Warten auf das Wasser,
Hamsterkäufe und Realität
Die Metropole Bangkok übersteht Flutwelle
Seit Wochen heißt es: das Wasser kommt. Bangkok versinkt. Ich war die ganze Zeit in Bangkok. Hier also ein kleines Tagebuch über die letzten zwei Wochen.
Donnerstag, 13. Oktober
Die Lage für Hunderttausende Menschen in den Hochwassergebieten in Thailand wird immer dramatischer. In der Eingangshalle des Gebäudes der Caritas Thailand stapeln sich Hilfsgüter für Hochwasseropfer. „Wir sind auf das Schlimms-te gefasst“, sagte Pater Pairat Sriprasert, Generalsekretär der Caritas. Hunderte freiwillige Helfer sind pausenlos im Einsatz, um Hilfsgüter wie Nahrungsmittel und Medikamente zu den Hochwasseropfern in den Notlagern zu bringen. „Am Samstag werden wir in Notlagern in der Provinz Uthai Thani Küchen aufbauen“, sagt der Pater.
Freitag, 14. Oktober
Am frühen Nachmittag geht ein Wolkenbruch über Bangkok nieder. Im Nu steht das Wasser gut zehn Zentimeter hoch in der Charoen Krung Straße. Gott sei Dank ist der Regenguss nicht von langer Dauer. Am Nachmittag nehme ich ein Taxi raus nach Rangsit zum Campus der Thammasat- Universität. Mehr als 1.000 Hochwasserflüchtlinge haben in einer Turnhalle Obdach gefunden. Als das Lager acht Tage später selbst überschwemmt wird, müssen mehr als 3.000 Menschen evakuiert werden. Bei meinem Besuch ist die Stimmung im Lager heiter. Es gibt zu essen, zu trinken, ein Dach über dem Kopf, Musik, Entertainment. Sanuk eben. An dem Nachmittag besucht auch der deutsche Botschafter Rolf Schulze Rangsit. Mitgebracht hat er Decken, Matratzen und für die Kinder Bälle als „kleine Geste“ im Gepäck und das große Versprechen auf deutsche Hilfe für den Wiederaufbau der Flutgebiete.
Dienstag, 18. Oktober
Am späten Nachmittag mache ich mich auf in den Top Markt im Silom Komplex. Brot, Käse und Milch stehen auf dem Einkaufszettel. Kriege ich auch. Aber bei anderen Produkten, wie Zahncreme, Softdrinks und Nudeln, sieht es düster aus. Die Regale sind leer. In den Zeitungen hatte ich schon von Hamsterkäufen und Versorgungsengpässen gelesen, aber angenommen, das sei ein Problem in den Hochwassergebieten in Rangsit oder Nonthaburi, nicht aber auf der Silom.
Samstag, 22. Oktober
Ich habe viel über das Hochwasser gelesen, Betroffene gesprochen, Experten interviewt, aber ES, the real thing, noch nicht erlebt. Also rufe ich Nana, einen pfiffigen und des Englischen mächtigen Taxifahrer an und bitte ihn, mich zum Hochwasser zu fahren. Wir fahren nach Bang Yai in Thonburi. Dann ist es plötzlich da, das Wasser. Überall. Überschwemmte vierspurige Straßen, Leute bis zu den Oberschenkeln im Wasser, Menschen in Taxis, privaten PKWs, auf Armeelastwagen, auf der Flucht vor dem Wasser. Bilder, die man aus dem Fernsehen schon kannte. Und doch ist die Realität schockierender, erschreckender, ergreifender.
Nana fährt über eine überschwemmte Straße rauf auf einen Flyover. Das Wasser klatscht bei jedem Meter, den wir in dem Stau vorwärts kommen, gegen den Wagenboden. Mir wird mulmig. Aber ein Zurück gibt es nicht. Die Gegenfahrbahn steht schon unter Wasser. Und für einen U-Turn ist der Verkehr zu dicht. Auf der Brücke steige ich aus, schau mir das Ausmaß der Überschwemmung an. Wasser, so weit das Auge reicht. Nana kommt und sagt: „Khun Michael, wir müssen zurück. Das Wasser steigt weiter. Bald kommen wir nicht mehr durch.“ Er hat auf der Brücke den Wagen wenden können. Wir fahren zurück. Wieder durch das Wasser. Vor uns ein LKW mit Kühen. Auf dem schon versunkenen Gehweg läuft ein Mann mit einer Topfpflanze in der Hand. Jeder rettet, was ihm wichtig ist.
