Die Glosse:
Wie war’s im Fernsehn doch vordem für Zuschauer so angenehm…
Die Rede ist von der DEUTSCHEN WELLE. 18 Uhr einschalten:
„Hier ist das Journal von DW-TV aus Berlin. Mein Name ist Birgit Keller.“
„Mein Name ist Olaf Krieger. Von mir gleich die Wirtschaft.“
Wer wollte, tat sich hinterher noch „euromaxx“ an – Leben und Kultur in Europa.
„Im Studio Corinna Wolters.“
„…und ich freue mich, dass Sie dabei sind.“
Aber das war es dann auch schon. Ansonsten: Wiederholungen, Wiederholungen, Wiederholungen. Von „Focus“ zu „Quadriga“, von „Kultur 21“ zum „Projekt Zukunft“, von „Politik direkt“ zu „Bundesliga Kick-Off.“ Immer noch mal und immer noch mal, rauf und runter, hin und her.
Alle zwei Stunden der gleiche Sermon.
Und oft schwelte in mir die Sehnsucht nach ARD und ZDF, nach 3SAT und Sat1, nach „Tagesschau“ und „heute“, nach „Tatort“ und „Sportschau“.
„Man kann nicht alles auf einmal haben“, sagte meine realistische Nachbarin, „Meer und Berge, Sonne und Schnee und hinterher Apres-Ski unter Palmen.“ Sie hatte ja so recht, die Gute.
Außerdem hatte dieses DW-TV ja auch sein Gutes: Spätestens nach einer Stunde konnte man abschalten und hatte alles gesehen und gehört: Von Birgit die Krise bei Opel, von Olaf die Krise an der Börse und von Corinna? Ich weiß nicht mehr, aber die hatte auch ihre Krise. Nur ich hatte jetzt Freizeit, die Welt stand mir offen: Abendessen bei Helmut? Freunde besuchen? Zum „German-Club?“ Wie wär’s mit einem Skatabend? Oder sollte ich mal wieder…? Nein! Aber vielleicht doch?…Nein! Allein der Gedanke daran macht mich … Hör auf! Immerhin: Eine Welt voller Möglichkeiten tut sich auf in Pattaya!
Und das alles ist jetzt auf einmal vorbei. Aus und vorbei. Von heute auf morgen. Ab Anfang März stimmt die Welt für mich nicht mehr. Aus der Deutschen Welle ist „DW-TV-ASIA“geworden, eine Flutwelle, ein Brecher, der mein Leben total umgekrempelt hat.
Ich schalte den Fernseher an, und was sehe ich? Kerner und Beckmann, Illner und Maischberger, die ZDF-Reportage und den Presse-Club, Mona-Lisa und den Länderspiegel.
Alles, was im ZDF und bei der ARD gut und teuer ist, wird mir plötzlich frei Haus geliefert.
Stundenlang, nächtelang sitze ich jetzt vor meinem Fernseher. Ich versäume wichtige Termine, versetze meine Freunde, vernachlässige sogar mich selbst. Wenn ich jetzt duschen gehe, kommt bestimmt irgendeine spannende Sendung. Der Kühlschrank ist auch längst leer, aber das macht nichts. Ich habe den Lieferdienst „Door 2 Door“ entdeckt, sozusagen Essen auf Rädern für Fernsehsüchtige.
Der Grund dafür ist natürlich: Ich habe das Sendeschema noch nicht durchschaut, wenn es denn überhaupt eines gibt, was ich sehr bezweifle.
Will ich zwischendurch mal ganz schnell die Sportergebnisse vom Wochenende sehen: Pustekuchen! Nur auf Englisch. Verstehe kein Wort. Da habe ich in der Schule immer die Masern gehabt. Aber die Einblendung kann ich lesen: „Wir haben uns besser auf Sie eingestellt.“ Wer? Wann? Wo? Und auf wen?
Gerade habe ich wieder eingeschaltet in der Hoffnung, die neuesten Nachrichten zu sehen. Nix da! Die Sendung heißt „Lanz kocht“.
Ich koche auch. Und wie! Ich schalte den Fernseher aus, dusche, ziehe mich fein an und fahre in die Stadt. Im Club: „Ausfall wegen Krankheit.“ Bei den Skatbrüdern: „Auf morgen verschoben.“ In der Kneipe: „Ach, der Herr lässt sich auch mal wieder blicken.“ Ich versuche, meinen Kumpels die Situation zu erklären. Vergeblich. Eine Runde ist fällig und noch eine. Erst dann ist der alte Frieden wieder hergestellt, äußerlich.
Aber in mir rumort es nach wie vor:
Verdammt noch mal! Ich will die alte „Tante Deutsche Welle“ wiederhaben. Sie ist uns alten Expats hier doch irgendwie ans Herz gewachsen. Wir haben uns an sie gewöhnt wie an unseren alten verschlissenen Fernseh-Sessel. Aber die in Berlin können das nicht nachempfinden. Wenn die etwas ändern, dann gründlich. Dafür sind sie Deutsche.
Und die nächste Sendung heißt dann natürlich: „Typisch deutsch.“
So sind sie. Genau so!
(ce-eff) |