„Better City, Better Life“ – „Bessere Stadt, besseres Leben“
Bei der EXPO-2010 in Shanghai geht es um das Leben in den wachsenden Metropolen unserer Welt
Machen wir uns nichts vor: während die USA ihre Ressourcen im Irak, in Afghanistan und demnächst wohl auch in Pakistan vergeuden, die Europäische Union ihre Kräfte in der Rettung ihrer Gemeinschaftswährung, dem Euro verzehrt, während dem oft als solches gepriesenen „Übermorgenland“ Dubai trotz aller gegenteiligen Beteuerungen langsam aber sicher die Puste auszugehen scheint, feuert Shanghai zur Eröffnung seiner Weltausstellung „Expo-2010“ ein noch größeres Feuerwerk ab, als es die Welt bereits zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking gesehen hat.
Wer bis heute immer noch nicht begriffen hat, dass Europa und die USA von gestern sind, und die Golfanrainerstaaten weiterhin nur eine Nebenrolle auf der Weltbühne spielen werden, wer nicht sieht, wie die Chinesen dem Rest der Welt, vor allem aber auch ihrer eigenen Bevölkerung, beweisen, dass die Zukunft in Asien stattfindet, der scheint an permanentem Realitätsverlust zu leiden.
Kontinuierlich und auf leisen Sohlen, ohne Rücksicht auf die bisweilen schrillen Töne aus dem Ausland, geht China unbeirrt seinen Weg in eine Zukunft, in der Demokratie und Menschenrechte, Political Correctness und Good Governance eher eine untergeordnete Rolle spielen gegenüber Stabilität und Wirtschaftswachstum. Ob ein Land mit 1,6 Milliarden Menschen damit letztlich nicht besser fährt, wird unseren Nachgeborenen die Geschichte zeigen. Aber, lassen wir diese grundsätzlichen Überlegungen heute einmal außer acht.
Einst: pädagogische Jahrmärkte...
Bisher galten die großen Weltausstellungen des vergangenen Jahrhunderts als geographisch-pädagogische Jahrmärkte, die zuerst den wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften gewidmet waren. Sie waren Schaufenster für menschliche Kreativität und Inspiration. Was 1851 in London noch mit einer Beschränkung auf die Darstellung industrieller Fähigkeiten und Fertigkeiten aller Nationen begann, geriet erst mit der Ausstellung 1898 in Paris und der dort zur Schau gestellten, phantastischen Vielfalt selbst zu einem Massenphänomen.
Die Expo 2010 schließt heute an diese Entwicklung an und schreibt sie zukunftsweisend fort. Wurde während der Expo 2000 in Hannover noch die Frage gestellt, ob Weltausstellungen überhaupt noch zeitgemäß sind, haben sie sich mittlerweile als Leistungsschauen für wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, technologischen und kulturellen Gedankenaustausch etabliert. Sie dienen als unverzichtbare Plattform zur Darstellung historischer Erfahrungen und Erkenntnisse, zum Austausch innovativer Gedanken, befördern einen modernen „Esprit de Corps“ und richten nicht zuletzt ihren Blick auf die gemeinsame Verantwortung für die Zukunft. Ganz nebenbei setzt China damit ein weiteres beeindruckendes Signal seiner künftigen Rolle in der Welt.
So ist denn auch das Motto der Weltausstellung „Bessere Stadt, besseres Leben“ mit Bedacht gewählt. Ziel der Macher der Expo ist es, die diesjährige Weltausstellung als Möglichkeit zu nutzen, den augenblicklichen Sachstand innerhalb der städtischen Entwicklung darzustellen und darauf aufbauend das gesamte Potential urbanen Lebens innerhalb des 21. Jahrhunderts zu erforschen. Augenblicklich leben 55 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Unter dieser Voraussetzung gerät die Zukunftsperspektive für ein Leben in den Städten zu einer Frage von globaler Bedeutung.
...heute: Darstellung von Zukunftsvisionen
Für die alptraumhafte Kunststadt Shanghai, die in den vergangenen Monaten einer gigantischen Baustelle glich, und in der über 18 Millionen Menschen leben, ist das Expo-Motto „Bessere Stadt, besseres Leben“ daher von fundamentaler Bedeutung. Der „Drachenkopf am Jangtse“ zählt zu den zehn größten Metropolen der Erde. In ganz China gibt es 175 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern. Shanghai hat weltweit den drittgrößten Hafen und hat sich in den letzten Jahren in direkter Konkurrenz zu Hong Kong zum wichtigsten chinesischen Börsenplatz entwickelt. Will man den staatlichen Medien Glauben schenken, so hat die Stadt umgerechnet 43,5 Milliarden Euro in die Weltausstellung gesteckt. Hunderte Kilometer einer neuen U-Bahn-Linie und neue Flughafenterminals gehören ebenso zu den indirekten Investitionen wie der grosszügige Umbau des Bunds, der berühmten Promenade am Huangpu.
Am 1. Mai ist sie nun eröffnet worden, die Show der Superlative, mit der sich China zugleich als Weltmacht der Zukunft in Stellung bringen will. Insgesamt werden während des Ausstellungszeitraums bis zum 31. Oktober 2010 an die 70 Mio. Besucher erwartet (bei der EXPO 2000 in Hannover waren es rund 18 Mio.). Auch wenn davon die größte Anzahl aus China selbst kommen wird, rechnet man mit bis zu fünf Millionen aus dem Ausland.
Dank finanzieller Hilfe aus Peking ist auch das verarmte Nordkorea erstmals auf einer Expo vertreten. Dass China darüber hinaus afrikanischen Nationen einen großen gemeinsamen Pavillon zur Verfügung gestellt hat, überrascht angesichts des chinesischen Engagements auf dem afrikanischen Kontinent nicht wirklich. Selbst die USA haben es sich mit Blick auf den lukrativen chinesischen Wachstumsmarkt nicht nehmen lassen, erstmals wieder mit einem eigenen Länderpavillon dabei zu sein. 60 Mio. US-Dollar hat Außenministerin Hillary Clinton dafür an Spenden eingesammelt, da nach US-Recht für solche Schauen keine öffentlichen Gelder ausgegeben werden dürfen. Die nächste Weltausstellung wird übrigens auch wieder in Asien stattfinden: unter dem Motto „The Living Ocean and Coast“ wird Yeosu in der Republik Korea vom 12. Mai 2012 an Gastgeber der Expo 2012 sein.
Lothar W. Brenne-Wegener |