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Nachrichten · Die neusten Nachrichten aus Thailand
Letzte Aktualisierung: 07.02.2010
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Was hat die Führungsakademie der Bundeswehr mit Rama V. zu tun?

Oder: Wie eine einfache Fragestellung zu einem spannenden Ausflug in die Geschichte Thailands geriet

Podiumsdiskussion der Konrad-Adenauer-Stiftung Bangkok am 9. April 2009 im Mandarin Oriental Hotel in Bangkok. Neugierde ist eine der Grundvoraussetzungen für einen Journalisten. Wenn sich dazu noch ein gerüttelt Maß an Zufall gesellt, kommt bisweilen eine Geschichte dabei heraus, wie sie nur das Leben schreiben kann.

Man könnte die folgende wahre Begebenheit auch unter der Fragestellung sehen: Was interessiert den Urlauber und Residenten in Thailand die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg?

Vorab ein kurzes Wort zur Führungsakademie der Bundeswehr (FüAkBw). Sie ist die höchste Ausbildungsstätte für die Offiziere der Bundeswehr und damit das, was Sandhurst für das Vereinigte Königreich oder Westpoint für die USA ist. Aber, sie bildet nicht nur den Führungsnachwuchs der deutschen Streitkräfte aus, sondern bietet seine Lehrgänge auch international an. Auf dem Lehrgang Generalstabs-Admiralstabsdienst mit internationaler Beteiligung (LAGI) finden sich jährlich etwa 70 Offiziere aus in der Regel mehr als dreißig Nationen ein – darunter auch immer Offiziere der thailändischen Armee! Da die gemeinsame Lehrgangssprache Deutsch ist, beginnt die zweijährige Ausbildung zunächst mit einem intensiven Sprachtraining an der Bundessprachenschule in Hürth bei Köln. Daran schließt sich ab September jeden Jahres die militärische Ausbildung in

Hamburgs noblem Vorort Blankenese, dem Sitz der Akademie, an. Sie endet jeweils im Juni des darauf folgenden Jahres. Nach ihrer Ausbildung an der „kleinen UNO“, wie die Akademie wegen ihrer Internationalität auch immer wieder gerne genannt wird, erreichen die Teilnehmer nicht selten hohe und höchste Führungspositionen in den Streitkräften ihrer jeweiligen Heimatländer.

Vor diesem Hintergrund, so meine Überlegung, wäre es doch sicherlich einmal interessant, einen thailändischen Absolventen des LGAI einige Jahre nach seiner Ausbildung in Hamburg über seinen weiteren militärischen Werdegang zu befragen und dabei gleichzeitig herauszufinden, welchen Nutzen er, aus der Rückschau betrachtet, aus den zwei Jahren Deutschland für sich ziehen konnte. Wo aber findet man einen Absolventen, der sich für ein solches Interview zur Verfügung stellt?

Der Militärattaché der deutschen Botschaft in Bangkok machte mir wenig Hoffnung, da eine Alumni-Organisation, über die man Kontakt zu seiner ehemaligen „Alma Mater“ halten kann, seitens der Führungsakademie erst im Aufbau begriffen sei. Im Übrigen, sobald der militärische Alltag den ehemaligen Lehrgangsteilnehmer wieder fest im Griff habe, lasse auch zwangsläufig dessen Interesse an Deutschland nach.

Auf meiner Suche nach einem geeigneten Gesprächspartner kam mir der Zufall zur Hilfe. Anlässlich des diesjährigen 60-jährigen Bestehens der NATO veranstaltete die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) am 9. April 2009 im Mandarin Oriental Hotel in Bangkok eine Podiumsdiskussion. Neben dem Bundestagsabgeordneten Dr. Karl Lamers würde gemäß Programm unter anderem auch der thailändische General Vaipot Srinual, Deputy Permanent Secretary at the Ministry of Defense, an der Diskussion teilnehmen. Eine Rücksprache bei der KAS bestätigte meine Vermutung, dass sich für diese Veranstaltung eine ganze Reihe weiterer thailändischer Offiziere als Zuhörer angemeldet hatte. Darunter musste, so schloss ich, doch auch einer sein, der einen Teil seiner Ausbildung in

Hamburg gemacht hatte. Dies um so mehr, da es sich um ein Thema handelte, das eher den westlich orientierten Offizier anging, als den asiatisch ausgerichteten.