Sonntag, 23. Oktober
Abends gehe ich in eine Kneipe in der Silom Straße. Mein Freund Kong ist schon da. Eigentlich sollte es ein normaler Bierabend werden. Abschalten, plaudern, Musik hören. Aber es geht doch wieder nur um das Eine, das Hochwasser. Alle paar Minuten checkt Kong die SMS-Hochwasserupdates auf seinem iPhone. Immer wieder schauen wir auf eine Dauernachrichtensendung im Fernsehen mit den neuesten Hochwasserbildern.
Dienstag, 25. Oktober
Ich fahre raus nach Chaeng Wattana zur Immigration, um das Visum verlängern zu lassen. Eigentlich hatte ich an dem Tag dazu keine Zeit. Aber es schien die letzte Möglichkeit vor den von der Regierung verkündeten Sonderferien für die Behörden zu sein. Zudem bestand die Gefahr, dass auch die Immigration durch das Hochwasser nicht mehr erreichbar sein könnte. Ich war wohl nicht der Einzige, der so dachte. Die Immigration war noch voller als sonst.
Mittwoch, 26. Oktober
Der Foreign Correspondents Club Thailand (FCCT) hat Experten zu einer Podiumsdiskussion über das Hochwasser eingeladen. Darunter Chaiyuth Sukhsi, Professor für Wasserbau an der Chulalongkorn-Universität, und Bhichit Rattakul, Ex-Gouverneur von Bangkok und frisch ernannter Verbindungsmann zwischen dem Krisenzentrum FROC und der BMA. Das in der Kritik stehende FROC war auch eingeladen, hatte aber keinen Vertreter geschickt. Das Fazit der Experten: die schlechte Informationspolitik und teilweise falsche Maßnahmen sind der Dominanz der Politik über Experten geschuldet, führen zu Panik und Hamsterkäufen in Bangkok.
Donnerstag, 27. Oktober
Ich buche meinen Jetstar-Flug nach Singapur um. „Wie Sie wissen, gibt es in Bangkok das Hochwasserproblem. Deshalb haben wir die Umbuchungsgebühren gestrichen“, sagt der nette Herr im Callcenter. Auch andere Airlines wie Bangkok Air haben ihre Gebühren für Umbuchungen oder Stornierungen außer Kraft gesetzt.
Immer mehr Pressemitteilungen über Hilfen für Thailand kommen rein. Der österreichische Botschafter Johannes Peterlik hat zusammen mit dem Wat Prayong in Nong Chok mehr als 400.000 Baht (9.000 Euro) für Nahrungsmittel, Bekleidung, und Medikamente für Hochwasseropfer gesammelt. Unicef kündigt die Lieferung von 20.000 Moskitonetzen für die Menschen in den Evakuierungszentren an.
Am Nachmittag fahre ich zum Siam Square. Eigentlich soll ich für das deutsche Reisemagazin JWD ein paar Fotos machen. Daraus wird nichts. Die wollen ‚normale’, zeitlose Bilder. Aber die lassen sich nicht aufnehmen. Jedes Geschäft hat sich hinter Sandsackwällen verbarrikadiert. Gäbe es einen Preis für den originellsten Hochwasserschutz, dann hätte der Beauty Salon Etude House den verdient. Der hat seine Sandsäcke mit einer Plastikplane in Girly-Rosa abgedeckt. Stil muss sein, auch beim drohenden Untergang.
Ein Restaurant hat seine Produktpalette erweitert und verkauft durchs Fenster hinter einem meterhohen Sandsackwall Wasser im Literflaschensixpack. Die Thais stehen Schlange.
Freitag, 28. Oktober
Immer mehr Länder geben Reisewarnungen für Bangkok raus. Den Anfang machte schon am Donnerstag Großbritannien. Am Freitag rief das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten alle Schweizer auf, die thailändische Hauptstadt vorübergehend zu verlassen. Auf der Webseite des Auswärtigen Amtes in Berlin heißt es: „ Von nicht unbedingt erforderlichen Reisen in den Großraum Bangkok und Zentralthailand wird dringend abgeraten.“ Auch die USA warnen vor Bangkok.
Der große Exodus hat begonnen. Bangkok ist leer. Zu Zehntausenden haben sich die Menschen in die ‚trockenen’ Regionen im Osten und Süden Bangkoks geflüchtet. Die Hotels in Pattaya sind ausverkauft, Hua Hin platzt aus allen Nähten, die Phuket Gazette titelt: „Thai Floods: Phuket becomes safe haven in Bangkok exodus.“ Am Wochenende wird es ernst. Die erste Hochwasserwelle wird den Chao Phraya runterrauschen. Wie schlimm wird es werden? Ich kann nur meinen Lieblingsphilosophen Franz Beckenbauer zitieren: „Schaun mer mal.“
Michael Lenz
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