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Beiträge · Dorfgeschichten von Christian Velder

Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Dorfgeschichten von Christian Velder
 
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Der Richter Hase und seine Gefährten
Wunderkraut und Zauberschwert
Der Reiche und das Waisenkind

Verstand und Gerechtigkeit

Es waren einmal ein Mann und eine Frau.

Sie lebten und speisten zusammen schon manches Jahr und hatten inzwischen viele Kinder.

Mit der Zeit hatten sie sich auseinandergelebt, sie wollten voneinander scheiden. Daher fingen sie an, ihr Eigentum zu teilen. Von ihren Schätzen und ihrem Besitz bekam jeder die Hälfte. In die Ehe mitgebracht hatte nämlich keiner von ihnen irgend etwas.

Der Besitz, Silber und Gold, Äcker und Felder, auch das Gehöft selbst und sogar die Kinder konnten gleichmässig und gerecht verteilt werden. Als es aber um den Reis im Schober ging, da zeigte es sich, dass jeder von den beiden „viel” davon bekommen wollte.

Die zwei konnten sich nicht einigen, auch nicht mit den Helfern, die sie beraten wollten. Jeder bestand darauf, „mehr” zu erhalten. Schliesslich kamen sie überein, den Fürsten der Stadt um seinen Richterspruch anzugehen. Er sollte ihr Helfer bei der Aufteilung des Reisvorrats sein. Aber alle, auch der Fürst selbst, vermochten nicht, die beiden davon abzubringen, dass sie „mehr” Reis forderten. Wie sie es auch anstellten, keiner war zufrieden zu stellen, keiner kam zur Vernunft.

Die Geschichte verbreitete sich schnell im ganzen Land. Sie kam auch einem Knaben zu Ohren, der sich in seinem Dorf bereits durch seinen Verstand ausgezeichnet hatte. Das Kind meldete sich beim Fürsten der Stadt und sprach: „Ich will die Teilung durchführen, und beide sollen zufrieden sein!”

Der Fürst war einverstanden und liess den beiden seinen Ratschluss mitteilen.

Als sie bei Hofe eingetroffen, liess der Knabe ihnen sagen, sie sollten jeder soviel wie sie wollten von dem Reis in ihren Schöpfgefässen herbeibringen und im Angesicht des Thrones auf zwei Haufen schütten. Er sagte:

„Ihr wollt jeder ‘mehr’ Reis bekommen. Holt euch also davon ‘mehr’ und ‘mehr’, gar so ‘viel’ ihr möchtet!”

Wiederum erklärten die beiden, sie wollten wirklich jeder „mehr” haben als der andere. Die Antwort lautete:

„Gut, ich werde jedem von euch ‘mehr’ und ‘mehr’ zuteilen, so ‘viel’, wie er will.”

Da freuten sie sich sehr. Der Knabe aber fuhr fort:

„Ihr alle beide sollt mit der Bambusflasche als Schöpfmass auf dem Vorplatz hier jeder einen Berg Reiskörner aufschütten, aber ihr dürft jedes Mal aus eurer Reisscheune nur ein einziges Mass mitbringen. Was ihr schliesslich hier vor uns aufgetürmt, das soll euch alles gehören, jedem sein eigener Berg!”

Das gefiel Mann und Frau gut. Sie meinten, eine gerechtere Lösung als diese könne es nicht geben.

Als der Befehl kam, „jetzt könnt ihr losschöpfen”, stürmten sie davon mit ihrem Bambusgefäss und holten im Laufschritt von ihrer Scheune Mass für Mass herbei und schütteten den Reis auf dem Vorplatz des Palastes aus, jeder auf seinen Haufen. Einer versuchte den anderen an Geschwindigkeit zu übertrumpfen. Schon war eine ziemliche Menge zusammengekommen, aber ihre Kräfte hatten sich im Her- und Hinrennen erschöpft. Unmöglich konnten sie weitermachen. Sie mussten sich hinsetzen und rangen nach Atem, jeder im Angesicht seines Haufens.

Das Kind aber fragte:

„Wen von euch verlangt es nun noch nach ‘mehr’?”

Die beiden liessen die Köpfe hängen, so müde waren sie geworden. Kleinlaut antworteten sie: „Es ist jetzt tatsächlich mehr als genug!”

Nun sagte der Knabe: „Schon gut! Da ihr nun jeder das bekommen habt, was ihr wolltet, steht euer Anteil fest. Was übrig ist, fällt dem Fürsten zu.”

Wer diese Entscheidung gehört hatte, musste sie preisen. Jedermann bewunderte den Knaben ob seines Verstandes und seiner Gerechtigkeit.

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Kauf was du willst

Es geschah am Tage der Ziehung der Lotterielose. Dem Lehrer Somphorn waren die glückbringenden Ziffern im Traume erschienen. Er schickte also am Morgen Saeng, einen Schüler seiner Klasse, auf den Markt, ein Los zu kaufen. Er sagte:

„Saeng, Saeng, komm mal her! Geh und kauf mir ein Los! Merk dir die Endziffern! Sie lauten eins – vier – neun. Solch ein Los möcht ich haben.”

Mit diesen Worten gab der Lehrer dem Schüler zehn Baht. Saeng vergewisserte sich, bevor er losging: „Und was soll ich tun, wenn ich kein Los mit den Ziffern eins – vier – neun finde? Was soll ich statt dessen nehmen?

Der Lehrer zögerte einen Augenblick. Dann antwortete er: „Kauf was du willst!”

Der Schüler blieb fast eine ganze Stunde fort. Als er zurückkam, war er schweissgebadet. Er schleppte einen Korb voll gekochter Maiskolben. Der Lehrer wunderte sich und fragte: „Saeng, wo hast du gesteckt? Wo hast du mein Los?”

Der Schüler schüttelte den Kopf und antwortete: „Ich habe nach einem Los mit den Endziffern eins – vier – neun gesucht. Den ganzen Markt habe ich abgeklappert. Bei allen Lotterieständen habe ich danach gefragt. Aber niemand hatte ein Los mit diesen Ziffern.”

Ungeduldig unterbrach ihn der Lehrer. Er herrschte ihn an: „Und welche Ziffern hast du nun genommen?”

Saeng stiegen die Tränen in die Augen. Schluchzend gab er Antwort: „Sie haben mir gesagt, wenn ich kein Los mit den Ziffern eins – vier – neun finde, soll ich kaufen, was ich will. In der Nähe gab es einen Stand mit dampfenden Maiskolben, und sie dufteten so lecker! Da konnte ich nicht widerstehen: für die zehn Baht habe ich einen ganzen Korb voll Maiskolben bekommen. Hier sind sie!”

Was meint ihr? Was hat der Lehrer wohl mit all den Maiskolben getan?

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