«One Night Husband»: Ehedrama aus Thailand
Sipang und Napat lernen sich kennen, verlieben sich ineinander und heiraten in so kurzer Zeit, dass Sipang sich selbst über ihre impulsive Entscheidung wundert. Doch bevor diese Liebesgeschichte damit endet, dass die beiden glücklich bis an ihr Ende leben, verschwindet Napat nach einem mysteriösen Telefonanruf. Der spannungsgeladene Film folgt Sipang auf der Suche nach einem Mann, den sie eigentlich zu kennen glaubte. Als sie den wahren Gründen für Napats Verschwinden auf die Spur kommt, enthüllt sich allmählich eine bisher unbekannte Seite ihres Ehemanns. Auch Napats Schwägerin Busaba ist in die Angelegenheit involviert, weshalb Sipang sich auf einmal gezwungen sieht, ihre eigenen Ansichten über das Leben und die Liebe zu hinterfragen. Das Dilemma, in dem sie sich befindet, führt den Film zu einem überraschenden Höhepunkt.
Die thailändische Regisseurin Pimpaka Towira beschreibt ihren ersten abendfüllenden Spielfilm als ein Drama zwischen «Mainstream- und Kunstfilm, eine menschliche Geschichte, aus weiblicher Perspektive erzählt.»
(Kuen rai ngao («One Night Husband»), Thailand 2003, 118 Min., von Pimpaka Towira, mit Nicole Theriault, Worawit Kaewpetch)
Kritik
von Alexandra Wach
Thailand gehört zu jenen Ländern, deren Kinofilme international nur wenig Resonanz finden; die Anzahl der Produktionen, die ins deutsche Kino gelangen, ist lächerlich gering. Dabei lassen sich dort Perlen wie das Debüt „One Night Husband“ der 34-jährigen Pimpaka Towira entdecken. Sie ist die erste Experimentalfilmemacherin, die für die Produktion ihres Erstlings ein großes Filmstudio gewinnen konnte. In der Genauigkeit der psychologischen Beobachtung orientiert sie sich an den besten Traditionen des europäischen Autorenkinos, im Spannungsaufbau kann sie es locker mit der amerikanischen Thriller-Konvention aufnehmen.
Es beginnt mit einem Gewitter, und das nimmt das Gefühlskarussell vorweg, dem die Heldin im weiteren Verlauf ausgesetzt ist. Sipang, Anfang 30, verbringt eine leidenschaftliche Nacht mit ihrem gerade frisch angetrauten Ehemann Napat. Dann klingelt das Telefon, und Napat läuft aufgeregt davon. Sipang wartet vergebens auf seine Rückkehr und meldet ihn schließlich bei der Polizei als vermisst. Tage vergehen, bis sich die Frau, die den Verlust der erhofften Zukunft nicht verwinden kann, selbst auf die Suche macht. Täglich frequentiert sie das Polizeirevier, schaut sich eingelieferte Männerleichen an und harrt verzweifelt am Handy aus. Sipang sucht Napats Schwägerin Busaba auf, die von ihrem Ehemann schwer misshandelt wird. Die beiden Frauen schließen langsam Freundschaft, tauschen Zärtlichkeiten aus und lecken gemeinsam ihre Wunden.
Es ist ausgerechnet Busabas gewalttätiger Mann, der Sipang auf die Spur des Verschollenen bringt. Er führt sie in eine Spielhölle, in der sich Napat regelmäßig aufgehalten haben soll. Dort erhält sie auch den Hinweis auf eine junge Geliebte, der sie später in einem Club begegnet. Nach und nach findet Sipang heraus, dass Napat schon einmal verheiratet war – und zwar mit Busaba. In einem leise ausgespielten Showdown erschießt die sowohl von ihrem Mann als auch von ihrer herrischen Mutter Gequälte den abtrünnigen Ex, der sich vor Sipangs Augen als gefühllos und grausam entpuppt. Gemeinsam begraben ihn die Frauen in Busabas Garten, wo er ihnen nicht mehr weh tun kann. Der Ausgang erinnert entfernt an die vielen Männer mordenden Frauenduos der Filmgeschichte, von „Viva Maria!“ (fd 13 847) über „Thelma & Louise“ (fd 29 188) und „Butterfly Kiss“ (fd 31 424) bis zum unseligen „Baise-moi“ (fd 34 542), nur steht hier die individuelle Leidensgeschichte im Vordergrund und nicht die effektvolle Zuspitzung zu einem feministischen Pamphlet.
„One Night Husband“ ist trotz der kriminalistischen Handlung ein unspektakulärer Film, aber als Studie der Desillusionierung und des Verrats – und wie man sich dafür rächt – von so entlarvender Tiefe geprägt, wie man es sonst nur von großen Regisseuren vom Schlage eines Bergman oder Antonioni gewohnt ist. Die beengende Kühle der Räume, die für die Frauen Fluchtpunkte und zugleich Haftzellen sind, wird noch durch den Einsatz von Teleobjektiven verstärkt. Es gibt kaum Dialoge, dafür führt die Kamera ein Eigenleben. Sie schwebt über das Mobiliar, fixiert Zigarettenschachteln in Großaufnahme oder gleitet langsam über Spiegelungen im Wasser. Es sind die gedämpften Pastelltöne der Räume und Kleider, die diese schmerzhafte Emanzipationsgeschichte tragen. Im weiß gebleichten Traum, in dem Sipang ihren Gatten wie ein Neugeborenes beschützt oder in dem Club, in dem sich die Silhouetten der zu kühlen Trip-Hop-Klängen Tanzenden wie Schattenspiele über Sipangs trauriges Gesicht legen. Eine wunderbar melancholische, moderne Großstadtballade im Gewand eines Film Noir, die man in dieser Intensität und formalen Geschlossenheit aus Thailand nicht erwartet hätte.
Originaltitel KUEN RAI NGAO
Thailand, 2003
Produktion GMM Grammy Public Company
Produzent M.L. Mingmongkol Sonakul , Piboon Damrongchaiyatham , Busaba Daoreong
Regie Pimpaka Towira
Buch Pimpaka Towira
Buchvorlage Laddawan Rattanadilokchai , Prabda Yoon
Kamera Christoph Janetzko
Musik Kasemsan Phromsupa
Schnitt Lee Chatametikool
Darsteller Nicole Theriault (Sipang), Siriyakorn Pukkavesa (Busaba), Pongpat Vachirabanjong (Chatchai), Worawit Kaewpetch (Napat), Piatip Kumwong (Busabas Mutter)
Länge 135 Minuten
Verleih Kino: Freunde der Detuschen Kinemathek |