Der Widerruf
übersetzt von Dr. Christian Velder
Ein Mann und eine Frau waren einander in der Ehe verbunden. Sie lebten und speisten zusammen schon manches Jahr.
Eines Tages merkte die Frau, dass ihr Mann heimlich eine neue Verbindung eingegangen war. Die Frau versuchte ihren Mann davon abzubringen, aber er hörte ihr gar nicht zu.
Um das Feuer schon im Keime zu ersticken, bereitete die Frau alles vor zu einer häuslichen Andacht. Sie fertigte ein Blumengesteck, brachte Kerzen und Weihrauchstäbchen für den Opferaltar des Buddha. Dann rief sie ihren Mann, die Feierlichkeit zu eröffnen. Er entzündete die Räucherstäbchen und die Kerzen, dann nahm er das Blumengesteck und legte es dem Buddhabild als Gabe zu Füssen. Als die Frau mit dem Beten begann, brauchte er ihr nur nachzusprechen. Das Gebet aber lautete so:
„Ich rufe die Macht der Tugend der drei Edelsteine zur Zeugin auf. Wenn ich in Zukunft meiner Frau mein Herz abwenden sollte, so möge der Tod mein Los sein, ich möge als Geist ruhelos umherirren, von der Pest dahingerafft, einem Unfall erlegen, ein Opfer der Cholera, vom Krebs zerfressen, mit gebrochenen Gliedern, blind und taub!”
Dem Manne kam das Gebet nicht geheuer vor, die feierliche Handlung aber mochte er nicht unterbrechen, und so sprach er auch weiter seiner Frau die Worte nach:
„Wenn ich esse, so mögen Bauchkrämpfe mich befallen, mein Vater möge sterben und meine Mutter auch, meine Besitztümer sollen von Räubern gestohlen, meine Kleidung soll mir in Fetzen vom Leibe fallen und alles, was Wert besitzt, soll verloren sein. Mein Haus soll vom Feuer verbrannt werden und ich in ihm, ohne Hoffnung auf Wiedererweckung und Wiedergeburt. Für die Zeit von tausend Lebensspannen möge ich in der Hölle schmachten, und der Höllenfürst möge mir tagaus, tagein zum Trunk geschmolzenes Kupfer in den Mund giessen – falls ich wirklich mein Herz von meiner Frau abwenden sollte, so möge mein Gebet Erfüllung finden am dritten Tage ab heute und bevor die Woche vergangen.”
Als die Worte verstummten, liess die Frau ihren Mann zur Besiegelung des Gebetes sich vor dem Buddha dreimal mit der Stirn im Staube verneigen. Danach gingen sie wortlos auseinander, und jeder setzte die unterbrochene Arbeit fort.
In der Folgezeit dachte der Mann an nichts andres mehr als an sein Gebet. Er verspürte Angst, hatte er sich doch selbst verflucht! Seiner jungen Geliebten sein Herz zu entziehen vermochte er aber auch nicht. Es war ihm bewusst, dass er in grosser Gefahr schwebte und unüberwindbare Schwierigkeiten ihm jeden Ausweg verstellten.
Ganz krank fühlte er sich vor Sorge und Kummer. Da verfiel er auf einen Gedanken. Als in der Nacht seine Frau fest schlief, erhob er sich leise von der Matte und verliess das Gemach. Er nahm Blumen, Weihrauch und Kerzen und ging damit zum Geisterhäuschen am Rande des Grundstücks. Dort erhob er seine Stimme, gerade laut genug, dass der Geist ihn hören konnte. Er sprach:
„Vatergeist, du altvertrauter! Du Herr der belebten Natur, Ehrwürdiger! Ich habe am Opferaltar im Hause ein Gebet gesprochen, dessen Wortlaut mir meine Frau eingegeben. Doch in Wahrheit habe ich das alles nicht sagen wollen. Ich rufe dich, du Herr des Lebens, zum Zeugen auf, dass ich nach wie vor meiner jungen Geliebten mit ganzem Herzen ergeben bin. Ich bitte dich, lass meine neue Liebe mich nicht in Gefahr bringen, lass mich vielmehr im Alter eines natürlichen Todes sterben und nicht durch Seuchen, Fieber und Schmerz. Wenn ich esse, so möge sich dadurch meine Gesundheit mehren und nichts von dem eintreffen, was meine Frau mich hat sagen lassen. Die Ängste und Schrecken, die ich beschworen, mögen mich verschonen, das erbitte ich von dir, du Geisterherr, du mein Zeuge, damit nichts, gar nichts von dem eintreffe, was ich in meinem Gebet am Altar gesagt.”
Während der Mann diese Worte sprach, war seine Frau wach geworden. Sie sah, dass der Platz ihres Mannes auf der Matte leer war. Sie erhob sich und stieg die Leitertreppe vom Hause hinab. Sie fand ihren Mann auf den Knien vor dem Geisterhäuschen, die Hände zur Beschwörung des Geistes erhoben und eindringliche Gebete murmelnd. Sie trat näher und fragte:
„Älterer Bruder, was machst du denn hier, warum hast du dich so allein von unserem Lager davongestohlen?”
Der Mann sah sich um, erkannte seine Frau und musste laut auflachen. Dann sagte er:
„Dein älterer Bruder hat den Geist beschworen, damit er uns helfen möge: lange noch möge sich unsere gegenseitige Liebe bewahren. In liebevoller Zuneigung wollen wir gemeinsam das Alter erwarten, dann mögen wir einander Stütze sein, eine Stütze mit goldnem Knauf der eine, ein Krückstock mit diamantener Spitze die andre. Wir mögen geleitet werden von unseren Kindern im Hause und unseren Enkeln im Land, wohlhabend mit Silber und Gold.”
Die Worte des Mannes liessen die Frau lächeln. Sie entgegnete:
„Ich hoffe nur, dass du deine Wünsche nicht bereust. Und wenn doch, so sollst du wissen, mein schärfstes Messer liegt schon bereit für dich, oh du mein älterer Bruder!”
Der Mann bekam einen Totenschreck.
„Ohj, ohj”, rief er, „dahin muss es nicht kommen! Was redest du da, meine jüngere Schwester! Das durch einen Schwur zu bekräftigen, dessen bedarf es nicht! Ich verspreche, dir in Zukunft nur die treusten Gedanken zu weihen.”
Was aus dieser Geschichte weiter geworden ist, der Erzähler weiss es nicht. Ob der Mann sich von seiner jungen Geliebten abgewendet oder nicht, bleibt im Dunklen. Hat der Widerruf seines ersten Gebetes nun Gültigkeit erlangt oder nicht, wer wüsste das zu sagen? Oeh, so sind die Geschichten, die das Leben schreibt.
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