Thai-Musik und Nudelsuppe statt Schlager und Rösti
Zu Besuch im Alzheimerzentrum Baan Kamlangchay in Faham
In Faham, einem idyllischen Vorort von Chiang Mai, wo Kinder unbetrübt auf der Straße Fangen spielen, die Luft rein ist und kleine gepflegte Vorgärten mit tropischen Blumenarrangements für Wohlfühlatmosphäre sorgen, liegt das Alzheimerzentrum Baan Kamlangchay, dessen Name sich mit „ermutigend“ oder „Begleitung des Herzens“ übersetzen lässt.
Seit nunmehr sieben Jahren leitet der Schweizer Martin Woodtli das Alzheimerzentrum unter Palmen, in dem Demenzkranke aus Deutschland und der Schweiz ihre letzte Lebenshälfte unter der Sonne Thailands verbringen. Der Anstoß zu dem ehrgeizigen Projekt erfolgte durch einen Schicksalsschlag in der eigenen Familie. Seine Mutter erkrankte an Alzheimer, woraufhin sich sein Vater kurz darauf das Leben nahm. „Er konnte den geistigen und körperlichen Verfall meiner Mutter nicht länger ertragen“, erklärt der 50-Jährige nachdenklich.
Mit dementer Mutter ausgewandert
Woodtli war somit vollkommen auf sich allein gestellt und betreute seine Mutter neun lange Monate rund um die Uhr zu Hause. In dieser Zeit besuchte er auch mehrere Pflegeheime in der Schweiz. Doch was er dort erlebte, schockierte ihn. „So kam es nicht selten vor, dass das Personal bei Zeitmangel die Patienten an das Bett fesselte, damit diese nicht ausbüchsten“, erzählt er schockiert. „Nein, das wollte ich meiner Mutter wirklich nicht antun.“
Da er Thailand und vor allem die liebenswerten Menschen bereits während seiner vierjährigen Arbeit in einem Aids-Projekt der Organisation Ärzte ohne Grenzen in Chiang Mai kennen lernte, beschloss er 2004 gegen die Bedenken von Freunden und Ärzten, mit seiner demenzkranken Mutter ins Königreich auszuwandern, um gemeinsam ein letztes Abenteuer zu erleben. „Natürlich gab es diesbezüglich viele Diskussionen. Doch was ist unmoralischer: Billige Pflegekräfte aus Osteuropa nach Deutschland beziehungsweise die Schweiz zu importieren oder sich die bestmöglichste Pflege im fernen Ausland zu suchen?“, so Woodtli. Somit war die Idee für das Projekt geboren, und nach dem Bekanntwerden des Alzheimerzentrums in den Schweizer Medien dauerte es nicht lange, bis die Telefone des Auswanderers heiß liefen.
Mittlerweile leben im Kreise seiner jungen Familie im Baan Kamlangchay zehn bis zwölf Alzheimer-Erkrankte in sechs Häusern, verteilt in dem kleinen Dorf. Rund 33 Betreuerinnen und Betreuer sorgen sich rund um die Uhr um ihr Wohl. „Somit kommen auf jeden Gast drei Kräfte“, erklärt er. „Das gesamte Personal wurde professionell ausgebildet und in Workshops im Umgang mit Demenz-Kranken trainiert.“ Nicht selten ist außerdem Fachpersonal aus der Heimat vor Ort, das seine Mitarbeiter in Seminaren, zum Beispiel zum Thema Notfall-Management, weiterbildet.
