Geldmaschine oder Artenschutz?
Buddhistischer Tigertempel in Thailand umstritten
Endlich ist Steven an der Reihe. Für ein paar Sekunden darf der Amerikaner neben dem ausgewachsenen Tiger laufen, den der Abt des buddhistischen Klosters Wat Pa Luangta Bua Yannasampanno wie einen Hund an der Leine führt. Eine Tempelmitarbeiterin im grünen Hemd schießt mit Stevens Kamera Fotos. Hochformat. Querformat. Zack, zack. Der Nächste, bitte. Steven ist entsetzt. „Das ist ja schrecklich kommerziell hier“, sagt er, während ein anderer Mitarbeiter des Tigertempels ihn in barschem australischen Englisch ans Ende der langen Schlange von Tigertouristen kommandiert, die im Gänsemarsch hinter Abt und Tiger zur „Tigerschlucht“ zieht. Der Andrang im Tigertempel in Kanchanaburi, nahe der Grenze zu Birma, ist in diesen Tagen besonders groß, steht doch dieses Jahr nach der chinesischen Tradition im Zeichen des Tigers.
Im runden „Tiger Canyon“, der eher an eine Kiesgrube erinnert, warten schon fünfzehn weitere Tiger unter der Obhut von über und über tätowierten Mönchen in ihren gelben Roben sowie eine Hundertschaft von Touristen ungeduldig auf den Tigertroß des Abts. In der „Tigerschlucht“ findet die eigentliche Fotosession statt, und die kostet richtig Geld. Das Gratisfoto mit dem Abt war nur der klassische Anfixer. Wer 2000 Baht oder umgerechnet 50 Euro „spendet“, darf sich neben einen Tiger setzen. Ein Mönch legt einem den Kopf der für das Fotoshooting losgeketteten Großkatze in den Schoß, ruckelt ihn noch ein wenig zurecht, damit das Foto ja recht schön wird. Die „Spende“ ist natürlich vor dem Fototermin zu entrichten. Sicher ist sicher.
Die Tiger geben sich ihrem nachmittäglichen Prozedere als Fotomodel ohne Knurren und Fauchen hin. „Tiger sind von Natur aus nachmittags faul. Dann schlafen sie eigentlich. Außerdem haben wir sie vorher gut gefüttert“, erklärt Abt Phoosit, der auch zu verstehen gibt, dass der buddhistische Gleichmut der Mönche sich auch auf die Tiger überträgt. Tierschützer haben an den nachmittäglichen buddhistischen Meditationsübungen der Tiger ihre Zweifel. In ihrem Report „Die Ausbeutung der Tiger“ wirft die Tierschutzorganisation "Care for the Wild" dem Tempel vor, die Tiere mit ganz weltlichen Mittelchen ruhig zu stellen und durch brutale Methoden, wie Schläge, den wilden Willen der Tiger zu brechen.
Alles begann 1999, als ein Bauer aus einem Dorf in der Nähe des Tempels ein Tigerbaby brachte, dessen Mutter von Wilderern umgebracht worden war. „Was sollte ich machen? Wir Buddhisten achten jede Form des Lebens. Ich musste also das Tigerbaby aufnehmen“, sagt der Abt. So kam über die Jahre ein Tiger zum anderen, der Tempel wurde berühmt und verdient viel Geld mit den Tieren. Über 50 Tiger leben nach Angaben des Abts heute auf dem Gelände des Tempels. Deren Herkunft ist aber unklar. Der Abt hingegen preist seinen Tigertempel als Beitrag zum Schutz der vom Aussterben bedrohten Tiger. Weltweit leben nach Expertenschätzungen nur noch etwa 4000 Tiger in freier Natur.
Das „Jahr des Tigers“ ist für die Tigerschützer eine Medaille mit zwei Seiten. Da ist die Sorge, dass gerade durch das Tigerjahr die Nachfrage nach Tigerkörperteilen, die eine große Rolle in der chinesischen Medizin spielen, sprunghaft ansteigen könnte. Michael Baltzer, Leiter der Tigerinitiative des WWF, klagt: „Wir haben in den letzten Jahren einen Anstieg der Tigerwilderei festgestellt.“ Es gibt aber auch die Hoffnung, dass durch das Tigerjahr die Regierungen der asiatischen Tigerstaaten von Indien über Thailand bis China bessere Schutzmaßnahmen für die Tiger einführen. Baltzer sagt. „Wir wollen erreichen, dass bis 2022, dem nächsten chinesischen Tigerjahr, die Zahl der wilden Tiger mindestens verdoppelt wird.“
Die Kritik an dem Tigertempel hält Touristen nicht davon ab, einmal im Leben auf Tuchfühlung mit einem lebenden Tiger zu gehen. Stevens Kommerzbedenken sind von einem Schwall von Glückshormonen verschüttet worden. Der 65-Jährige strahlt nach seinem Tiger-Tête-à-Tête „Das war einfach Wow.“
Michael Lenz
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