Ich hatte mich in meinen Überlegungen nicht getäuscht. Schon bald stand ich einem thailändischen Offizier in Zivil gegenüber, der sich mir in nahezu tadellosem Deutsch als Oberst i.G. M.R. Varoros Paribatra vorstellte, Absolvent des LGAI 94 Heer. Volltreffer! Welches Juwel mir dabei allerdings in den Schoß gefallen war, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Er stimmte zu, gleich zur Sache zu kommen, weil er am Ende der Veranstaltung diese unverzüglich zu verlassen beabsichtigte, da er ausgerechnet in jenen Bereich der Stadt zurück müsse, in dem seit Tagen die politischen Demonstrationen stattfänden.

Seine augenblickliche Funktion, so der der Oberst, sei die eines Offiziers im Stab des thailändischen Verteidigungsministers. Viele Gelegenheiten, Deutsch zu sprechen, habe er nicht mehr, aber gerade erst vor drei Wochen sei er auf Dienstreise bei der Rüstungsfirma Kraus-Maffei in München gewesen. Kontakte zu ehemaligen Lehrgangskameraden oder Dozenten aus

Hamburg gäbe es keine mehr, mit einer Ausnahme: Mit dem heutigen Brigadegeneral Ali Saiful aus Bangladesh, stehe er nach wie vor in enger Verbindung.

Ob denn die Teilnahme an dem Lehrgang an der Führungsakademie in Hamburg für seine militärische Laufbahn wichtig gewesen sei, frage ich ihn. Oberst Varoros nickt heftig mit dem Kopf:

„Die Philosophie des Krieges habe ich erst in Hamburg richtig kennen gelernt.“

Haben Sie denn in ihrer militärischen Ausbildung zuvor nicht die Lehren von Sun Tsu studiert?“

„Schon, aber das ist nicht zu vergleichen! Den philosophischen Überbau habe ich tatsächlich erst durch die Lehren von Clausewitz verstanden. Da hat die Führungsakademie ganze Arbeit geleistet.“

Ich lobe den Oberst für sein ausgezeichnetes Deutsch, aber er winkt lächelnd ab:

„Da müssen Sie sich erst einmal mit meinem 19-jährigen Sohn Vorapinit unterhalten, der spricht fließend Deutsch und wird wohl in Kürze in Deutschland studieren. Seine bevorzugte Universität ist übrigens Hamburg! Sie müssen wissen, dass er damit eine Tradition in der Familie fortsetzt: Mein Großvater hat schon einen Teil seiner militärischen Ausbildung vor dem Ersten Weltkrieg an der Kriegsschule in Kassel absolviert.“

Überrascht frage ich ihn nach dem Namen seines Großvaters.

„HRH Prinz Paribatra Sukhumbandhu, Prince of Nakorn Savarn“ schreibt er mir auf ein Blatt Papier, als ich ihm signalisiere, dass ich den Namen nicht verstanden hätte. Der am 11. Januar 2009 zum 15. Gouverneur von Bangkok ernannte M.R. Sukhumbhand Paribatra sei übrigens sein älterer Bruder. Als er mir schließlich die Abkürzung M.R. in seinem und seines Bruders Namen erläutern will, müssen wir abbrechen, weil die Gastgeberin des Abends, die Leiterin der Konrad-Adenauer-Stiftung Bangkok, Dr. Cannan Atilgan, mit der Begrüßung der Gäste den Abend eröffnet. Oberst Varoros schreibt mir noch schnell seine Email-Adresse auf, und wir verabreden, weitere Fragen über diesen Weg zu klären.

