Rote Zähne, amerikanische Pin-ups und hoffnungsvolles Warten – Das Leben im Flüchtlingslager Mae La
Ein alter Mann kommt mir aufgeregt hinterhergelaufen. „Kommen Sie, kommen Sie in mein Haus“, ruft er in gebrochenem Englisch und stellt sich als Saw Tha Ker vor. Es passiert nicht oft, dass Besucher, zumal noch ein Europäer, im Flüchtlingslager Mae La auftauchen, das 62 Kilometer nördlich von der thailändischen Stadt Mae Sot liegt, die Zugänge bewacht von Soldaten. Während ich der Einladung Folge leiste und im strömenden Monsunregen die wackelige Bambusleiter hinauf in die Hütte klettere, sagt Saw Tha Ker im Brustton der Überzeugung: „Früher oder später kann ich nach Amerika ausreisen.“
Die Hoffnung, nach Amerika zu gehen, haben die meisten der 44.000 Menschen in dem Lager im Dschungel an der thailändisch-birmanischen Grenze. Sie sind Flüchtlinge aus Birma. Gut 80 Prozent der Bewohner von Mae La gehören zum Volk der Karen, die von dem in Birma seit 1962 herrschenden Militärregime brutal verfolgt und grausam unterdrückt werden. „Die USA nehmen jährlich etwa 14.000 Flüchtlinge aus Birma auf“, sagt Brian Solomon von der holländischen Flüchtlingshilfeorganisation ZOA, die in Mae La und den sechs anderen Lagern mit insgesamt 150.000 Birmaflüchtlingen in Thailand für die Schulund Berufsausbildung der Flüchtlingskinder zuständig ist. ZOA gehört zu den im „Thai Burma Border Consortium“ (TBBC) zusammengeschlossenen Hilfsorganisationen, die die Flüchtlingslager betreiben und von Nahrung über Kleidung bis zur medizinischen Versorgung alles bereitstellen, was die Menschen in den Lagern zum Leben brauchen.
Gegenüber von Saw Tha Kers Haus liegt die katholische Kirche des Lagers. Vielleicht 800 Katholiken leben in Mae La. Die Mehrheit der Karen aber ist buddhistisch. Unter dem Haus im kühlen Schatten und geschützt vor dem Monsunregen spielen Kinder. „Die sind alle im Lager geboren“, sagt Maung Day Htoo, der katholische Pfarrer. Die Zähne des Priesters sind vom Kauen der leicht narkotisierenden Betelnüsse rot. In Mae La lebt Maung Day Htoo seit anderthalb Jahren. Vorher war er in anderen Lagern. Aus dem Karen-Staat in Birma ist er schon 2005 geflohen. „Sie mögen keine Karen“, sagt er schlicht über das Militärregime in Birma. Und: „Ich habe soviel Gewalt erlebt.“
Saw Kwehsay hat die Brutalität der Soldaten der Tatmadaw, wie die Juntageneräle ihre Armee nennen, als Kind erlebt, bevor er mit seiner Familie nach Mae La flüchten konnte. „Haben Sie den Film ‚Rambo IV’ gesehen“, fragt der heute 33-jährige Mitarbeiter der Oppositionsgruppe „Burma Issues Peace Way Foundation“ in Bangkok. „Darin wird die Gewalt der birmanischen Armee gegen mein Volk gezeigt. Es gibt ein paar hollywoodtypische Übertreibungen, aber im Großen und Ganzen entspricht es der Realität. Sie brennen unsere Häuser und Felder nieder.“
Experten schätzen, dass innerhalb Birmas mindestens eine halbe Million Karen auf der Flucht vor der birmanischen Armee sind. Erst Ende Juli hatte die Tatmadaw eine militärische Offensive gegen Einheiten der „Karen National Liberation Army“ (KNLA) gestartet. Nur wenige der Flüchtlinge innerhalb Birmas haben die Chance, sich in eines der Lager in Thailand retten zu können. Steward, der so etwas wie der „Elder Statesman“ in Mae La ist, weiß: „Mehr als 5.000 Flüchtlinge leben in Lagern auf der anderen Seite, sie werden bedrängt und bedroht von der birmanischen Armee, aber das thailändische Militär lässt sie nicht rüber. Die Thais wollen keine neuen Flüchtlinge aufnehmen. Sie sind zu gut befreundet mit der Militärregierung in Birma, und die sieht in uns keine Flüchtlinge, sondern Rebellen.“
Die Karen sind derzeit die einzige ethnische Gruppe in Birma, die sich noch mit einer eigenen Armee gegen das birmanische Militär stellt. Die anderen ethnischen Gruppen Birmas haben mit dem Regime brüchige Waffenstillstandsabkommen getroffen. „Unser politisches Ziel ist eine föderale demokratische Union Birma, in der der Karen-Staat ein Mitglied wäre“, sagt David Taw, im thailändischen Chiang Mai lebender „Außenminister“ der Karen.
