Allah und die Waria - Zu Besuch in einer Pesantren
Indonesische Transsexuelle folgen der Lehre des Islam
Thailand ist berühmt für seine Kathoeys. Aber auch in den anderen südostasiatischen Ländern sind Transsexuelle keine seltene Spezies. Die Waria in Indonesien zum Beispiel sehen sich eher als ein Drittes Geschlecht denn als Frauen. Im vor-islamischen animistischen Indonesien genossen die Waria als Wanderer zwischen den Welten eine gewisse gesellschaftlich-religiöse Akzeptanz. Religion steht auch im Mittelpunkt der Pesantren Khusus Waria – der Pesantren nur für Waria in Yogyakarta.
Mariani ist eine gläubige Muslimin. Aber wie die Transsexuelle nicht ihr Leben lang eine Frau war, so gehörte die 53-Jährige auch nicht immer dem Islam an. Die Mutter der neun Jahre alten Adoptivtochter Ariani war in eine katholische Familie in Yogyakarta in Zentraljava geboren worden. Aber selbst ihre Arbeit im Teenageralter in der Küche eines katholischen Klosters konnte sie nicht von einem Religionswechsel abhalten. „Ich habe mich immer zum Islam hingezogen gefühlt”, gesteht die für einen Javanesen ungewöhnlich große und kräftig gebaute Mariani mit einem sanften Lächeln.
Sonntagsgebet hinter Hühnerbraterei
Ausgerechnet durch das tragische Erdbeben in Yogyakarta im Jahr 2006 erhielt Mariani die göttliche Eingebung zur Gründung der Islamschule für ihresgleichen. Mehr als 6000 Menschen kamen durch das Erdbeben ums Leben, und Zehntausende fanden ihre Häuser schwer beschädigt oder zerstört. „Auch viele Transsexuelle waren von dem Erdbeben betroffen”, erzählt Mariani. „Wir haben für sie Spenden gesammelt und eine Gebetsveranstaltung organisiert. Die war sehr gut besucht, und mir wurde klar, dass viele von uns gläubige Muslime sind, deren religiöse Bedürfnisse aber von den traditionellen Pesantren nicht erfüllt werden.”
Jeden Sonntag um 18 Uhr versammeln sich transsexuelle Frauen und ein paar schwule Männer in dem in einem knalligen Orange gestrichenen Hinterzimmer von Marianis Schönheitssalon hinter einer Hühnerbraterei unweit des Sultanspalasts von Yogyakarta. Die Frauen sind vorschriftsmäßig islamisch gekleidet, komplett mit Hijab und weißen Gebetskleidern. Ein großes Schild mit der Aufschrift „Pesantren Khusus Waria“ weist den Weg. Die Nachbarn, allesamt Handwerker, Ladenbesitzer, Betreiber kleiner Warungs (Restaurants), stören sich nicht an der ungewöhnlichen Islamschule. „Alle unterstützen mich und meine Pesantren“, sagt Mariani.
Gut 15 Frauen und Männer sind an diesem Sonntag gekommen. Andächtig hören sie dem Ustad, einem Islamgelehrten, zu. Abdul Muiz schreibt ein paar Worte auf eine Tafel, spricht dazu, verbindet die geschriebenen Worte mit ein paar Pfeilen. Nach nur zwanzig Minuten ist der Korankurs auch schon vorbei. Dann wird gebetet.
„Heute habe ich über die Bedeutung der „Dankbarkeit“ gesprochen“, erklärt Abdul Muiz später. Der 33-Jährige in dem schönen javanischen Batikhemd will den Transsexuellen Gott näherbringen, ohne aber von dem missionarischen Eifer getrieben zu sein, die Männer und Frauen auf den rechten sexuellen Orientierungsweg zu bringen. „Die Geschlechter haben keine Bedeutung. Im Auge Allahs sind wir alle gleich“, sagt der unverheiratete Abdul Muiz mit Überzeugung.
Islamisten bestimmen die Schlagzeilen
Moderate Muslime bilden die Mehrheit der Muslime Indonesiens, das weltweit die Nation mit dem größten muslimischen Bevölkerungsanteil ist. Die Schlagzeilen aber bestimmen die Vertreter eines konservativen Islam, die lieber heute als morgen aus dem säkularen, demokratischen Indonesien einen Gottesstaat auf Grundlage von Koran und Scharia machen möchten. Die militanteste Organisation ist die „Islamische Verteidigungsfront” (FPI), die mit brutaler Gewalt gegen alles vorgeht, was ihr “unislamisch” scheint.
Mariani sagt, sie fürchte die „Islamische Verteidigungsfront” nicht und habe auch noch keine Drohungen erhalten. Vielleicht stimmt das, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall kann es gefährlich sein, die FPI zu kritisieren. Etwas über 30.000 Indonesier haben eine Petition im Internet gegen die FPI unterschrieben. Es könnten sehr viele mehr sein, aber viele trauen sich nicht. So wie Tom, ein schwuler Christ aus Yog-yakarta. „Ich würde gerne unterschreiben“, sagt der 32-jährige Werbefachmann, fügt jedoch hinzu: „Aber dann haben sie meinen Namen und könnten mich ausfindig machen.“
Klatsch und Lebenshilfe beim Tee
Nach Sonntagsschule und Gebet beginnt der gemütliche Teil. Tee wird serviert und ein Abendessen aus Reis und Tofusuppe. Man erzählt sich den neuesten Klatsch und Tratsch, Schminktipps werden ausgetauscht und auch Erfahrungen aus dem für Warias meist nicht einfachen Leben, das im konservativen Indonesien oft aus Diskriminierung, Spott und Ausgrenzung besteht. Viele unter Yogyakartas Warias verdienen sich tagsüber ein paar Rupien als Musikantinnen auf den notorisch verstopften, von Abgasen eingenebelten Straßen der Stadt und nachts als Prostituierte.
Nur ist ein wenig schüchtern. Sie ist erst vor kurzem aus dem Dorf nach Yogyakarta gekommen. „Sie haben mich vertrieben”, sagt sie leise. „Sie mochten mich nicht, weil ich anders bin.” Mit der Vertreibung hat die 40-Jährige ihr Einkommen verloren. In ihrem Dorf hatte sie einen kleinen Warung. In der Pesantren ist sie an diesem Abend zum ersten Mal. Nurs Schüchternheit verfliegt schnell. Die anderen Mädels haben sie mit offenen Armen empfangen. Da sitzen sie nun und plaudern und kichern, als wären sie seit Jahren die besten Freundinnen.
Michael Lenz |