„Überhaupt bringen die Thais schon von Hause aus sehr viel mit und gehen äußerst respektvoll und wertschätzend mit älteren Menschen um. Für die Jüngeren ist es selbstverständlich, dass sie sich um die Alten kümmern.“ Je nach Berufsqualifikation verdienen die Betreuerinnen und Betreuer bei dem Schweizer 7.500 bis 13.000 Baht pro Monat und arbeiten im Schichtsystem. Sie stehen den Gästen 24 Stunden am Tag zur Verfügung und schlafen sogar in den Häusern der Alzheimererkrankten. Regelmäßig kommt außerdem ein Arzt aus dem nahe gelegenen Krankenhaus in das Alzheimerzentrum, um sich über die Gesundheit der Patienten zu vergewissern. „Er steht uns auch als ärztlicher Berater jederzeit zur Verfügung.“
Ferienlager anstatt Altersheim
Woodtli selbst hingegen spricht von Gästen anstatt von Patienten und zollt ihnen somit Respekt zu ihrem bisher gelebten Leben. „Ich habe hier die schöne Erfahrung gemacht, dass sich das Alzheimerzentrum bis heute seinen Urlaubscharakter bewahrt hat. Es gleicht eher einem Ferienlager als einem Heim. Die Gäste sind in einem fremden Land und leben in familiärer Atmosphäre miteinander, anstatt weggesperrt und isoliert zu werden. In Europa hingegen werden sie wie Kranke behandelt. Natürlich leiden sie an einer schweren Krankheit und sind auf ständige Hilfe- und Pflegeleistung angewiesen, das ist klar. Doch hier wird dem Ganzen mit dem Urlaubscharakter einfach die Schwere genommen. Auch mag die Betreuung vielleicht etwas unprofessioneller wirken als in einem Pflegeheim in Europa, doch dafür erfolgt sie bei uns viel menschlicher.“
Nicht selten erhält er neben E-Mails und Anrufen von Hilfesuchenden, die nicht mehr wissen, was sie in puncto Betreuung mit ihren erkrankten Verwandten tun sollen, auch lukrative Angebote von Investoren, die mit dem Pflege-Konzept des Schweizers die Kasse ordentlich klingeln lassen wollen. So wurde ihm unter anderem ein Resort angeboten, wo er sein Alzheimerzentrum zu einem Pflegeheim ausbauen könnte. „Davon halte ich jedoch überhaupt nichts. Denn es muss natürlich noch Herzblut dabei sein. Und das geht in einem 50 Betten umfassenden Altenheim wohl kaum. Denen geht es doch primär um das schnelle Geld als um die Sache an sich.“
Daher möchte er auch nicht mehr als zwölf Gäste bei sich aufnehmen. „Einen Platz reserviere ich stets für Ferienaufenthalte. Zum Beispiel, wenn jemand seinen an Alzheimer erkrankten Partner oder seine demenzkranke Partnerin hier für einen Erholungsurlaub unterbringen möchte. Für die Familienmitglieder hingegen stellt der Aufenthalt des Erkrankten in Thailand dann gleichsam Entlastungsferien dar“, sagt Woodtli und weist im selben Atemzug darauf hin, dass die private häusliche Pflege rund um die Uhr hart an die persönliche Substanz geht.
Zahnpasta statt Gesichtscreme
„Die schwierigste Phase der Krankheit ist immer der Beginn. Denn dann nehmen die Betroffenen ihre Defizite noch selbst wahr und reflektieren diese, weshalb viele in tiefe Depressionen oder auch Aggressivität abdriften. Sie reagieren wütend, da sie ihre eigenen Ausfälle nicht respektieren. Nicht selten verfallen sie dann auch dem Alkoholkonsum“, erklärt der Schweizer. „Danach folgt eine nicht einfachere Phase, wo die an Alzheimer Erkrankten denken, dass sie alles richtig machen. Meine Mutter hatte sich zum Beispiel das Gesicht mit Zahnpasta anstatt Hautcreme eingerieben, was sich einerseits lustig anhört, in anderen Fällen jedoch auch sehr böse enden kann. Später, in der fortgeschrittenen Phase der Demenz, wissen die Betroffenen gar nichts mehr, nicht mal wie sie essen.“
Die Finanzierung des Alzheimerzentrums erfolgt ausschließlich durch die Beiträge der Familien. Mit etwa 2.000 Euro pro Monat, all inclusive, kostet der Lebensabend in Thailand etwa die Hälfte des Platzes in einem Rund-um-die-Uhr-Pflegeheim in Deutschland. Auf die Frage, ob die Alten in Thailand nicht eine Entwurzelung erleiden, antwortet Woodtli: „Meines Erachtens nur bedingt. Denn die Entwurzelung findet bereits dann statt, wenn die Krankheit beginnt. Alzheimerkranke erleben einfach alles total verschoben. So bekleidet sich zum Beispiel einer meiner Schweizer Gäste im Baan Kamlangchay in den Wintermonaten auch hier bei 35 Grad Celsius mit einer Winterjacke. Schließlich könnte es ja schneien!“
Björn Jahner
Baan Kamlangchay
121/72 Moo 7
Faham Village
T. Faham A. Muang
Chiang Mai 50000
Tel.: +66 (0)53-852.827
Mobile: +66 (0)86-913.36.14
E-Mail: info@alzheimerthailand.com
www.alzheimerthailand.com
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