Während der Podiumsdiskussion rekapituliere ich gedanklich das zuvor Geschehene. Dass ich mit Oberst i.G. M.R. Varoros Paribatra, wie eigentlich ursprünglich gewünscht, einen ehemaligen thailändischen Lehrgangsteilnehmer der Führungsakademie angetroffen hatte, trat plötzlich in den Hintergrund vor der Tatsache, dass ich in seiner Person einem Ur-Enkel von König

Chulalongkorn gegenüber gestanden hatte, der 1868 im Alter von 15 Jahren als Rama V. der fünfte König der Chakri-Dynastie gewesen war.

Um die adelige Herkunft des Offiziers richtig einordnen zu können, müssen wir einen kurzen Blick in die Geschichte Siams, dem heutigen Thailand, werfen.

Im Jahr 1782 stürzte General Chakri den damaligen König Taksin und bestieg selbst den Thron. Durch die Übernahme der Macht begründete er als Rama I. die Chakri-Dynastie, die mit dem augenblicklichen Herrscher, König Bhumibol Adulyadeij (Rama IX.) bis heute fortbesteht.

König Chulalongkorn (Rama V.) herrschte von 1868 bis 1910. Er hatte mit mehreren adeligen Damen und Kurtisanen insgesamt 77 Kinder, von denen 33 Söhne und 44 Töchter waren. Die große Anzahl männlicher Nachkommen entsprach durchaus einem weitsichtigen Kalkül, nämlich mit ihnen das damalige Siam in die moderne Zeit zu führen. Dazu bedurfte es gut ausgebildeter und in der Welt umhergereister Persönlichkeiten, die absolut loyal zum König standen und diesen in seinem Sinn unterstützten. Was lag also näher, als die eigenen Söhne in die Welt hinauszuschicken, bevor er ihnen wichtige Schlüsselpositionen im Staat anvertraute. Einer von ihnen war der Großvater von Oberst Varoros, der an die Kriegsschule in Kassel entsandt wurde, und nach seiner Rückkehr einer der einflussreichsten Offiziere des Landes wurde. Er übernahm den Posten des Verteidigungsministers, des Innenministers und wurde schließlich Berater von Rama VI. und Rama VII., seinen beiden Halbbrüdern.

Während seiner 42-jährigen Regentschaft gelang es König Chulalongkorn, eine am westlichen System ausgerichtete Regierung zu bilden, mit der er letztlich den Grundstein legte für Thailands heutige Demokratie. Durch geschickte Politik schaffte er es zudem, Siams Unabhängigkeit zu sichern und das Land so, ganz im Gegensatz zu anderen asiatischen Ländern, vor dem begehrlichen Zugriff der Kolonialmächte England und Frankreich zu bewahren.

Der Großvater von Oberst Varoros, Prinz Paribatra Sukhumbandhu, wurde 1881 als 33. Kind (und 13. Sohn) Ramas V. geboren. Er starb 1944. Er hatte acht Kinder mit der Prinzessin Prasongsom Paribatra und zwei weitere Söhne aus einer bürgerlichen Beziehung. Einer dieser Söhne ist Prinz Sukhumbhinanda. Dieser absolvierte seine Ausbildung in Indonesien und später an der Georgetown University, USA. Er wurde Bankier und war Vizepräsident des thailändischen Roten Kreuzes. Er war der Vater von Oberst Varoros und dessen älterem Bruder Sukhumbhand, dem jetzigen Gouverneur von Bangkok.

Was machte die ganze Geschichte nun eigentlich so interessant? Nun, ich denke, es ist das Zufällige, das Ungeplante und Überraschende. Von einer gänzlich anderen Fragestellung ausgehend, stand ich plötzlich einem aktiven thailändischen Offizier gegenüber, der nicht nur ein Spross der Chakri-Dynastie ist, sondern dessen Großvater der 13. Sohn von Rama V. war und einen Teil seiner Ausbildung im hessischen Kassel gemacht hatte. Sein Enkel hatte die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg absolviert, und dessen Sohn Vorapinit schickt sich nunmehr an, die Tradition seiner Vorfahren fortzusetzen, wenn er demnächst in Deutschland studieren wird!

Lothar W. Brenne-Wegener

 
 
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