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Beiträge · Dorfgeschichten von Christian Velder

Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
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Dorfgeschichten von Christian Velder
 
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Streit und Versöhnung

In einer Familie lebten einst der Vater, die Mutter und drei Kinder. In dieser Familie gab es oft Zank und Streit. Vater und Mutter stritten sich hin und her, und es war kein Ende. Und doch vermochten die Eheleute nicht, voneinander zu lassen. Jedes Jahr kam wieder ein Kind zur Welt, zuerst war es eines, dann zwei, schliesslich drei, und das vierte war auch schon unterwegs.

Eines Tages übertraf der Ehestreit an Schärfe alles bisher da Gewesene. Zerschnitten war das einigende Band, zerrissen bis zum Tode. An Versöhnung war nicht mehr zu denken, das gemeinsame Leben musste ein Ende finden. Weder der eine noch der andere vermochte dem Streit Einhalt zu gebieten, ihn beizulegen kam nicht in Frage, keiner hörte mehr auf den anderen. Erst als die Eheleute beide ganz erschöpft waren, ließen sie voneinander ab. Es war klar, nun war die Trennung da, die Scheidung unaufschiebbar, es ging an die Aufteilung der Vorräte und Besitztümer sowie die Verteilung der drei Kinder.

Die Aufteilung der Habe machte keinerlei Schwierigkeiten. Alles wurde zur Hälfte dem einen und zur Hälfte dem andren zugesprochen. Denn was die Familie besass, war seit der Hochzeit zusammengekommen, aus der Zeit davor hatte keiner von ihnen etwas in die Ehe mitgebracht. Alles, was sie hatten, gehörte also beiden zugleich, und zu gleichen Teilen sollte es den Eheleuten zugeordnet werden.

So geschah es, und wenn es auch hier immer wieder Streitigkeiten gab, zum Schluss war alles zu gleichen Lasten verteilt. Am Ende herrschte bei den beiden eitel Zufriedenheit, denn es war gerecht zugegangen, und alles hatte seine Richtigkeit.

Nun ging es um die drei Kinder, und das wurde zu einem großen Problem. Das Ungeborene würde an der Mutter Busen genährt werden müssen, der Vater hätte keine Milch auftreiben können, also gehörte das Kind zur Mutter. Der Vater fragte die erstgeborene Tochter:

“Mein Baby, bei wem willst du von nun an leben, bei mir, deinem Vater, oder bei deiner Mutter?”

Die Älteste schwieg und dachte nach. Schließlich gab die Liebe zur Mutter ihr die Antwort ein:

“Dein Baby will bei der Mutter bleiben, denn immerfort muss es sich nach ihr sehnen.”

Dem Vater war es recht. Er widersprach nicht.

“Wenn mein Baby bei der Mutter bleiben will, in Ordnung, Vater hat nichts dagegen. Aber nun bist du, die Mittlere, an der Reihe, bei wem möchtest du bleiben, sprich!”

Die Zweitgeborene zögerte nicht, sie gab ihre Antwort sofort und sagte:

“Dein Kind will auch bei der Mutti sein, denn seine Sehnsucht nach ihr ist groß.”

Der Vater krauste die Stirn, aber er beherrschte sich und sprach:

“Mach, was du willst, dein Vater sagt dazu nichts, aber du, meine Kleinste, bei wem willst du sein, willst du bei mir, deinem Vati, bleiben, oder gar mit der Mutter gehen?”

Doch auch die Letztgeborene gab keine andre Antwort als ihre älteren Schwestern:

“Dein Kind will bei seiner Mutti bleiben wie die Geschwister!”

Der Vater wusste nicht, was er tun sollte. Er sah keinen Ausweg. Schließlich fasste er sich und sprach:

“Oeh, gut, meinetwegen. Ihr wollt also alle bei der Mutter bleiben. Niemand will mit mir gehen. Recht so. Wenn dem so ist, dann will auch ich wie ihr bei der Mutter bleiben.”

Nun war die Einigkeit vorerst wiederhergestellt. An diesem Tage gab es keinen Streit mehr. Alles schien in bester Ordnung.

In den kommenden Jahren kam ein neues Familienmitglied nach dem anderen dazu. Die Familie vergrösserte sich in regelmässigen Abständen, bis sie schliesslich zu zwölft waren. Denn der Streit hatte nicht aufgehört, und nach jedem Streit hatte es eine Versöhnung gegeben, und jedes Mal ward wieder ein Kind auf die Reise geschickt...

 
 
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