?”

Er antwortete:

„Wohin auch immer!Ich will nicht bleiben. Punktum. Ich sage nichts mehr zu der Sache, ob sie uns nun etwas angeht oder nicht!”

Da wusste die Frau, dass der Mann sich in ihre junge Schwester verliebt hatte und sie zur Frau haben wollte.Sie sprach:

„Wenn du sie bekommst, willst du dann auch immer noch fort, nichts als fort?“

Langsam schüttelte der Mann den Kopf. Das war seine Antwort. Sie aber fuhr fort:

„Gut. Wenn du sie haben willst: in zwei drei Tagen gibt es hier ein Tempelfest.Dann wird von den Mönchen die Lebensgeschichte des Buddha nacherzählt. Wir werden unsere Schwester bitten, das Haus zu hüten, während wir alle in den Tempel gehen. Dann kannst du sie in ihrer Kammer besuchen.Wie und wann, das werde ich dir noch sagen!”

Der Mann strahlte. Er würde bekommen, wonach er sich sehnte.Als der Tag herangekommen war, kam seine Frau und flüsterte ihm zu:

„Bruder Thit, heute ist es soweit. Ich selbst mit Vater und Mutter, wir besuchen den Tempel. Derweil kannst du ins Haus der Eltern gehen.Unsere kleine Schwester hält dort Wache, ausser ihr wird niemand dort sein.”

Während der Mann das hörte, durchflutete Vorfreude sein Herz.Als die Nacht hernieder sank, eilte er zum Hause der Eltern. Die dritte Abendstunde war da, als er ankam. Alle im Dorf waren längst zum Tempel gegangen, zurückgeblieben war niemand, die Lichter waren überall gelöscht. Vor der zweiten Morgenstunde würde gewiss niemand aus dem Tempel zurückkommen. Er zögerte nicht lange und stieg die Leitertreppe zum Hause hinauf.Leise, leise öffnete er die Tür zur Kammer der jungen Schwester seiner Frau. Im Dunkel lag sie auf dem Lager, zum Tempel war sie nicht mitgegangen. Ganz allein war sie geblieben, um im Haus Wache zu halten.

Er glitt zu der Ruhenden auf die Matte und begann, ihre Füsschen zu streicheln, die zarten Fesseln.Da fühlte er mit der Hand das Fusskettchen, das er seiner Frau einst geschenkt.Er tastete nach ihren Handgelenken, und da war der Armreif, den seine Frau sich von ihm vor Jahren gewünscht.Der Leib der Frau suchte den seinen, und die beiden liebten einander, bis die Stunde der Rückkehr der Tempelpilger gekommen. Er eilte nach Hause, und wenig später war auch seine Frau aus dem Tempel wieder daheim.

Am Mittag folgte die Frau ihrem Manne aufs Feld und brachte ihm sein Essen.Er pflügte und eggte mit dem Wasserbüffel sein Feld vom Morgen bis zum Abend, und er hielt nicht ein, bis die ganze Arbeit getan war, kaum nahm er sich die Zeit zum Mahle.

Auf diese Weise vergingen die Tage, der Mann blickte kaum auf von der Arbeit, sogar in der Nacht blieb er auf dem Felde und schlief in der Scheune.Die Frau, wenn sie mit den Speisen kam, begrüsste ihn so:

„Mae, Bruder Thit, du bist fleissig und stark wie noch nie.”

Der Mann musste lachen:

„Nicht nur das allein!Zehnmal mehr könnt’ ich für dich tun, vor keiner Anstrengung schreckt’ ich zurück!”

Die Frau fragte: „Wie kommt das, Bruder Thit?Deine Maus will’s wissen, hast du ihr nichts mitzuteilen?”

Der Mann erwiderte: „Einverstanden bin ich. Wonach ihr der Sinn steht, das soll sie haben, die Maus!So soll es sein, mehr sag’ ich nicht.”

Die Frau wisperte ihm ins Ohr: „Dein Mäuschen möchte ein wenig knabbern an dir, du wirst ihm doch geben, wonach es verlangt?”

Der Mann lächelte.Er entgegnete: „Gut und recht.Wer jedoch den grösseren Hunger hat, das muss sich erst noch erweisen.”

Nun lächelte auch die Frau, denn es war klar, ihr Mann zürnte ihr nicht, ganz im Gegenteil. Die Schwester mochte heiraten, wen sie wollte!

 
 
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