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Beiträge · Dorfgeschichten von Christian Velder

Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Dorfgeschichten von Christian Velder
 
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Wenn Mann und Frau sich streiten

übersetzt von Dr. Christian Velder

Mann und Frau sind wie Zunge und Zähne. Gelegenheiten zum Streit gibt es viele.

Bei Som und In war es nicht anders. Schon zwei Tage hatte In sich mit Som gezankt. Nun sprachen sie nicht einmal mehr miteinander. Ein Freund von Som, der das bemerkt hatte, sagte zu ihm:

„Hey! Lass es nur erst dunkel werden, dann werde ich’s schon richten!”

Soms Freund war ein schlauer Fuchs. Er warf ein Tigerfell über und schlich, leise, leise, in das Zimmer, in dem In sich zur Ruhe begeben. Sie bemerkte es und bekam einen Totenschreck. Schlotternd vor Angst hörte sie des Tigers Knurren und vermeinte, darin Menschenrede zu vernehmen:

„Ich werde dich fressen, wenn du nicht wieder umziehst in die gemeinsame Schlafkammer.”

In machte, dass sie fortkam, und schon hatte sie das Ehegemach erreicht.

„Wenn du dich am andren Ende niederlegst und nicht in deines Mannes Nähe, werde ich dich fressen”, so glaubte sie des Tigers Fauchen zu verstehen. Sie rückte also an die Matte ihres Mannes heran.

„Näher, näher heran! Ich fress’ dich auf, wenn du nicht unter die gemeinsame Decke schlüpfst!”

In umhüllte sich also von Kopf bis Fuss mit ihres Mannes Decke.

„Du wirst gefressen, wenn du dich nicht anschmiegst an die Seite deines Mannes!”

So kam es, dass In und Som wieder einig wurden und eins.

Der Freund in des Tigers Kleide zog sich zurück. Die beiden, Mann und Frau, vernahmen in seinem Brummen, was sich anhörte wie:

“Hüh . . . was soll all das Streiten . . . vertragt euch!”

Am Morgen fanden In und Som ein Tigerfell in der Nähe des Hauses.

Von nun an schliefen sie wieder auf der einen Matte Arm in Arm ein, und das Glück wohnte mit ihnen.

Keine Schulterlast findet in der Kerbe des Tragholzes Halt, wenn Mann und Frau sich streiten, das lehrt uns diese Geschichte.

• • •

Das Versprechen

Im Dorfe Ton Haen gab es einmal eine Witwe. Obgleich dem Alter nach schon über dreissig, war sie noch immer jugendlich hübsch. Die Witwe besass eine blutjunge Tochter, die sie gerade verheiratet hatte. Sie waren Bauern, und ihnen gehörte ein Wasserbüffel.

Die Hochzeit war noch nicht lange vorüber, da wurde der Büffel gestohlen. Der Schwiegersohn und die Tochter zeigten den Diebstahl beim Dorfältesten an. Der rief die Bauern zusammen und liess sie ausschwärmen, um den Büffel wieder herbeizuschaffen.

Viele Tage dauerte die Suche, aber sie blieb ergebnislos. Der Schwiegersohn in seines Verstandes Einfalt dachte, mein Büffel ist verloren. Er ging zum Geisterschrein des Dorfes und sprach zum Geisterfürsten, der dort wohnte, so:

„Ich bitte dich, du mächtiger Geist, den wir alle hier in Ton Haen verehren, dass du mir hilfst, unseren Büffel wiederzugewinnen. Wenn mein Gebet in Erfüllung geht, will ich mich opfern und eine Nacht mit meiner Schwiegermutter schlafen.”

Der Geisterherr, der alles wusste, kannte auch den Aufenthaltsort des Wasserbüffels, und so ging der Wunsch des jungen Mannes in Erfüllung. Aber statt sich zu freuen, kam er kleinlaut mit seinem Büffel nach Hause zurück. Er konnte nichts essen, und zu schlafen vermochte er auch nicht. Er sprach mit niemandem mehr.

Seine Frau drang in ihn, aber er sagte ihr von seinem Versprechen nichts. Auch die Schwiegermutter versuchte es, doch ihr gegenüber blieb er ebenfalls stumm. So ging es eine Woche lang. Er wurde dabei mager und immer magerer. Schliesslich fasste er sich ein Herz und sprach zu seiner Frau und zu seiner Schwiegermutter:

„Euer Sklave hat dem Geisterfürsten ein Versprechen gegeben. Wenn ich den Büffel zurückbekomme, so will ich... so werde ich... mit meiner Schwiegermutter eine Nacht lang schlafen.”

Die Schwiegermutter erwiderte ohne Säumen:

„Wenn du ein solches Versprechen gegeben hast . . . warum zögerst du die Einlösung heraus?”

Sie liess ihren Tochtermann also in der nächsten Nacht mit ihr das Lager teilen. Der Versuch gefiel ihr, und so fragte sie den Schwiegersohn:

„Väterchen, liebes, hast du dem Geist wirklich nur eine Nacht versprochen, oder können wir daraus vielleicht mehrere . . . viele machen? Schaden kann das doch nicht, oder?”

Diese Geschichte will uns sagen: Die Welt ist zum Chaos geworden.

 
 
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