Auf den Straßen und in durch den Regen aufgeweichten matschigen Gassen zwischen den von den Flüchtlingen selbst im traditionellen Still auf Stelzen gebauten Holzhütten mit Dächern aus Palmblättern geht es geschäftig zu. Junge Burschen flitzen mit Mopeds umher, Kinder spielen am Straßenrand, Hausfrauen in bunten Sarongs holen Wasser aus den Brunnen oder machen in den kleinen Lagerlädchen Besorgungen. Obwohl die Flüchtlinge mit Lebensmittel durch das TBBC versorgt werden, reicht es nicht immer, und sie müssen sich Lebensmittel kaufen. Nur sehr wenige Familien bauen selbst etwas Gemüse an. Das Lager ist hoffnungslos überfüllt, die Hütten stehen dicht an dicht, da ist kein Platz für Gärten. Das zu mehr als einem Drittel aus Mitteln der EU finanziert TBBC hat zudem die Sorge, durch die steigenden Preise für Reis und andere Nahrungsmittel die Flüchtlinge nicht mehr ausreichen ernähren zu können.
Viele Familien sind arm, und obwohl die Läden im Lager keine Wucherpreise verlangen, können sie sich keine Zusatznahrung leisten. Andere wiederum haben genügend Geld, um sich gar ein Moped, einen Fernseher und den nicht gerade billigen Lagerstrom leisten zu können. Verwandte, die es in die USA, nach Australien oder Europa geschafft haben, schicken regelmäßig Geld auf Konten von Mittelsmännern in Mae Sot, die es dann gegen eine nette Provision den eigentlichen Empfängern im Lager bringen. Es gibt keine Bank in Mae La, und aus dem Lager lassen die thailändischen Behörden die ungeliebten Flüchtlinge aus der Sorge nicht, sie könnten das Heer der mehreren hunderttausend Birmanen, die bereits illegal in Thailand leben, noch vergrößern.
Aber die Geschäftigkeit ist auch trügerisch. Die allermeisten Flüchtlinge haben nichts zu tun, denn Jobs sind rar im Lager. Die Lagerverwaltung, das Krankenhaus, die Schulen bieten Jobs für etwa 2.000 Menschen. Davon beschäftigt ZOA etwa 700 als Lehrer und Ausbilder. Die Lagerökonomie ist aber zu klein, um allen jungen Leuten, die ein Handwerk wie Auto- und Motorradmechaniker, Computertechniker oder Friseur erlernt haben einen Arbeitsplatz bieten zu können. „Sie lernen für die Zukunft. Wenn sie in ein Drittland ausreisen können, haben sie wenigstens berufliche Grundkenntnisse“, sagt Steward und fügt mit einem traurigen Lächeln hinzu: „Die Ausbildung wird auch von Nutzen sein, sollten wir eines Tages in unsere Heimat zurückkönnen.“
Der weit über 70 Jahre alte Steward lebt mit seiner Familie seit fast zwanzig Jahren in Mae La, wo er die Geburt seiner inzwischen fast erwachsenen Enkelkinder erlebt hat. Steward gehört zu den vielen Karen in Mae La, die nicht eine Ausreise in ein Drittland anstreben, sondern geduldig im Lager auf die Rückkehr in ihren Karen-Staat in einem freien Birma hoffen. Das schafft Spannungen zwischen den beiden Gruppen. Die, die in ein Drittland wollen, integrieren sich nicht so leicht ins Lager, das sie als Durchgangsstation sehen. Steward sagt: „Es sind natürlich auch Lehrer, Ärzte und andere gut Ausgebildete unter den Auswanderern, die dann hier im Lager fehlen.“
Auch Saw Tha Ker ist gut über 70 und eine Chance, nach Amerika zu kommen, hat er nicht wirklich. Aber er wartet und hofft. Seine Zeit vertreibt sich Saw Tha Ker mit Zeichnen. Kinder sind sein Lieblingsmotiv, wie auch Porträts der birmanischen Oppositionspolitikerin Suu Kyi. Die Bilder hängt er an den löcherigen Bambuswänden seiner Hütte auf, neben einem Riesenfoto der Mönchsdemonstrationen in Rangun vom vergangenen Herbst und einem großformartigen Pin-up-Girl. Wenn man nicht selbst nach Amerika kann, dann holt man sich eben Amerika in die Hütte.
Von Michael Lenz |