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Beiträge · Dorfgeschichten von Christian Velder

Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
Unsere Autoren
Dorfgeschichten von Christian Velder
 
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Guter Freunde schlechter Dienst

Onkel Kham ist ein Mann in mittleren Jahren. Er trinkt jeden Tag seinen Schnaps. Wegen seines unregelmässigen Lebenswandels haben Frau und Kinder ihn verlassen. Achtung und Anerkennung hatten die Leute im Dorf ihm längst entzogen. Weil ihn das störte, entschloss er sich, sein Leben zu ändern. Er wollte Verdienste erwerben für sein zukünftiges Dasein. Er ging also in den Tempel, um Predigt und Auslegung zu hören, bei Vollmond, Halbmond und Neumond, den heiligen Tagen.

Die Dorfbewohner sahen es mit Staunen und einige sogar mit Bewunderung.

Eines Nachmittags, als Onkel Kham gebadet und gespeist hatte, ging er aus dem Haus, Blumenopfer, Räucherstäbchen und Kerzen in der Hand. Auf dem Wege zum Tempel musste er einen Wald durchqueren. Da sah er vor sich ein paar Freunde, Schnapskehlen wie er selbst es gewesen. Er konnte das Getränk, das sie bei sich führten, riechen, denn der Tonkrug war undicht und tropfte.

Als die Freunde Onkel Kham wahrnahmen, wie er sie zu überholen trachtete, hielten sie ihn an und riefen:

“Onkel Kham, wo willst du denn so schnell hin?”

Er wendete ihnen das Gesicht zu und atmete den Schnapsgeruch ein, den sie ausströmten. Er antwortete:

“Ich gehe, um die Predigt im Tempel zu hören. Ich bin alt und träge geworden, seht ihr, da will ich nichts mehr falsch machen.”

Die Freunde erinnerten sich, was für ein Schnapskenner Onkel Kham gewesen, der schon vom Geruch her sagen konnte, dieser Schnaps ist gut, jener nicht. Sie fischten eine Schnapskelle aus dem Schnappsack, die kleinste, die sie hatten, schöpften damit ein wenig aus dem Tonkrug und hielten Onkel Kham das gefüllte Näpfchen vor die Nase.

Er zögerte. Was sollte er tun? Er wollte im Tempel Predigt und Auslegung der Schriften hören, aber hier waren seine alten Freunde, die ihm verführerische Reden zuflüsterten und ihm von ihrem Schnaps zu kosten geben wollten. Wenn er ablehnen würde, könnten seine Freunde sich beleidigt fühlen. Auch war es nur ein kleines Schlückchen, das sie ihm angeboten.

Schliesslich legte er Blumengebinde, Räucherstäbchen und Kerzen ins Gras und sagte:

“Gut. Ihr habt mir eine Kostprobe angeboten. Ich will euren Schnaps für euch verkosten. Aber ich nehme nur ein ganz klein wenig, befeuchte damit Lippen und Gaumen, um den Tropfen zu schmecken, mehr will ich nicht und auch nur einmal!”

Die Freunde waren es zufrieden. Onkel Kham würde seinen Mund befeuchten, um den Geschmack zu prüfen. Sie sagten:

“Los, Onkelchen, trink ein wenig, trink nur einmal, folge deinem Herzen, wir geben dir Bescheid und trinken mit dir!”

Onkel Kham lächelte. Die Freunde hatten seine Bedingung angenommen. Er war zufrieden, leerte die Kelle, beugte sich vor, wählte eine grössere, schöpfte sie voll, trank sie leer, schöpfte wieder, und es wurde ihm ganz warm. Sie tranken zusammen den halben Tonkrug leer, Kelle um Kelle, und wurden nur immer durstiger davon.

Als der Tonkrug leer war, rief Onkel Kham:

“Höh... euer Schnaps ist wirklich gut, besser als alles, was ich je getrunken, ich muss euch dafür danken.”

Wenige Augenblicke später machte sich die Kraft des Getränkes bemerkbar. Onkel Kham konnte nicht mehr zum Tempel gehen, auch stehen nicht mehr, er hockte sich nieder zu den Freunden, und mit lallender Stimme unterhielten sie sich. Einer der Freunde machte sich lustig über Onkel Kham:

“Onkelchen, was, du willst nicht mehr zum Tempel gehen, nicht mehr, die Predigt, nicht das Wort der Schriften hören?”

Der Angesprochene erwiderte lächelnd:

“Heute geh’ ich nicht. Es heisst, der Abt ist heute abwesend, ein Vertreter soll statt seiner predigen. Das finde ich unpassend. Deshalb geh’ ich nicht hin! Drum gebt mir noch eine Kelle oder zwei von eurem Schnaps!”

So war’s. An jenem Tage ging Onkel Kham nicht weiter. Er war betrunken. Sein Körper sank in sich zusammen und begrub die Tempelblumen, die Räucherstäbchen und Kerzen unter sich. Einer der Freunde fragte:

“Bist du gar betrunken, wie kommt das denn?”

“Weil ich mein Herz nicht bezwingen kann”, kam langsam und tonlos die Antwort.

 
 
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